zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 14. Dezember 2007

Risikomanagement bei Hypertonie

Prof. Dr. Jörg Slany erzählt im Ärzte Woche-Interview von den neuen ESC-Richtlinien, vom Umdenken in der antihypertensiven Therapie und dem Global Risk Management bei kardiovaskulären Risikopatienten.

Mit der Problematik der Hypertonie stehe man vor einer riesigen Pandemie, die zum Handeln zwingt. So lautet der Tenor internationaler und nationaler Blutdruck-Experten. Dreiviertel aller Personen über dem 60. Lebensjahr leiden an einem manifesten Bluthochdruck. Die Mortalität ist hoch, die Zahl der Schlaganfälle alarmierend. Dies bedeutet demnach auch massive Kosten, die jetzt schon auf unserem Gesundheitssystem lasten und weiter ansteigen werden. Dabei sind die Folgeerscheinungen des erhöhten Blutdrucks weitgehend vermeidbar. Die Ärzte Woche sprach mit dem Präsidenten der Österreichischen Hochdruckliga Prof. Dr. Jörg Slany, Leiter der 2. Medizinischen Abteilung, Krankenanstalt Rudolfstiftung, Wien, über die neuesten Guidelines und die Möglichkeit, dieser Pandemie entgegenzusteuern.

Sie stehen nun in der Halbzeit Ihrer Amtsperiode als Präsident der Österreichischen Hochdruckliga. Was hat sich im vergangenen Jahr im Bereich der Hypertensiologie getan?
Slany: Als wesentliches Ereignis muss ich da die Publikation der aktuellen Leitlinien der Europäischen Hypertonie Gesellschaft (ESC) nennen. Mit diesem Elaborat werden wir uns sicherlich die nächste Zeit auseinandersetzen können. Die neuen Guidelines heben sich dabei kaum von den alten Leitlinien oder unseren nationalen Empfehlungen ab. Vielmehr stellt das rund 85 Seiten starke Werk ein „Educational-Paper“ dar und kann durchaus als Informations- und Aufklärungsschrift verstanden werden. Ich persönlich finde die Arbeit als durchwegs gelungen, nicht zuletzt aufgrund der umfangreichen Literaturangaben zum Text, sodass jeder Interessierte die Möglichkeit hat, die Originalarbeiten, die den Leitlinien zugrunde liegen, aufzusuchen.

Welche Kernpunkte lassen die neuen Guidelines erkennen?
Slany: Generell ist man im Einsatz mit der antihypertensiven Therapie weitaus liberaler geworden – sei es die Wahl der Erstmedikation oder die Art der Kombination. Wesentlich ist es lediglich, den Zielwert und eine durchgehend gute 24-Stunden-Wirkung zu erreichen. Dies ist eine sehr pragmatische Herangehensweise. Das heißt aber auch, dass gewisse Medikationen, von denen man bislang nicht allzu überzeugt war, nun durchaus wieder en vogue sind. Auch die Kombinationstherapie eines Kalziumantagonisten mit einem Thiazid, die lange Zeit als nicht wirkungsvoll eingestuft wurde, bekommt in dieser Arbeit eine recht gute Bewertung.

Wie sieht es mit den in Ungnade gefallenen Betablockern aus?
Slany: Auch hier steuert die ESC einem Trend der letzten Zeit etwas entgegen und reiht die Betablocker wieder nach vor in die First-Line-Therapie. Damit wird der umgekehrte Weg wie bei NICE beschritten (Anmerkung: die britische Behörde National Institute for Health and Clinical Excellence riet vor einem Jahr von Betablockern als Erstmedikation bei der unkomplizierten arteriellen Hypertonie ab). Dafür fällt diese Substanzklasse beim Metabolischen Syndrom wieder hinaus. Auch die Kombination von Betablockern mit Thiaziden wurde herabgestuft, da sich diese Behandlung als diabetogen erwies. Es macht in jedem Fall Sinn, sich die Guidelines im Detail anzusehen, etwa auf der Website der Gesellschaft unter www.escardio.org.

Dem gleichzeitigen Vorliegen von Hypertonie und Diabetes wird ein hohes Risiko attestiert …
Slany: Dies ist richtig. Ob sich die Prognose bei kombiniertem Vorliegen einer Hypertonie mit Diabetes allerdings tatsächlich so sehr verschlechtert, ist noch fraglich. Laut der Kohortenstudie „Mister Fit“ konnte auch nach einer 18-jährigen Beobachtungsdauer bei Hypertonie-Patienten, die zusätzlich einen Diabetes entwickelten, nur eine mäßige Verminderung der Lebenserwartung beweisen. Weitaus schlechtere Karten haben hingegen Personen mit einem metabolischen Syndrom. Und genau hier gilt es, entgegenzusteuern.

