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Innere Medizin 2. Mai 2007

Reif für die Insel: Rindertuberkulose bei Menschen

Obwohl in den vergangenen Jahren Englands Rinderherden vermehrt von Tuberkulose heimgesucht wurden, ist bislang keine Zunahme von Tuberkulosefällen in der Bevölkerung bekannt. Das Risiko einer Übertragung besteht dennoch.

Infektionen mit Mycobacterium bovis, dem Erreger der so genannten Rindertuberkulose, treten bei älteren Menschen auf und werden gewöhnlich durch den Genuss nicht pasteurisierter Milch oder engen Kontakt mit Rindern übertragen. Von Mensch zu Mensch springt der Keim nur sehr selten über. Als Dr. Jason T. Evans vom West Midlands Public Health Laboratory der Health Protection Agency (HPA) in Birmingham genetische Profile der zwischen 2001 und 2005 in Zentralengland aufgetretenen Tuberkulosefälle anfertigte, entdeckte er, dass von zwanzig M. Bovis–Infektionen sechs keine genetischen Unterschiede aufwiesen. (Lancet. 2007 Apr 14; 369(9569): 1270-6). Von 2004 bis 2006 waren sechs Fälle in räumlicher Nähe gemeldet worden, also leitete die HPA genannte Untersuchung ein. Von den Patienten starb eine Frau an durch M. bovis ausgelöster Meningitis, fünf litten an pulmonalen Erkrankungen und vier wiesen Symptome einer Tuberkulose auf.

M. bovis und das Nachtleben

Die Patienten hatten Gemeinsamkeiten: Sie besuchten dieselben zwei Lokale im Stadtzentrum von Birmingham, eine Bar und einen Nachtclub. Unter den Erkrankten befanden sich überdies HIV-Positive und Steroidkonsumenten, beides Faktoren, welche die Abwehrlage verschlechtern und das für diese Infektion geringe Alter der Patienten erklären. Nur einer der Betroffenen hatte direkten Kontakt zu Rindern. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch liegt also nahe, die Suche der Health Protection Agency nach weiteren Kontaktpersonen und Tuberkulosefällen blieb jedoch ergebnislos. Der Ausbruch wird als Einzelfall angesehen. Dr. Grace Smith von der HPA, eine Mitautorin der Studie: „Dieser Fall einer mehrmaligen M. bovis–Übertragung von Mensch zu Mensch in modernem urbanem Umfeld zeigt die Notwendigkeit, weiterhin Kontrollmaßnahmen für humane und bovine Tuberkulose aufrechtzuerhalten. Weitsichtige Überwachung und DNA–Fingerprinting identifizierten den Cluster und ermöglichten es den Teams des Gesundheitswesens, Kontrollmaßnahmen einzuführen und eine weitere Ausbreitung zu verhindern.“

Vorsicht ist geboten

Laut einem Begleitkommentar zur Studie von Dr. Charles O. Thoen, Professor am College of Veterinary Medicine der Iowa State University, sind weitere Forschungsarbeiten notwendig, um die Rolle von Mycobakterium bovis in Bezug auf das weltweite Tuberkuloseproblem beim Menschen aufzudecken – besonders in Entwicklungsländern. Nach Thoen sollten sich die Anstrengungen auf Länder konzentrieren, wo HIV-Erkrankungen häufig sind, da Aidskranke dort viel häufiger an M. bovis erkranken. Milchpasteurisierung und Ausrottung von M. bovis bei Rindern sind Grundvoraussetzung zur Vermeidung von menschlichen Erkrankungen. Thoen: „Um eine Verbreitung durch Tröpfcheninfektionen zu vermeiden, sollten für M. bovis–Patienten dieselben Standardmaßnahmen gelten wie für Patienten mit M. tuberculosis.“

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