zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 12. Dezember 2007

Depression und kardiovaskuläre Erkrankungen

Die Volksweisheit hat schon lange eine Verbindung zwischen Depressionen einerseits und kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität andererseits gesehen. Erst in den letzten fünfzehn Jahren hat man jedoch wissenschaftliche Beweise gefunden, die diese populäre Ansicht stützen. Seit Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde in verschiedenen Studien bei stationären Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK) eine Prävalenz schwerer Depressionen zwischen 17 und 27 Prozent gefunden.

 Schwermut
Krankhafte Schwermut kann den Verlauf kardiovaskulärer Erkrankungen verschlimmern.

Foto: Ermalin / pixelio.de

Es spricht immer mehr für die Tatsache, dass eine Komorbidität von Depression und Herz-Kreislaufkrankheiten nicht zufällig auftritt; die für die Beziehung zwischen diesen Erkrankungen verantwortlichen Mechanismen sind jedoch noch nicht ausreichend erforscht. Thrombozytenanomalien, autonomer Tonus und Aspekte des gesundheitsbezogenen Lebensstils sind neben anderen Faktoren dafür verantwortlich gemacht worden. Es wäre aber auch möglich, dass Depressionen und Gefäßkrankheiten gemeinsame genetische Ursachen aufweisen, die eine höhere Krankheitsanfälligkeit zur Folge haben.
Außerdem gilt es heute als so gut wie erwiesen, dass Depressionen den Verlauf kardiovaskulärer Erkrankungen verschlimmern und die Compliance der Patienten hinsichtlich der Medikamenteneinnahme und Präventionsmaßnahmen negativ beeinflussen. Bis heute gibt es jedoch leider nur wenige randomisierte kontrollierte Studien zur Bewertung der Effizienz der Behandlung von schweren Depressionen bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit.

Klinisch gesund, aber depressiv

Im Gefolge eines akuten Koronarsyndroms finden sich häufig Depressionen, die ein erhöhtes Mortalitätsrisiko mit sich bringen. Klinisch gesunde Personen, die an Depressionen leiden, weisen ein signifikant erhöhtes Risiko auf, im weiteren Verlauf ihres Lebens Herzinfarkte oder Schlaganfälle zu erleiden. Das akute Koronarsyndrom verursacht sowohl psychischen als auch physiologischen Stress, der häufig für die nach einem akuten Koronarsyndrom auftretenden Depressionen verantwortlich gemacht wird.
Weiters ist auch die Herzfrequenzvariabilität (HFV) – ein anerkanntes Maß für Aktivitätsfluktuationen des autonomen Nervensystems – ein unabhängiger Mortalitätsprädiktor. Ältere Untersuchungen haben ergeben, dass die HFV 3–12 Wochen nach einem Myokardinfarkt um etwa 50 Prozent erhöht ist. Bei Patienten mit Depressionen nach einem akuten Koronarsyndrom könnte daher eine Verbesserung der HFV auf die pharmakologische Wirkung eines Antidepressivums, auf eine von der Verabreichung eines Medikaments unabhängige Stimmungsverbesserung oder auch auf die Genesung von den Folgen der akuten Herzläsion zurückzuführen sein.

Depressionsbehandlung bei Patienten mit KHK

Nur wenige entsprechend kontrollierte Studien haben sich mit der Frage befasst, ob eine Behandlung mit Antidepressiva bei KHK-Patienten wirksam beziehungsweise risikofrei ist. Die umfassendste derartige Studie, der „Sertraline Antidepressant Heart Attack Trial“ (SADHART; Glassman et al., 2002), zielt auf die Bewertung der Sicherheit und Wirksamkeit von Sertralin in der Behandlung schwerer Depressionen bei einem akuten Koronarsyndrom ab. Dabei wurden keine unerwünschten Nebenwirkungen der Sertralintherapie gefunden; das Antidepressivum erwies sich als sicher und wirksam bei Depressionen nach Herzinfarkt, und man konnte eine Senkung der Todesfälle beziehungsweise der Myokardinfarkt-Rezidive beobachten. In gezielten Subgruppenanalysen erwies sich Sertralin bei Patienten mit wiederholten Depressionen bzw. schweren Depressionen gegenüber Placebo als eindeutig überlegen.

Eins zu Null für die Pharmakotherapie?

Eine randomisierte, kontrollierte zwölfwöchige Parallelgruppenstudie, die „Canadian Cardiac Randomized Evaluation of Antidepressant and Psychotherapy Efficacy“ (CREATE; Lesperance et al., 2007), war die erste speziell auf die Bewertung der kurzfristigen Wirksamkeit und Verträglichkeit ausgerichtete Untersuchung von zwei Behandlungsschemata zur Therapie von Depressionen bei KHK-Patienten: Citalopram, ein First-line-Antidepressivum aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), und interpersonelle Psychotherapie (IPT), eine kurzfristige, manualgeführte Psychotherapie mit Fokus auf den sozialen Kontext der Depression. Diese Studie dokumentiert die Wirksamkeit der Verabreichung von Citalopram in Verbindung mit einem wöchentlichen klinischen Management für die schwere Depression („Major Depression“) bei Patienten mit KHK, erbrachte aber keine Beweise für den Zusatznutzen von IPT im Vergleich zum klinischen Management. Ähnlich wie die Ergebnisse von SADHART stellte auch CREATE fest, dass die antidepressive Therapie mit SSRIs KHK-Patienten bei Rezidiven einen signifikant größeren Nutzen brachte als bei Erstanfällen.

Klinische Bedeutung der Depressionsbehandlung

Depressionen sind für den Patienten belastend und sollten daher intensiv behandelt werden, sofern Anzeichen für den Nutzen einer solchen Behandlung vorliegen; schwere Depressionen nach Myokardinfarkt sind stets mit einer etwa dreifachen Erhöhung der kardialen Mortalität verbunden, was durch jüngere Studien erneut bestätigt wird.
Schwere Depressionen haben starke negative Auswirkungen auf die Normalisierung der Herzfrequenzvariabilität (HFV) nach akuten koronaren Ereignissen. Es besteht heute kein Zweifel, dass Depressionen auch mit biologischen Veränderungen wie erhöhter Herzfrequenz, Entzündungsreaktionen, Plasma-Noradrenalin, Thrombozytenreaktivität oder mangelnder Normalisierung der HFV nach akutem Koronarsyndrom assoziiert sind, die alle lebensbedrohliche Konsequenzen haben können. Schwere Depressionen führen auch zu einer mangelhaften Einhaltung ärztlicher Anweisungen und zu einem unzureichenden Gesundheitsverhalten.

Depression birgt kardiales Risiko

Aufgrund der vorliegenden Studienergebnisse sind bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK) und schweren Depressionen die selektiven Seroton-Wiederaufnahmehemmer Citalopram oder Sertralin in Kombination mit klinischem Management als erster Schritt einer erfolgreichen Therapie anzusehen. Es besteht jedoch ein Bedarf an weiteren Studien, um Interventionen zur Prävention der negativen Auswirkungen von Depressionen auf die Prognose kardialer Erkrankungen zu bewerten.
Vom klinischen Standpunkt aus sind depressive Patienten nach einem Myokardinfarkt, vor allem solche mit früheren depressiven Episoden, sorgfältig zu überwachen und intensiv zu behandeln, da sie ein erhöhtes kardiales Risiko aufweisen und bei ihnen eine spontane Zustandsverbesserung eher unwahrscheinlich ist.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben