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Innere Medizin 9. Mai 2007

Das metabolische Syndrom und das Altern

Übergewicht ist eine der primären Ursachen des metabolischen Syndroms. Als Folge treten Diabetes, KHK und Hypertonie auf. Die frühzeitige Behandlung kann Spätfolgen verhindern.

„Die Definition des metabolischen Syndroms beinhaltet die Risikofaktoren endotheliale Dysfunktion, Dyslipidämie, Hypertonie und Diabetes mellitus Typ 2“, erklärt Prof. Dr. Bernhard Ludvik, Facharzt für Innere Medizin am AKH Wien. Er hat durch jahrelange Leitung einer Diabetes- und Stoffwechselambulanz große Erfahrung in der Behandlung von Übergewicht und seinen Folgen. „Ein Patient, der drei oder mehr dieser Risikofaktoren aufweist, leidet per definitionem unter dem metabolischen Syndrom“, erklärt Ludvik. Abdominelles Fett ist ursächlich verbunden mit Hyperlipidämie und Dyslipidämie. Je mehr Abdominalfett, desto weniger HDL und desto mehr Triglyceride. Intra­abdominelle Fettansammlung kann ganz einfach über den Bauchumfang gemessen werden. Ludvik: „Mit zunehmendem Bauchfett erhöht sich das Diabetesrisiko überproportional. Der sonst schlanke Patient mit erhöhtem Bauchumfang hat paradoxerweise ein höheres kardiovaskuläres Risiko als ein Übergewichtiger mit schlankerer Taille.“

Bauchumfang besser als BMI

Der Bauchumfang hat eine höhere prädiktive Funktion als der BMI. Was das viszerale Fett so gefährlich macht, erklärt Ludvik folgendermaßen: „Adipozyten im Abdomen haben einen hohen Umsatz an freien Fettsäuren. Sie produzieren Substanzen, welche die Koagulationsneigung des Blutes erhöhen und die Insulinsensitivität senken. Die Fettzellen können als endokrines Organ bezeichnet werden. Hormonelle Signale aus dem Bauchfett steuern über Leptin das Hungergefühl und tragen über Angiotensinogenbildung zur Erhöhung des Blutdrucks bei.“ Mehr als zehn Prozent der Österreicher sind adipös, Tendenz steigend. Übergewichtige Patienten zeigen eine deutliche Insulinübersekretion und ebensolche Insulinresistenz. „Je mehr viszerales Fett, desto insulinresistenter“, betont Ludvik. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, muss primär das metabolische Syndrom verhindert werden. Durch Gewichtsreduktion, verminderte Zufuhr von gesättigten Fettsäuren und Reduktion der Gesamtfettzufuhr, Erhöhung der Ballaststoffzufuhr und 150 Minuten körperliches Training pro Woche kann das Diabetesrisiko um fast 60 Prozent gesenkt werden. Relativ geringgradige Änderungen des Lebensstils führen zu einer deutlichen Risikominderung. Ludvik erläutert: „Für den „klassischen“ DM 2 ist das metabolische Syndrom geradezu Vorbedingung. Freie Fettsäuren und andere Faktoren wie Adiponektin beeinflussen die Insulinsensitivität, -produktion und Glukosefreisetzung. Das führt zu Hyperglykämie und langfristig zu DM 2.“ Diabetes ist eine häufige Erkrankung. Durch die globale Adipositasepidemie ist eine ebensolche DM-2-Epidemie zu erwarten. „Vergangene Hochrechnungen gingen für heuer von 154 Millionen DM-2-Kranken aus, tatsächlich haben wir jetzt etwa 177 Millionen Erkrankte. Bald werden wir 250 Millionen DM-2-Patienten weltweit haben. Zwei Drittel dieser Patienten werden in Entwicklungsländern leben – was große wirtschaftliche Konsequenzen haben wird“, befürchtet Ludvik. Vaskuläre Erkrankungen bei Diabetikern haben verschiedene Ursachen: zu den Risikofaktoren des metabolischen Syndroms stößt die Hyperglykämie. An gesunden Probanden kann der schädliche Effekt der Hyperglykämie demonstriert werden, wie Ludvik plastisch beschreibt: „Führt man dem Probanden unter Insulinblockade Glukose zu, kommt es zu einer signifikanten Steigerung des systolischen und diastolischen Blutdrucks sowie einer Zunahme von Epinephrin und Norepinephrin im Plasma. All das trägt beim DM 2 – Patienten zum Bluthochdruck bei. Hyperglykämie bei gesunden Probanden verlängert den QT – Intervall, was das Arrhytmierisiko erhöht.“ Worauf Ludvik noch hinweist: Freie Radikale aus oxidierten Fetten findet man postprandial bei Gesunden und Diabetikern – bei diesen allerdings wesentlich mehr.

Risiko Hyperglykämie

Hyperglykämie bedeutet ein höheres oxidatives Risiko für den Patienten. „Therapie und Kontrolle des DM müssen verbessert werden“, fordert Ludvik, denn: „Epidemiologische Daten aus der britischen Prospective Diabetes Study machen folgendes deutlich: reduziert man den HbA1c – egal mit welchen Mitteln ( Diät, Insulinsensitizer etc.) - um ein Prozent, so sinkt die Rate diabetesassoziierter Komplikationen um 21 Prozent.“ Mikroangiopathien werden um 35 Prozent reduziert, die diabetesassoziierte Mortalität sinkt um 25 Prozent.

Therapie: Gewichtsreduktion

Als vorrangige Therapiemaßnahmen für DM-2-Patienten nennt Ludvik Gewichtsreduktion: „Je mehr diese Patienten abnehmen – vorzugsweise im ersten Jahr nach der Diagnose – desto höher ist ihre Lebenserwartung.“ Der Patient mit DM 2 im Rahmen des metabolischen Syndroms hat nicht nur erhöhte Blutglukosewerte, er leidet auch unter Hypertension und Hyperlipidämie. Dazu Ludvik: „Therapiestudien zeigen hier ermutigende Ergebnisse. Behandelt man diese Risikofaktoren konsequent, sinkt das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen deutlich.“ Eine zufriedenstellende Therapie von Hyperlipidämie, Hypertonie usw. ist mittels Gewichtsreduktion und Training allein oft nicht zu erzielen. Die STENO-2–Studie zeigte den Erfolg intensiver, multifaktorieller Intervention mit Blutdruck-, Lipid- und Diabeteskontrolle in spezialisierten Zentren: Die Studiengruppe hatte ein um 52 Prozent niedrigeres kardiovaskuläres Risiko als eine allgemeinmedizinisch wenig intensiv betreute Kontrollgruppe. Ludvik zusammenfassend: „Aus ärztlicher und gesamtgesellschaftlicher Sicht ist es notwendig, das metabolische Syndrom durch Prävention zu verhindern. Gelingt das nicht, müssen wir es behandeln um Diabetes zu verhüten. Gelingt das auch nicht, so muss optimale Diabeteskontrolle und –therapie durchgeführt werden, um Folgeerkrankungen vorzubeugen.

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