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Innere Medizin 14. November 2007

Editorial

Österreich sorgt sich. Unterstützt von den Boulevardblättern zerbrechen sich die Menschen in unserem Land über viele Themen den Kopf: etwa über Atommeiler an unseren Grenzen, gentechnisch manipulierte Lebensmittel sowie tote Schwäne, die mit einer H5N1-Virusinfektion in der Donau treiben. Schlagzeilen, die so manchen Österreicher in einen regelrechten Hysterietaumel treiben.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Natürlich verdienen all diese Bereiche unsere kritische Aufmerksamkeit. Wer fühlt sich im Schatten von Atomreaktoren schon wohl? Und freilich könnten genmanipulierte Pflanzen in der Natur bzw. zu Lebensmitteln verarbeitet, bei den Verbrauchern unerwartete Reaktionen hervorrufen. Und es ist gut, dass sich die Experten Gedanken machen, was das H5N1-Virus anrichtet, sollte es jemals die Artgrenze zum Menschen überwinden.
Der Punkt ist jedoch, dass von all diesen potenziellen Gefahren eine äußerst geringe statistische Wahrscheinlichkeit ausgeht, uns als Individuum tatsächlich zu treffen. Und trotzdem nehmen sie einen überbordenden Raum in unseren Köpfen ein. Doch leben wir längst nicht mehr in einer Risiko-Gesellschaft, wie der Soziologe Ulrich Beck in seinem gleichnamigen Buch erklärt, vielmehr ist die Sicherheit des Einzelnen in unserer (westlichen) Gesellschaft ein hohes Gut. Umso irrwitziger scheint es, dass die tatsächlichen Gefahren nur rudimentär wahrgenommen werden. Würden sich unsere Befürchtungen weniger an Unfällen, Katastrophen und Anschlägen orientieren, sondern an konkreten wissenschaftlichen Risikokriterien, könnten wir erkennen, dass die wahren Gefahren im Alltag lauern: etwa im beständigen Griff zur Zigarette. Schließlich löst das Rauchen nicht nur COPD oder Lungenkrebs aus, sondern fungiert darüber hinaus auch als Wegbereiter weiterer schwerer Erkrankungen.
Außerdem schädigt das Verlangen nach Nikotin nicht nur die eigene Gesundheit, mittlerweile wurde mehrfach bewiesen, was die heimische Gastronomielobby beharrlich ignoriert: Streng genommen ist Rauchen Körperverletzung. Oder wie es Prof. Dr. Otto C. Burghuber, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie, in unserem Interview treffend formuliert: Was den Raucherschutz anbelangt, ist Österreich ein Entwicklungsland. Ein effektiver Nichtraucherschutz ohne gesetzliche Grundlage wird aber niemals funktionieren, dennoch ist weiterhin keine brauchbare Regelung in Sicht. Während die EU Dampf gegen den Rauch macht, glänzt Österreich als Bremser.
Und Österreichs Ärzten ist in diesem Szenario die traurige Rolle der mythischen Kassandra zugedacht, dazu verdammt, ungehört zu warnen. Was Troja den Untergang brachte, wird unzähligen Rauchern und deren Umfeld noch viel Leid bescheren. Und daher wage auch ich die Prophezeiung: In Österreich wird erst dann nicht mehr geraucht, wenn es nur noch genmanipulierte Tabaksorten gibt.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 35/2004

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