zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 9. Mai 2007

Knie-Implantate speziell für Frauen

Das „Gendering“ hält in immer mehr Bereiche der Medizin Einzug. Auch die Orthopäden erkennen gegenwärtig, dass Endoprothese nicht gleich Endoprothese ist und auf die männlichen und weiblichen Gelenksunterschiede Rücksicht genommen werden muss. Die Industrie unterstützt dieses Vorhaben mit neuen Prothesen. Ein Zwischenbericht aus dem Orthopädischen Spital Wien-Speising.

Der künstliche Kniegelenkersatz hat in den letzten Jahren zunehmend an Interesse gewonnen und wird in den kommenden Jahren noch vermehrt an Bedeutung erlangen. Während wir im Orthopädischen Spital Wien-Speising im Jahr 1990 noch ein Verhältnis von Hüft- zu Knieprothesen von 4:1 hatten, wurden im Jahr 2006 erstmals mehr Knieprothesen eingesetzt. In einer kürzlich erschienenen Studie aus den Vereinigten Staaten über die prognostizierte Zahl von Hüft- und Knieendoprothesen zeigt sich – basierend auf Daten des Jahres 2005 –, dass sich der Einsatz von Hüftendoprothesen bis zum Jahr 2030 verdoppeln wird, während im Bereich der künstlichen Kniegelenke mit einer 6-fach höheren Anzahl gerechnet wird.

Stetig bessere Ergebnisse

Es gibt mehrere Gründe für diese Entwicklung. Zum einen ist es die höhere Lebenserwartung der Patienten, zum anderen die vermehrte Beanspruchung durch sportliche Aktivität, die aufgrund von Verletzungen zu vorzeitiger Arthrose führen kann sowie die Tatsache, dass gelenkerhaltende Operationen zunehmend an Attraktivität verlieren, zugunsten des künstlichen Gelenkersatzes. In den letzten zehn Jahren haben sich die Qualität der Implantate sowie die Implantationstechnik derart verbessert, dass mit wesentlich besseren Ergebnissen und längerer Funktionsfähigkeit der Prothese gerechnet werden kann. Die Tatsache, dass sich Männer und Frauen in vielen Dingen deutlich unterscheiden, muss nicht speziell hervorgehoben werden. Dennoch ist auffällig, dass im Medizinbereich erst in den letzten Jahren diese „Erkenntnis“ vermehrt ins Bewusstsein gerückt ist und damit eine verbesserte medizinische Betreuung von Männern und Frauen durch gezielte diagnostische und therapeutische Entwicklungen ermöglicht wurde. ­Dies trifft nun ebenso für den künstlichen Kniegelenkersatz zu, da die traditionellen Knie-Implantate größen- und designmäßig derart konzipiert sind, dass sie „nur“ dem durchschnittlichen Knie des Mannes und der Frau Rechnung tragen. Ziel der Knieendoprothetik war zunächst die Beseitigung der Schmerzen sowie die Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Beweglichkeit. In den letzten Jahren sind jedoch die Ansprüche der Patienten gerade in Bezug auf Bewegung, Umfang sowie Ausmaß der Tätigkeiten des täglichen Lebens bzw. sportlicher Aktivitäten enorm gestiegen, sodass auch hier die Entwicklung fortschreiten musste. Zunächst wurde versucht, durch Designänderung die Optimierung der Kniebeweglichkeit zu erreichen, um beispielsweise Tätigkeiten in gehockter Stellung, Radfahren und Laufen zu ermöglichen. Da sich jedoch aufgrund von anatomischen Untersuchungen gezeigt hat, dass sowohl bei den Größendimensionierungen als auch bei den Bewegungsabläufen von Männern und Frauen Unterschiede vorliegen, wurde auch diesem Umstand Rechnung getragen, um hier eine bessere Anpassung zu erreichen und das postoperative Ergebnis weiter zu optimieren.

Messbare Unterschiede

Welche anatomischen Veränderungen wurden gefunden? Im Querschnitt zeigt sich der weibliche Femur eher trapezförmig und ist im Vergleich zum männlichen Femur schmaler in der mediolateralen Abmessung bei derselben anteroposterioren Abmessung. Ein weiterer Unterschied ist der sogenannte Q-Winkel, der bei Frauen statistisch signifikant größer ist. Diesem Umstand wurde dadurch Rechnung getragen, dass beim „Gender Implantat“ in der Patellafurche ein um drei Grad größerer Winkel gewählt wurde. Dadurch resultiert ein besseres Gleiten der Kniescheibe bei Beugung und Streckung. Soweit die bisherigen klinischen Erfahrungen zeigen, hat auch diese Modifikation wieder dazu beigetragen, die Funktion des künstlichen Gelenkersatzes weiter zu verbessern.

 detail

Die Gender-Unterschiede, die selbst im Anatomieunterricht verschwiegen wurden.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben