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Innere Medizin 14. Dezember 2007

Hypertonietherapie zahlt sich auch im Alter aus

Die HYVET-Untersuchung wurde nach rund sechs Jahren im Juli dieses Jahres vorzeitig gestoppt. Die über 80-jährigen Patienten, deren Hypertonie effizient behandelt wurde, hatten deutliche Vorteile hinsichtlich kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität – ein Ergebnis, das so manche Richtlinien wackeln lässt.

Blutdruckstudien mit Patienten über 65 Jahre sind bislang ausreichend vorhanden. So konnten einige Untersuchungen (SYSTEUR, STOP-Hypertension, SHEP, EWPHE-Studie) zeigen, dass bei älteren Hypertonikern die Drucksenkung vor allem die Inzidenz apoplektischer Insulte und die Herzinsuffizienz reduziert. Bei Patienten über 80 Jahren fehlten bisher allerdings aussagekräftige große, prospektive Untersuchungen. Die mangelnden Daten betreffen beileibe keine Randgruppe, denn die Population der über 80-Jährigen wächst von allen Bevölkerungsgruppen am stärksten. In Österreich wird ihr Anteil laut Statistik Austria von derzeit vier Prozent bis zur Mitte des Jahrhunderts auf voraussichtlich elf Prozent anwachsen.
Nun wurden aber die seit Jahren erwarteten ersten Resultate einer Studie publiziert: Die internationale HYVET-Studie (Hypertension in the Very Old Trial) überprüfte bei 3.845 über 80-Jährigen die Wirksamkeit von blutdrucksenkenden Medikamenten.

Doppelblind und placebokontrolliert

Unter der Federführung des Imperial College London wurden seit dem Jahr 2001 den betagten Patienten und Patientinnen in der randomisierten Doppelblindstudie entweder ein Placebo oder ein niedrig dosiertes Diuretikum (Indapamid 1,5 mg SR) und, falls nötig ,ein ACE-Hemmer (Perindopril) in Tablettenform einmal pro Tag verabreicht.
Die ersten Erhebungen offenbarten einen derartigen Vorteil für die mit dem Verum behandelten Patienten, dass das Data Safety Monitoring Board empfahl, die Studie vorzeitig zu beenden. Der Lenkungsausschuss der HYVET-Studie kam dieser Empfehlung im Juli dieses Jahres nach. Die Wissenschaftler unter der Leitung des Geriaters Prof. Dr. Chris Bulpitt kommentieren die Ergebnisse folgendermaßen: „Vor unserer Studie war nicht klar, ob über 80-Jährige von einer Blutdruck senkenden Behandlung profitieren, wie dies bei jüngeren Patienten der Fall ist. Unsere Ergebnisse lassen nun darauf schließen, dass auch beim alten Menschen durch eine antihypertensive Therapie das Schlaganfall- und Mortalitätsrisiko deutlich reduziert werden kann.“
Prof. Dr. Jörg Slany, Leiter der 2. Med. Abteilung an der Rudolfstiftung in Wien, begrüßt in einer Aussendung die neuen Erkenntnisse, denn bisher beruhte die Hypertonietherapie alter Menschen auf „wackeligen Ergebnissen einer kleinen Meta-Analyse und der methodisch anfechtbaren HYVET-Pilotstudie. Beide zeigten zwar eine Abnahme von Schlaganfällen und Hospitalisierungen wegen Herzinsuffizienz, aber auch einen Trend zu erhöhter Sterblichkeit.“

Grundlage für Entscheidungen

Die österreichischen Hypertonie-Richtlinien gingen ebenfalls davon aus, dass bei alten Menschen die kardiovaskuläre Morbidität durch eine Normotonie deutlich gesenkt werden kann. Dieser Vorteil werde jedoch durch eine geringfügig erhöhte Mortalität erkauft. Eine Sichtweise, die nun wohl hinterfragt werden muss. Slany: „Die Reduktion von Schlaganfällen in der HYVET-Studie durfte erwartet werden, die beobachtete Senkung der Gesamtsterblichkeit hingegen kommt einer Sensation gleich.“
Noch müssen alle erhobenen HYVET-Daten endgültig ausgewertet werden und sämtliche Probanden abschließend untersucht werden. Danach wird eine große Wissenslücke geschlossen werden, so Slany, und „auch den bedeutenden Unsicherheitsfaktor beseitigen, ob und wie der Bluthochdruck bei einer großen Zahl von alten Menschen behandelt werden soll. Und wir Ärzte werden das gute Gefühl haben, dass wir durch einzelne Maßnahmen die Lebenserwartung hochbetagter Menschen deutlich verlängern können.“

Raoul Mazhar, Ärzte Woche

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