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Innere Medizin 29. September 2008

Editorial: Wenn das Bauchhirn Migräne hat.

Es ist schon erstaunlich: Werden Menschen nach dem Sitz ihrer Gefühle befragt, so bezeichnen die meisten den Bauchraum als deren Ursprung. Nicht umsonst wird davon gesprochen, etwas „aus dem Bauch heraus“ zu entscheiden. Die Embryonalentwicklung gibt einen Hinweis, warum dies so ist: Die Neuralleiste teilt sich im Laufe der Entwicklung, wobei ein Stück vom Kopf umschlossen wird und der andere Teil in das Abdomen wandert (der Vagus bleibt als Informationsbrücke erhalten). So sind etwa hundert Millionen Nervenzellen dort aktiv, wo täglich der Speisebrei durchgewalkt wird – ein deutliches Indiz für die Interaktion von Psyche und Intestinaltrakt: Leidet ein Mensch, so schlagen sich die Probleme auf seine Gedärme und vice versa macht ein chronisch rebellierender Gastrointestinaltrakt das Leben zur Hölle. Drastisch lässt sich dieses Nahverhältnis von Gemüt und Verdauung bei Patienten mit Reizdarmsyndrom (RDS) beobachten; fast 40 Prozent der Betroffenen haben Suizidgedanken.
Wir baten die Künstlerin Allice Wellinger, Covervorschläge für diesen Fokus zu gestalten. Die Treffsicherheit ihrer Skizzen beeindruckte: Eine stellt ein Mädchen dar, das an die Toilette gekettet ist, ein anderes zeigt dunkle Wolken im Abdomen, während rundherum die Sonne erstrahlt und ein Bild zeigt,wie feiernde Menschen zu einer Party strömen, während eine Frau in die Gegenrichtung zum WC läuft. Die Zeichnerin traf den Punkt: Die Betroffenen sind meist weiblich, jung und sie leiden unter den Umständen iher Krankheit. Zum einen werden die Beschwerden nicht ernst genommen und die Patienten aufgrund fehlender organpathologischer Befunde oft als Hypochonder oder Simulanten diffamiert. Zum anderen werden die Leiden aufgrund falscher Scham verschwiegen und führen nicht zuletzt in die soziale Isolation. Aber zumindest eines hoffen wir mit diesem Fokus zu erhöhen, nämlich die ärztliche Sensibilität gegenüber diesem Leiden.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 41/2001

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