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Innere Medizin 30. Jänner 2008

Ein Virus wird reich

Wenn man mit flachem oder gar angehaltenem Atem in den öffentlichen Verkehrsmitteln steht und jeden misstrauisch beäugt, der innerhalb eines Zwei-Meter-Radius schnieft, so heißt dies nur eines: Die Hoch-Zeit des Influenza-Virus ist wieder angebrochen.

Nun kann man sich selbst beim Bankomaten um die Ecke mit der gefürchteten Influenza anstecken. Genfer Wissenschafter fanden heraus, dass sich einige Influenza-Viren bis zu 17 Tage auf Banknoten halten können. Wird das Baumwollgerüst der Geldscheine mit Spuren von Absonderungen menschlicher Schleim­häute vermengt, so bildet sich offensichtlich ein idealer Nährboden für Viren, insbesondere Erreger der Hongkong-Grippe fühlen sich auf dem pekuniären Habitat richtig wohl.

In Österreich angekommen

Wenn man nun selbst der eigenen Brieftasche misstrauen muss, so heißt das, dass die Influenza längst auch in Österreich wütet. „Die Influenza wurde bereits in acht Bundesländern nachgewiesen“, warnte in einer Aussendung Prof. Dr. Franz X. Heinz, Leiter des Virologischen Instituts der Medizinischen Universität Wien.
Der Hauptschuldige konnte mittlerweile identifiziert werden: Es ist die Influenza A H1N1, deren weitere Entwicklung im Rahmen des DINÖ (Diagnostisches Influenza Netzwerk Österreich) mit Argusaugen verfolgt wird.
Auch im Gesundheitsministerium nimmt man die Grippewelle nicht auf die leichte Schulter. So erklärt etwa der Generaldirektor für öffentliche Gesundheit, MR. Prof. Dr. Hubert Hrabcik, in einer Medieninformation, dass es sich beim diesjährigen Virus um eine besonders aggressive Variante handele, die ernstzunehmende Komplikationen, vor allem Lungenentzündungen, verursachen könne. Hrabcik befürchtet eine Mortalität, die über den sonst üblichen 3.000 Todesfällen einer Grippewelle liegen könnte.
Im Internet kann unter der Adresse www.influenza.at ein genaues Bild von der aktuellen Ausbreitung abgerufen werden. Auch die Ärzte Woche wird anhand dieser Daten ein wöchentliches Update erstellen und als Influenza-Info (siehe rechts) präsentieren. Nach der amtlichen Bescheinigung der Grippewelle können in acht von neun Bundesländern Neuraminidasehemmer zur Therapie der Influenza auf Kassenkosten verschrieben werden (Oberösterreichs Bestätigung steht noch aus).


Fakten

Historisches Phänomen „Grippe“

Das Mittelalter brachte eine neue Krankheit, die aus dem Osten über Europa fegte. Zwar war man durch Pest und Cholera einiges gewöhnt, trotzdem traf das rätselhafte „epidemische Fieber“ die Bevölkerung hart.
„Es war die Grippe“, ist Wolfgang Behringer, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit überzeugt. Der Kulturhistoriker der Universität Saarland sichtete zahlreiche Quellen, die teils neu erschlossen wurden. Besonders hilfreich waren die Aufzeichnungen des Hans Fugger (1531-1598) und des kaiserlichen Botschafters in Spanien Hans Khevenhüller (1538-1606).
„Im Schnitt gab es drei bis sechs weltweite Grippe-Ausbrüche pro Jahrhundert“, schreibt Behringer und verweist vor allem auf die einschneidenden historischen Auswirkungen. So war etwa der spanische König Philipp II just erkrankt, als sein Heer gen Portugal marschierte, um sein Imperium zum größten je existierenden Weltreich auszubauen. Damals stand Europa vor einem Scheideweg.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 5/2008

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