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Innere Medizin 9. April 2008

Wenn das Kopfhirn das Bauchhirn reizt

„Es sind keine pathologischen Veränderungen im Gastrointestinaltrakt nachweisbar, und trotzdem hat der Patient erhebliche Beschwerden. Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall ebenso wie Verstopfung, typische Anzeichen eines Reizdarmsyndroms“, beschreibt Prof. Dr. Johann Hammer, AKH Wien, Universitätsklinik für Innere Medizin IV, die funktionelle gastrointestinale Störung, kurz FGIS. 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung leiden darunter. Ein Teil der Patienten ist aufgrund der Beschwerden sogar suizidgefährdet.

Der Zusammenhang zwischen psychischen Faktoren und dem Gastrointestinaltrakt ist schon länger bekannt. Sigmund Freud beschrieb die Wirkung von Angst auf Körpervorgänge, insbesondere im Zusammenhang mit dem Colon irritabile. Pavlov beobachtete bei seinen Hunden, dass die Säuresekretion durch psychische Faktoren über den Vagusnerv vermittelt werden kann. Eine ganze Reihe von Studien konnte zeigen, dass sich die Schleimhautdurchblutung bei verschiedenen Emotionen ändert. Zorn, Aggression, aber auch Wohlbefinden gehen mit starker Durchblutung einher, während Furcht, Depressionen und Trennung die Schleimhaut erblassen lassen. Die Erkenntnis, dass zwischen Psyche und gastrointestinalen Funktionen eine Wechselwirkung besteht, führte schließlich zur Entstehung einer neuen Fachrichtung, der Neuro-Gastroenterologie. „Hier werden die Funktionen und Dysfunktionen der Interaktion zwischen Gehirn und Rückenmark sowie den sympathischen, parasympathischen und enterischen Anteilen der Innervation des Verdauungstraktes untersucht“, beschreibt Univ.Prof. Dr. Gabriele Moser, Leiterin der gastro-enterologischen Psychosomatik-Ambulanz im AKH, Univ.Klinik für Innere Medizin IV, das neue Aufgabengebiet.

Kein Entweder-oder für organisch oder psychisch

Das enterale Nervensystem wird auch als Bauchhirn bezeichnet. Das ZNS ist über das vegetative Nervensystem mit dem enterischen Nervensystem verbunden. Sinneseindrücke, wie Geräusche, Stress, Emotionen ebenso wie psychische Faktoren, die in der Großhirnrinde umgesetzt werden, können die Magen-Darmfunktion beeinflussen. Durch eine Fehlsteuerung dieser Signalübertragung – dabei spielen Neurotransmitter eine bedeutende Rolle – kann es zu Dysfunktionen kommen. Die Verbindung Kopfhirn – Bauchhirn ist gestört, Magen und Darm antworten „gereizt“.
Im Rahmen der 41. Wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer in Saalfelden berichtete daher Prof. Moser, wie man Patienten mit FGIS helfen kann. Oft stoßen diese nämlich auf Unverständnis, wobei Sätze wie „Ihre Befunde sind in Ordnung, auf (Nimmer-) Wiedersehen!“ den Leidensdruck der Patienten noch mehr erhöhen. Deshalb empfiehlt Moser, das Zusammenwirken von somatischen, psychischen und sozialen Komponenten, die zu diesen Beschwerden führen, besonders zu beachten. „Damit kann dem dichotomen Denken von entweder organisch oder psychisch entgegengewirkt werden.“

Psychotherapie besser als Medikamente

Das Ziel der Behandlung liegt in der Verminderung der Symptome. Verhaltungstherapie, psychodynamische Therapie, Hypnose, Entspannungsmethoden oder eine Kombination dieser Techniken haben sich bewährt. Studien zeigen eine Überlegenheit der Psychotherapie gegenüber rein medikamentösen Therapien. Wichtig ist für Moser die realistische Zielsetzung: dem Patienten soll nicht Heilung oder Beschwerdefreiheit versprochen werden, sondern eine Besserung der Lebensqualität.
Positives Ansprechen auf Psychetherapie ist zu erwarten, wenn Stress die Symptome auslöst oder verstärkt; wenn milde Angst oder Depression das klinische Bild bestimmt; vorherrschende Symptome Schmerz und Durchfall sind, nicht jedoch bei Verstopfung, wenn der Schmerz sich bei Nahrungsaufnahme oder Stress verändert oder das Beschwerdebild von kurzer Dauer ist.
Wie sehr die psychische Komponente bei der Behandlung mitspielt, hat auch Prof. Hammer beobachtet. Sowohl bei Reizdarm als auch bei Reizmagen sprechen die Patienten besonders gut auf Placebo an. Er empfiehlt insbesondere die Mitarbeit des Patienten, das Führen eines Tagebuches und die Heranziehung eines Psychotherapeuten.

Bauchgerichtete Hypnose

Ein Überblick über die Forschung zu Hypnose bei Reizdarmsyndrom weist darauf hin, dass die Wirkung sowohl über die Veränderung der Psyche als auch der Physiologie zu erklären ist. Die gastrointestinalen Funktionen verändern sich unter dem Einfluss der Hypnose. So konnte eine Arbeitsgruppe um Peter Whorwell in Manchester zeigen, dass sich unter Hypnose die viszerale Hypersensitivität bei Reizdarmsyndrom normalisieren lässt. Auf Grund der Erfahrung der Manchester Gruppe erreichen zwölf Sitzungen zu je einer Stunde wöchentlich über etwa drei Monate einen Langzeiterfolg. Es konnte eine wesentliche Verbesserung des Allgemeinbefindens erzielt werden. Obwohl die psychotherapeutischen Verfahren anfangs kostenintensiv sind, konnte im Vergleich mit einer Symptom-orientierten Medikation eine Kostenreduktion erreicht werden.

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