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Innere Medizin 7. Oktober 2008

Das kurze Läuten der onkologischen Alarmglocke

„The lower, the better“ – der Schlachtruf der Statinsenker scheint in vielen Belangen das richtige Motto zu sein. Aggressiver Lipidsenkung, so Experten, sollte vor allem auch im Rahmen kardiovaskulärer Prävention oberste Priorität eingeräumt werden. Ob dies auch für die Vorsorge bei Aortenklappenstenosen gilt, wollte die SEAS-Studie untersuchen.

Resultate großer Studien belegen, dass zwischen der Senkung des LDL-Cholesterins und der Abnahme des kardiovaskulären Risikos eine lineare Beziehung besteht. Für die Praxis heißt dies, dass man das LDL-Cholesterin gar nicht zu tief senken kann und sich intensive Reduktion vor allem bei Hochrisikopatienten auszahlt. Nun versuchen Kardiologen, diese allgemeinen Erklärungen in Bezug auf spezifische Risikogruppen zu untersuchen. Ein Schritt in diese Richtung ist die am Kongress der European Society of Cardiology (ESC) in München präsentierte SEAS-Studie (Simvastatin and Ezetimibe in Aortic Stenosis). An der groß angelegten Untersuchung waren 173 Kliniken in Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland, Deutschland, Großbritannien und Irland beteiligt. Die 1.873 teilnehmenden Patienten wiesen eine milde bis moderate Aortenstenose ohne Symptome aus, bei denen keine klare Indikation für eine Behandlung mit lipidsenkenden Medikamenten gegeben schien. Die Probanden wurden entweder mit einer Kombinationstherapie von Simvastatin 40 mg/Ezetimib 10 mg (Inegy®) täglich oder Placebo behandelt. Die Autoren der SEAS-Studie wollten der Frage nachgehen, ob diese außerordentlich intensiv-lipidsenkende Therapie das Fortschreiten einer Aortenklappenstenose drosseln kann. Dieser Punkt ist für die Kardiologen schon deshalb von großem Interesse, da es bislang keine effektive Therapie gibt, um eine Progression zu verhindern. Die Krankheit verläuft lange asymptomatisch und hat eine schlechte Prognose.
Gleich vorweg die schlechte Nachricht: Die Herzklappenerkrankung und ihre Folgen konnten auch mithilfe der Simvastatin-Ezetimib-Kombinationstherapie nicht beeinflusst werden. Die gute Nachricht ist hingegen, dass die Behandlung die LDL-Werte im Vergleich zu Placebo um beeindruckende 61 Prozent senkte. Warum trotz dieses positiven Effektes die Verengung der Aortenklappe nicht aufgehalten werden konnte, ist unklar. Studienleiter Prof. Dr. Terje Pedersen von der Universitätsklinik Ulleval, Oslo, mutmaßt, dass die Lipidsenkung möglicherweise zu spät im Krankheitsverlauf einsetzt wurde.
Bezüglich der sekundären Endpunkte der Studie, nämlich durch Atherosklerose bedingte klinische Ereignisse, wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Bypassoperationen oder Katheterinterventionen kam es unter Simvastatin-Ezetimib insgesamt zu einer 22 Prozent niedrigeren Häufigkeit gegenüber einer Placebogabe.
„Dieser Effekt ist auch der Grund, warum hinsichtlich einer Statinintervention immerfort das Prinzip ‚the lower, the better’betont wird“, erklärten vor Journalisten Prof. Dr. Bernd Ebner, Leiter der II. Internen Abteilung mit Kardiologie vom Klinikum der Kreuzschwestern Wels, und Doz. Dr. Otto Traindl, Leiter der 1. Medizinischen Abteilung des Schwerpunktkrankenhaus es Mistelbach. Die Pressekonferenz, die am 10. September in Wien stattfand, sollte ein beunruhigendes Detail der SEAS-Studie näher beleuchten: die Häufung von Krebsdiagnosen in der mit Simvastatin und Ezetimib behandelten Gruppe (105 Fälle gegenüber 70 in der Placebogruppe).
Eber glaubt an einen Zufall, schließlich habe sich noch nie zuvor ein Verdacht ergeben, „obwohl die Substanz seit Einführung mehr als 110 Millionen mal verschrieben wurde“. Ebner hält fest: „Wäre die Ezetimib-Simvastatin-Kombination krebserregend, wäre sie längst vom Markt!“

Nationale und internationale Experten beruhigen

Eine Feststellung, die der Medizinstatistiker Prof. Dr. Karl Pfeiffer von der MedUni Innsbruck teilt: „Die Ergebnisse der SEAS-Studie hinsichtlich der Krebskumulation sind Hypothesen und konnten bei der Begutachtung von wesentlich höheren Fallzahlen nicht bestätigt werden.“
Pfeiffer verwies auf die Bemühungen von Epidemiologen der Universität Oxford, die aufgrund des Krebsverdachtes die SEAS-Daten gemeinsam mit den Daten aus zwei anderen, noch laufenden Studien (SHARP und IMPROVE-IT) mit der Ezetimib-Simvastatin-Kombination begutachteten. Diese Metaanalyse, die Daten von 21.000 Patienten einschloss konnte keine Hinweise auf eine Karzinomhäufung feststellen. Ein weiteres Indiz, das gegen ein erhöhtes Krebsrisiko spricht, ist, dass die im Rahmen der SEAS-Studie aufgetauchten Krebsarten breit gestreut waren, erklärte Prof. Dr. Michael Micksche vom Institut für Krebsforschung der MedUni Wien: „Das größte Risiko für eine onkologische Erkrankung ist das Alter. Und die Tendenz in der SEAS-Studie entspricht dem Alter; Die Verteilung auf die verschiedenen Gruppen ist somit ein Zufallsbefund.“

 Die Ergebnisse der SEAS-Studie

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 40/2008

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