zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 28. September 2007

Mit dem Ohr in den Magen blicken

Symptome der gastroösophagealen Refluxerkrankung (GERD) müssen nicht unbedingt auf nahe liegende Regionen beschränkt bleiben. Eine nicht unerhebliche Zahl an atypischen Unpässlichkeiten im HNO-Bereich wird ebenso mit der GERD in Verbindung gebracht.

Im Idealfall kann die gastroösophageale Refluxerkrankung (GERD) anhand der typischen Zeichen wie Sodbrennen oder saures Aufstoßen erkannt werden. Jedoch können diese bei einem großen Teil der Kranken fehlen, was bei der Diagnostik einige Verwirrung stiften kann.
Prof. Dr. Berit Schneider von der HNO-Klinik am AKH Wien, Abteilung für Phoniatrie-Logopädie und Autorin des Buches „Stimmdiagnostik“ (siehe Literatur), erklärt im Interview die Problematik rund um die Refluxlaryngitis.

Prof. Scheider, welche Art von Reflux muss man ernst nehmen und wie häufig ist der Stimmapparat mit betroffen?
Schneider: Nicht jedes Sodbrennen ist zwangsläufig ein Symptom der Refluxkrankheit. Sodbrennen beschreibt eine brennende schmerzhafte Empfindung in der oberen Magengegend, die durch den Rückfluss von Magensäure in den Ösophagus ausgelöst wird. Ein geringfügiger gastroösophagealer Reflux, beispielsweise nach üppigen Mahlzeiten und fettigen Speisen, ist physiologisch. Jeder fünfte Mensch verspürt gelegentlich Refluxsymptome. Sodbrennen, das meist nur kurz andauert, kann diätetisch – etwa mit rohem Sauerkraut – oder mit Natriumhydrogencarbonat gelindert werden. Klinisch relevant ist erst die pathologische Form des Sodbrennens, wenn unphysiologisch lange Refluxphasen auftreten: Refluxkrankheit mit GERD und auch mit laryngealen Veränderungen. Schätzungen gehen davon aus, dass rund zehn Prozent der HNO-Patienten an refluxassoziierten Beschwerden leiden.

Inwiefern kann der gastro-ösophago-pharyngeale Reflux auch den Stimmapparat beeinträchtigen?
Schneider: Der gastro-ösophago-pharyngeale Reflux wird für eine Reihe von Reizungen und entzündlichen Veränderungen am Stimmapparat verantwortlich gemacht. Der Zusammenhang zwischen GERD und Refluxlaryngitis ist bereits seit den späten 60er Jahren bekannt. Chronisch entzündliche laryngeale Veränderungen, die im Zusammenhang mit GERD auftreten, werden auch als laryngopharyngealer Reflux (LPR) bezeichnet. Der LPR zählt zu den extraösophagealen Symptomen.
Häufige Beschwerden sind Halsschmerzen, Heiserkeit, Räusperzwang, Husten und auch Dysphagie, eine schmerzlose Schluckstörung aufgrund von Funktionsstörungen der am Schluckakt beteiligten anatomischen Strukturen.
Pathophysiologisch werden schleimhautschädigende Einflüsse durch gastrische (saure pepsinhaltige) und duodenale (biliäre tryp­sinhaltige) Enzyme verantwortlich gemacht.
Während entsprechend der Refluxtheorie von einer direkten Schleimhautschädigung durch Einwirkung der Verdauungsenzyme ausgegangen wird, scheint auch eine Reizung des N. vagus aufgrund der Säureexposition im unteren Ösophagus für die Symptome mitverantwortlich zu sein.

Gibt es eine typische Eigenart dieser Heiserkeit?
Schneider: Typisch für eine refluxassoziierte Laryngitis ist eine auf übliche Therapien refraktäre Heiserkeit mit Globusgefühl und vorwiegend morgendlichem Reizhusten. Im Gegensatz zu anderen Ätiologien bleibt die Heiserkeit bei LRP von der Stimmbelastung im Wesentlichen unbeeinflusst.
Bei etwa zehn Prozent der Patienten mit chronischem Husten liegt ursächlich ein gastroösophagealer Reflux vor. Für die Entstehung des Hustenreizes ist möglicherweise die vagale Reizung über den ösophagotracheobronchialen Reflex verantwortlich.

Welchen Stellenwert bei der LRP-Diagnose hat die Stimmdiagnostik?
Schneider: Zu einer umfassenden stimmdiagnostischen Untersuchung gehören auditive Stimmklangbeurteilung – etwa die Heiserkeitsbeurteilung durch das erfahrene Ohr des Untersuchers hinsichtlich Differenzierung rauer und behauchter Stimmklanganteile –, entsprechende akustische Stimmklanguntersuchungen, Stimmfeldmessungen, Stimmfunktionsuntersuchungen und die laryngostroboskopische Untersuchungen. Je nach Schweregrad der entzündlichen Veränderungen finden sich unterschiedliche Befundkonstellationen. Bei der Diagnostik des LRP haben Laryngoskopie und Stroboskopie eine zentrale Bedeutung. Typische laryngeale Befunde sind grau-weißliche Schleimhautveränderungen im Interarytaenoidbereich und Rötungen im Bereich der Processus vocales beidseits. Gelegentlich führt die Säureeinwirkung auch zu Kontaktulcera oder -granulomen. Sind die intermembranösen schwingungsfähigen Stimmlippenanteile durch den Reflux entzündlich verändert, lassen sich pathologische Stimmklangveränderungen und Einschränkungen der stimmlichen Leistungsfähigkeit nachweisen.

Welche diagnostischen Maßnahmen stehen noch zur Verfügung?
Schneider: Bei Verdacht auf LRP sollte eine interdisziplinäre Diagnostik mit 24-Stunden-pH-Metrie, Ösophagusmanometrie und Video­cinematographie des Schluckaktes veranlasst werden. 24 Stunden-ph-Metrie-Messungen bei Patienten mit chronischem Husten ergaben in 55 bzw. 79 Prozent der Fälle eine pathologische ösophageale Säureexposition.
Interessanterweise finden sich LRP-typische Schleimhautveränderungen auch zu einem hohen Prozentsatz (64 bis 86 Prozent) bei stimmgesunden Kontrollgruppen ohne Krankheitssymptome. Eine umfassende Diagnostik und Therapie sollte jedoch erst bei subjektiven Beschwerden eingeleitet werden. Im Zweifelsfalle können Patienten mit Zufallsbefunden zu einer Kontrolle einbestellt werden.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 39/2001

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben