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Innere Medizin 29. September 2008

Stell dir vor, es gibt Koloskopie, und keiner geht hin

Wären nur alle Todesursachen aufgrund bösartiger Erkrankungen so leicht zu verhindern. Vor allem seit die Koloskopie in die Vorsorgeuntersuchungen der Krankenkassen Eingang gefunden hat, können Vorstufen leicht erkannt und gleichzeitig entfernt werden. Aber das Bewusstsein, wie wichtig diese Untersuchung sein kann, fehlt der Bevölkerung: Nicht einmal jeder Dritte lässt sie über sich ergehen.

Es wäre leicht zu verhindern, dass Dickdarmkrebs zu den häufigsten Krebstodesursachen in Österreich zählt. Jährlich erkranken daran etwa 5.000 Menschen, das Todesrisiko beträgt etwa drei Prozent. Dies nahm die österreichische Apothekerkammer im Februar dieses Jahres zum Anlass, die 41. Wissenschaftliche Fortbildungswoche in Saalfelden unter das Motto „Verdauungstrakt, Biokraftwerk Mensch“ zu stellen.
Wie die Karzinomvorsorge des Gastrointestinaltraktes zu einer deutlichen Risikosenkung beitragen kann, zeigte Prof. Dr. Gerald Brandstätter vom Landeskrankenhaus Graz West einfach und deutlich. Maßnahmen der Prävention bestehen aus der Ausschaltung von Risikofaktoren durch einen gesunden Lebensstil und die Früherkennung von Risikoläsionen, verbunden mit einer rechtzeitigen Therapie.
Von den absoluten Zahlen her gesehen spielt das Speiseröhrenkarzinom eine eher geringe Rolle. Die jährliche Inzidenz beträgt nur 0,5 Prozent. Patienten mit einer langjährigen Refluxerkrankung sollten dennoch zur Vorsorge endoskopiert werden. Es könnte sich ein Barrett-Ösophagus entwickeln, der schließlich zu einem Adeno-Karzinom entartet.

Helicobacter pylori und Prävention des Magenkarzinoms

„Es besteht kein Zweifel, dass eine über Jahrzehnte bestehende Helicobacter-Infektion einen Risikofaktor für die Entwicklung eines Magenkarzinoms darstellt“, betonte Prof. Dr. Brandstätter. „Eine Eradikation dieses Keimes bedeutet zumindest die Ausschaltung eines Risikofaktors bei dem multifaktorischen Prozess zur Entstehung des Magenkarzinoms.“ Ein starkes Argument für die Behandlung ist, dass es kein Karzinom gibt, bei dem in einer zehntägigen Behandlung das Risiko um einen Faktor drei reduziert wird. Standardtherapie besteht aus: Protonenpumpenhemmer, 100 mg Clarithromycin, 1 g Amoxillin, alle drei Substanzen zweimal täglich durch zehn Tage.

Frühzeitiges Screening

90 Prozent der Dickdarmkarzinome entstehen aus gutartigen Vorstufen von Polypen. Das Lebensrisiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken, beträgt etwa sechs Prozent. Hauptrisikofaktor ist das Alter: Schon ab dem 40. Lebensjahr beginnt ein Anstieg. Eine wesentliche Rolle spielen Ernährung, Alkoholkonsum, Rauchen und Übergewicht. Durch einen gesunden Lebensstil könnten die Dickdarmkrebserkrankungen um bis zu 70 Prozent gesenkt werden. Obwohl diese Krebsform besonders häufig ist, fehlt es in der Bevölkerung an Information und Vorsorgebewusstsein. Nur 30 Prozent der Bevölkerung gehen zu einer Untersuchung – ein Vergleich dazu: 80 Prozent der Frauen gehen zur gynäkologischen Vorsorge. „Gerade die langsame Entwicklung des Dickdarmkarzinoms über sieben bis zehn Jahre bietet die beste Voraussetzung für eine rechtzeitige Diagnose und Therapie“, appelliert Prof. Dr. Brandstätter an mehr Vorsorgebewusstsein und Information durch Ärzte- und Apothekerschaft.

Bluttest und Koloskopie

Der am häufigsten angewandte Test ist der Okkult-Bluttest, die Sensibilität beträgt bei Karzinomen etwa 70 bis 80 Prozent, bei großen Polypen etwa 40 bis 50 Prozent. „Der Goldstandard ist und bleibt die Koloskopie mit einer Trefferrate zwischen 95 und 100 Prozent“, betont der Spezialist. Der große Vorteil liege vor allem darin, dass gleichzeitig eine histologische Diagnose gestellt werden könne. Festgestellte Polypen können ebenfalls gleich entfernt werden.
Die Koloskopie ist seit 2005 im Versorgungsprogramm der Krankenkassen enthalten. Von der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie wird der Okkult-Bluttest ab dem 40. Lebensjahr empfohlen, die Koloskopie ab dem 50. Lebensjahr. Eine Wiederholung soll in fünfjährigen Abständen durchgeführt werden. Bei erhöhtem Risiko – positive Familienanamnesen –,das bei etwa einem Viertel der österreichischen Bevölkerung vorliegt, sollte die erste Koloskopie bereits um das 40. Lebensjahr erfolgen.

Aufklärung des Patienten

Um der Koloskopie ihren Schrecken zu nehmen und die Menschen zu dieser wirklich sinnvollen Vorsorgeuntersuchung zu motivieren, verleiht die Österreichische Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie das Diplom „Sanfte Koloskopie“. Der Patient wird über die Vorgänge aufgeklärt. Vor allem das Trinken der drei Liter Elektrolytlösung bereitet den Patienten Schwierigkeiten. Seit kurzem gibt es jetzt eine Darmspülung mit zwei Liter Elektrolytlösung, die ebenfalls ein sauberes Darmlumen ermög­licht. Auch eine Prämedikation für einen schmerzlosen Ablauf des Koloskopie wird dem Patienten angeboten.

NSAR und Aspirin als Prävention?

Die derzeit wirksamsten Substanzen in der Chemoprävention des Dickdarmkarzinoms sind die nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR). Ihre Wirksamkeit wurde in einer Vielzahl von Studien nachgewiesen. Die zweite interessante Substanz, die eine Rolle spielen könnte, ist Aspirin. Auch damit zeigten sich Erfolge bei der Senkung des Risikos. Obwohl die Daten beider Medikamente überzeugend sind, kann daraus keine Empfehlung abgeleitet werden. Beide Substanzen haben teilweise schwere Nebenwirkung für den gastrointestinalen Trakt, bei Aspirin insbesondere Magenblutungen.

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