zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 28. März 2008

Lebensaufgabe Diabetestherapie

Ein Unglück kommt selten allein. Und so sind die Ärzte eines diabetischen Kindes nicht nur zur optimalen Durchführung der Pharmakotherapie verpflichtet, auch die psychosoziale Betreuung aller Betroffenen tut Not.

„Die Diabetesdiagnose bei einem Kind trifft die meisten Familien wie einen Schock. Als kritisches Lebensereignis erfordert es von allen Familienmitgliedern große Anpassungsfähigkeit“, so Dr. Karin Lange von der Medizinischen Psychologie der Medizinischen Hochschule Hannover am 41. Pädiatrischen Fortbildungskurs Ende Jänner in Obergurgl. „Die ersten Reaktionen der Eltern, vor allem der Mütter, reichen von tiefer Verstörtheit, Leugnung der Realität, Depression, Angst und Schuldvorwürfen bis hin zu Gefühlen absoluter Hilflosigkeit. Viele Kinder weisen, bedingt durch Klinikaufenthalt und emotionale Anspannung der Familien, eine Anpassungsstörung auf.“ Entsprechend bestünde in der Initialphase bei der Mehrzahl der Eltern der Wunsch nach psychologischer Beratung.
Lange: „Eine der familiären Situation angemessene individuelle Erstschulung, die nicht nur das notwendige Wissen und praktische Fertigkeiten vermittelt, sondern auch die emotionale Bewältigung des Diabetes und die praktische Umsetzung der Therapie im Alltag unterstützt, ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Initialbehandlung in dafür qualifizierten pädiatrischen Behandlungseinrichtungen.“ An der Schulung sollten das Kind und beide Elternteile teilnehmen, um Familienkonflikten oder einer Überlastung der Mutter vorzubeugen. „Dazu muss die Schulung so angeboten werden, dass Väter und andere für das Kind verantwortliche Personen umfassend informiert werden können“, betonte Lange.

Altersentsprechende Betreuung

Die Situation der Familien wird durch die körperliche, geistige und soziale Entwicklung des Kindes mit Diabetes definiert, die nicht nur Auswirkungen auf den Insulinbedarf hat, sondern auch den Umfang der Betreuung und die alterstypischen Belastungen und Krisen bestimmt.
Lange weiter: „Für Eltern von Kindern aller Altersgruppen ist es schwierig, gegensätzliche Aspekte der Erziehung und der Diabetestherapie zu vereinbaren: Einerseits erfordert der kognitive und soziale Entwicklungsstand der Kinder eine kontinuierliche Überwachung und klare Verhaltensregeln in der Therapie, andererseits soll ihnen die Möglichkeit zu altersgemäßer Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit geboten werden.“ Kinder im Grundschulalter können ihre Eltern bei der Therapie unterstützen. Sie sollten deshalb ihrer kognitiven Reife entsprechend so über ihre Behandlung informiert werden, dass eine soziale Integration in Schule und Freizeit möglichst wenig eingeschränkt wird.

Krisenzeit Pubertät

Mit dem Fortschreiten der kognitiven Entwicklung realisieren Jugendliche die Chronizität des Diabetes und die persönliche Bedrohung durch Folgeerkrankungen. „Da körperliche Gesundheit und Leistungsfähigkeit das Selbstbild und das Selbstwertgefühl von Jugendlichen wesentlich bestimmen, kann der Eindruck der körperlichen „Minderwertigkeit“ zum Beispiel durch die Erfahrung von unkontrollierbaren Schwankungen des Blutglukosespiegels infolge der nicht vorhersehbaren Wachstumshormonsekretion in der Pubertät zusätzlich verstärkt werden“, betonte Lange.
Bisher vorliegende Studien deuten darauf hin, dass klinisch relevante Störungen – zum Beispiel Anorexia nervosa, Depression oder Angststörung –, die einer umgehenden psychiatrischen Behandlung bedürfen, bei Jugendlichen mit Diabetes nicht häufiger auftreten als in der Allgemeinbevölkerung. Aber: „Dagegen stimmen die meisten Autoren darin überein, dass bei Jugendlichen mit Typ 1 Diabetes ein etwa zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für psychische Belastungsreaktionen und internalisierende Störungen vorliegt.“ Bei Mädchen in der Adoleszenz kann sich der allgemeine Schlankheitsdruck in diabetesspezifischen Ausprägungen einer Essstörung abbilden, etwa im sogenannten „Insulin-purging“, der gezielten Unterdosierung des Insulins beziehungsweise der Nahrungsaufnahme ohne entsprechende Insulingabe. „Dies ist besonders risikobehaftet und führt zu einer erheblichen Belastung der Stoffwechseleinstellung“, warnte Lange.

Mehr als nur Pharmaka gefragt

Aktuelle nationale und internationale evidenzbasierte Leitlinien stimmen darin überein, dass die psychosoziale Betreuung durch Psychologen und Sozialarbeiter ein integraler Bestandteil jeder pädiatrischen Diabetestherapie sein sollte. Lange: „Die Aufgabenfelder umfassen Schulung, regelmäßige psychosoziale Diagnostik, Familien- und Erziehungsberatung, soziale Hilfen, gegebenenfalls Psychotherapie und die Beratung des Teams im Umgang mit verhaltensauffälligen oder hoch belasteten jungen Patienten.“

 Kinderleben

Dr. Karin Reischl, Ärzte Woche 13/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben