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Innere Medizin 4. Oktober 2007

Computertastatur als Krankheitsursache

Gefühllose Finger und von der Hand ausstrahlende Schmerzen, die auch mit bis zur Schulter ziehenden Armschmerzen kombiniert sein können, treten typischerweise bevorzugt nachts auf. Meist sind sie Zeichen eines Problems der Halswirbelsäule, nicht selten aber Symptom eines beginnenden Karpaltunnelsyndroms (KTS). Wenn auch noch häufig Gegenstände aus der Hand gleiten und das Öffnen von Flaschen schwer fällt, erhärtet sich der Verdacht auf das Vorliegen eines Nerven-Engpass-Syndroms an der Handwurzel.

Als Karpaltunnel bezeichnet man jene Stelle am Handgelenk, durch die die Nerven vom Unterarm zur Hand fließen. Der Medianus-Nerv am Handgelenk wird durch ständigen Druck durch Umgebungsgewebe (knöcherne Handwurzel und das die Handwurzel überbrückende Band), eingeengt beziehungsweise nachhaltig geschädigt. Durch die Drucksteigerung im abgeschlossenen Kanal wird der Nerv als „schwächstes“ Gewebe zusammengedrückt.
Prof. Dr. Axel Wanivenhaus, stellvertretender Vorstand der Universitätsklinik für Orthopädie am AKH Wien: „Die ersten Symptome sind meist gefühllose Finger, auch ein Kältegefühl kann entstehen. Typisch für das Karpaltunnelsyndrom ist, dass die ersten drei Finger, also vom Daumen bis zum Mittelfinger, betroffen sind, sie werden vom Medianus-Nerv versorgt.“ Im Verlauf der Erkrankung entwickeln sich ausgeprägte Schmerzen, die in den Unterarm gelegentlich sogar bis in die Schulter- und Nackengegend ziehen können. Im fortgeschrittenen Stadium kann sich sogar die Muskelmasse des Daumens verringern. Die Folge eines unbehandelten Nervenkompressionssyndroms ist Kraftlosigkeit der Fingermuskulatur mit Abnahme der Griffstärke insbesondere des Daumens.
Die Beschwerden vergehen, wenn die Ursache der Einengung beseitigt werden kann. Typisch für die Erkrankung ist auch, dass selten Menschen unter 30 Jahren darunter leiden – die meisten Betroffenen sind zwischen 40 und 70 Jahren. „Das Karpaltunnelsyndrom ist ein häufiges Bild, das vor allem Arthrose-Patienten im fünften oder sechsten Dezennium aufweisen“, sagt Prof. Wanivenhaus. Die Gründe für die Entstehung der Erkrankung sind unterschiedlich: Hormonelle Ursachen, aber auch Flüssigkeitseinlagerungen durch Stoffwechselerkrankungen können ebenso wie knöcherne Einengungen nach Knochenbrüchen oder durch Gelenksarthrose der Handwurzel zu einem Karpaltunnelsyndrom führen. Wanivenhaus: „Eine Überlastung des Handgelenks ist in vielen Fällen Ursach­e, denn dadurch wird das Sehnen­gleitgewebe immer dicker, aber auch extreme Beugungen und Streckungen können die Erkrankung begünstigen.“ Rheumatische Erkrankungen, die entzündliche Prozesse hervorrufen, sind ebenso potenzielle Verursacher.
Oft ist es auch die ergonomische Situation am Arbeitsplatz, die die Beschwerden auslöst. Eine falsch positionierte Computer-Tastatur kann zu Reizungen der Sehnenscheiden führen, und die Sehnen im Karpaltunnel schwellen an. Auch ein falsch eingerichteter Fahrradlenker kann die Erkrankung begünstigen. Vorbeugen sollte man entweder durch Vermeidung der genannten Überlastungen und Fehlhaltungen oder durch entsprechende Stütz- und Schutzmechanismen. Da es für ein Karpaltunnelsyndrom relativ typische Symptome gibt, kann die Erkrankung vom Arzt rasch diagnostiziert werden. „Es gibt deutliche Anzeichen, die der Patient berichtet, wie Beschwerden, die anfangs nachts auftreten und meistens die ersten drei Finger betreffen und dass Gegenstände aus der Hand fallen. Weiters ermöglicht die Untersuchung mit der Feststellung der deutlichen Gefühlsunterschiede und der Schmerzen im Nervenverlauf eine relativ klare Zuordnung “, so Wanivenhaus. Im Bereich der Diagnostik unterscheidet man mehrere Möglichkeiten, wie etwa mit Hilfe des Hoffmann-Tinelschen Zeichens. Dabei wird beim Beklopfen des Medianus-Nervs ein Schmerz hervorgerufen. Im Rahmen des Phalen-Tests kommt es zu Schmerzen und Gefühlsstörungen, wenn die Hand extrem gebeugt wird. Der Flaschentest zeigt, ob der Patient eine Flasche umfassen kann. Im Falle eines KTS kann der Daumen nicht ausreichend stabilisieren.
Um auf Nummer sicher zu gehen, kann der Arzt eine Nervenleitgeschwindigkeitsmessung durchführen. Bei dieser Untersuchung werden elektrische Ströme am Nerv gemessen. „Die Resultate dieser Untersuchung ermöglichen eine Bewertung des Schweregrades der Erkrankung“, sagt Wanivenhaus. Neue Möglichkeiten eröffnet aber auch die MRT-Bildgebung. So genannte Handspulen bringen gute Handbilder und liefern wichtige Informationen. Der Vorteil dieser Handspulen: Der Patient muss nicht mehr mit dem ganzen Körper, sondern nur mit der betroffenen Hand in die MRT-Spule. Die Elektromyelographie ist eine weitere neurophysiologische Untersuchungsoption. Dabei wird mit Hilfe einer sehr dünnen Nadel die elektrische Energie im betroffenen Muskel gemessen. Die Ergebnisse geben Aufschluss über die Funktionsfähigkeit der Muskelfasern. Das Verfahren zählt jedoch nicht zu den Standard-Diagnoseverfahren, sondern ermöglicht den Schweregrad eines KTS zu messen und andere Erkrankungen auszuschließen.
Natürlich kann in Frühfällen vor allem bei überlastungsbedingten oder entzündlich hervorgerufenen Engpässen durch entzündungshemmende Medikamente (NSAR) eine Besserung erzielt werden. Verbunden mit einer Schienenbehandlung und eventuellen Infiltration in den Karpaltunnel mit Corticosteroid wird dabei die Begleitentzündung bekämpft und dadurch das Gesamtvolumen reduziert und somit der Nerv indirekt entlastet. Gelingt es durch nächtliche Lagerungsschiene, Vermeidung von auslösenden Belastungen und Einnahme von Medikamenten nicht, die Symptome zu bessern, so sollte operiert werden.

Dr. Doris Simhofer, Ärzte Woche 40/2007

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