Es scheint, als ob der Trend weg von der isolierten Blutdrucksenkung in Richtung Risikomanagement geht?
Slany: Auch die neuen Guidelines sprechen vom „Global Risk Management“. Diese Herangehensweise wird in den nächsten Jahren unsere Strategie massiv prägen. Es gilt nicht nur, schöne Zielwerte von unter 140/90 zu erreichen, sondern vielmehr all jene Faktoren aufzudecken und zu therapieren, die das Risiko des Betroffenen massiv erhöhen. Liegen weitere Risikofaktoren vor, wie periphere arterielle Erkrankungen, verifizierte Endorganschäden oder entsprechende Laborparameter, so sollten sogar Blutdruckwerte unter 130/80 angestrebt werden. Auch neuere Risikofaktoren, etwa die Pulswellengeschwindigkeit oder die Intima-Media-Dicke der Karotiden werden hier mit einberechnet. All dies kann in den Guidelines nachgelesen werden. Es geht nun, im Gegensatz zur Framingham-Studie, nicht mehr um die Höhe der relevanten Parameter, sondern vielmehr um das prinzipielle Vorliegen eines Risikofaktors.

Wie sollte der Gefäßdruck am besten erhoben werden?
Slany: Die Evaluierung des Blutdruckes sollte auf mehreren Ebenen erfolgen. Die Messung in der Ordination, die Selbstmessung durch den Patienten und das 24-Stunden-Monitoring stellen drei gute Möglichkeiten dar, die Hypertoniesituation des Patienten zu erfassen. Jede Methode hat allerdings ihre Vor- und Nachteile. Es gilt aber auch weiterhin: Je mehr Methoden einen pathologischen Wert zeigen, desto größer ist das Risiko des Patienten.

Wie stehen Sie zu den ersten Daten der HYVET-Studie, die im kommenden Jahr publiziert werden soll?
Slany: Die Vorinformation zu den Studienergebnissen ist vielversprechend und zum Teil erstaunlich. Bei dieser placebokontrollierten randomisierten Studie wurde bei über 80-jährigen Patienten ein möglicher Benefit einer isolierten antihypertonen Therapie untersucht. Trotz der sicherlich schwierigen Compliance bei diesen Patienten ließen sich Daten von über 4.000 Teilnehmern erheben. Die Studie wurde abgebrochen, da im Behandlungsarm eine deutliche Reduktion der Gesamtmortalität erreicht werden konnte. Dies ist insofern bemerkenswert, als selbst in diesem hohen Alter derartige Maßnahmen von prognostischer Relevanz sind. Natürlich lässt sich erst bei Bekanntgabe der Detailergebnisse eine entsprechende Analyse stellen.

Über welche weiteren Aktivitäten können Sie noch berichten?
Slany: Unser Journal für Hypertonie wurde in vielen Punkten erweitert. Es gibt Serien zu Hypertonie und Diabetes, ein Literaturjournal und umfangreiche Berichte über Befunderhebungen im Rahmen der Bluthochdruckdiagnostik.
Die Jahrestagung Mitte Oktober in Mautern, die wir gemeinsam mit den nephrologischen Kollegen durchführten, war – so man den Rückmeldungen glauben darf – ein voller Erfolg. Wir waren mit rund 250 Teilnehmern gut besucht und auch die Qualität der Vorträge war auf einem hohen Niveau.
Erfreulich ist außerdem, dass die Website der Österreichischen Hochdruckliga neu gestaltet wurde. Wir sind dem Ziel, ein ausführliches Nachschlageportal für Ärzte und interessierte Laien zu werden, einen großen Schritt näher gekommen.

Was planen Sie noch für das kommende Jahr als Präsident der Gesellschaft?
Slany: Ich habe noch viele Ideen. Ob ich diese noch umsetzen kann, bleibt natürlich abzuwarten. Ein besonderes Anliegen ist mir aber die Gestaltung des Welt-Hochdruck-Tages am 17. Mai 2008. Im Umfeld dieses Ereignisses werden wir eine Reihe von Aktionen durchführen, um das Bewusstsein der Bevölkerung für den Bluthochdruck erneut zu schärfen.n

Das Interview führte
Dr. Ronny Teutscher

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben