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Innere Medizin 24. Jänner 2008

"Dicke Menschen sind faul"

Eine in Deutschland durchgeführte repräsentative Untersuchung zeigt, dass Vorurteile gegen übergewichtige und adipöse Menschen stark verbreitet sind. Eine Nachwuchsforschergruppe aus Marburg sucht nach Möglichkeiten, stigmatisierende Einstellungen zu reduzieren.

Die Adipositas ist eines der gegenwärtig drängendsten weltweiten Gesundheitsproblemen. Nach den aktuellsten Zahlen des Robert-Koch-Institutes sind in der Bundesrepublik 18,1 Prozent der Erwachsenen und 6,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen adipös.

Denken Menschen in der EU ähnlich wie in den USA?

„Über die möglichen medizinischen Risiken des Übergewich-tes wissen wir mittlerweile recht viel“, führt PD Dr. Anja Hilbert, Leiterin einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten und an der Philipps-Universität Marburg angesiedelten Nachwuchsforschergruppe zur Adipositas aus. „Adipöse Menschen sind aber auch Stigmatisierungen und Diskriminierungen in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen ausge-setzt wie z. B. im Bildungswesen, am Arbeitsplatz, aber auch im Gesundheitswesen. Wie US-Untersuchungen zeigen, werden stark übergewichtige Personen als willensschwach, faul und weniger intelligent eingestuft. Bislang wissen wir so gut wie nichts darüber, ob sich das in Europa und besonders in Deutschland ähnlich verhält.“
Um diese Lücke zu schließen, haben die Marburger Wissenschaftler in Kooperation mit Prof. Dr. Elmar Brähler von der Universität Leipzig eine repräsentative Untersuchung in der deutschen Bevölkerung durchgeführt. „Das Ergebnis hat uns schon etwas überrascht“, kommentiert Prof. Dr. Winfried Rief, Philipps-Universität. „Fast ein Viertel der Befragten haben eindeutig stigmatisierende Einstellungen geäußert; nur knapp über 20 Prozent lehnen eine pauschale negative Beurteilung von adipösen Personen ausdrücklich ab. Besonders bemerkenswert ist allerdings, dass 55 Prozent unentschieden sind.“

Komplexität der Adipositas zu wenig bekannt

Weitere 85 Prozent der Befragten gaben an, Adipöse seien im Wesentlichen selbst für ihr starkes Übergewicht verantwortlich, da sie sich einfach zu wenig bewegen und zu viel essen. „Die neuesten Forschungsergebnisse zeigen zwar ganz klar, dass Adipositas durch eine Vielzahl an Faktoren wie genetische Prädisposition, das Lebensumfeld, der jeweilige Lebensstil etc. bedingt wird. Aber in der Öffentlichkeit ist bislang zu wenig bekannt, wie komplex das Übergewichtsproblem eigentlich ist. Wer die Ursachen einer Adipositas vor allem im individuellen Verhalten sucht, neigt auch eher zu Vorurteilen“, erläutert Dipl.-Theol. Jens Ried, Mitglied der Nachwuchsforschergruppe.
Die Wissenschaftler sehen genau darin aber auch eine Möglichkeit, stigmatisierende Einstellungen zu reduzieren. In einem kürzlich abgeschlossenen Experiment mit insgesamt 130 Studenten wurde durch ein computergestütztes Lernmodul über die Entstehung der Adipositas und Stigmatisierung informiert. „Wir konnten feststellen, dass stigmatisierende Einstellungen sich verringern, wenn mehr Wissen über die Adipositas und die verbreiteten Vorurteile vorhanden sind“, berichtet Anja Hilbert. „Wir werden diesen Ansatz weiter verfolgen und verschiedene Strategien gegen Adipositasstigmas testen.“

Quelle: Pressesaussendung der Philipps-Universität Marburg

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