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Innere Medizin 29. August 2007

Verhungern vor vollen Schüsseln

Alle reden von Adipositas. Inzwischen sind hierzulande 20 bis 50 Prozent der Krankenhauspatien­ten, 56 Prozent aller geriatrischen Patienten in der Klinik, 38 Prozent der Krebspatienten und ein Drittel der gastroenterologischen Patienten mangelernährt – mit zuweilen dramatischen Folgen.

Menschen mit einem Ernährungsdefizit kommen dem Gesundheitssystem ebenso teuer wie Übergewichtige. Mit diesem Statement ließ Prof. Dr. Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin der MedUni Wien, bei einer Pressekonferenz im Juli aufhorchen. Anlass war die Präsentation der Datenauswertung des Projekts „Nutrition Day“, bei dem mehr als 30.500 Patienten in rund 1.000 Spitalsstationen in 24 europäischen Ländern zu ihrer Ernährungssituation befragt wurden. Österreich ist an der zu gewissen Stichtagen stattfindenden Untersuchung mit 150 Stationen und mehr als 6.000 Patienten beteiligt (die Ärzte Woche berichtete).

Nicht neu, jetzt aber dokumentiert

Neu ist das Phänomen nicht: In gewissen Lebenssituationen lässt der Appetit nach – unter extremer seelischer Anspannung, im Alter, als Begleiterscheinung verschiedener Krankheiten oder Medikationen. „Für den Kliniker ist klar: Gewichtsabnahme ist ein Zeichen für eine Verschlechterung“, so Kunze. Dabei kommt schon jeder zweite Patient mangel­ernährt ins Spital.
Bei der Untersuchung, die Prof. Dr. Michael Hiesmayr, Abteilung für Herz-Thorax-Anästhesie und Intensivmedizin, MedUni Wien, koordinierte, stellte sich heraus, dass 47 Prozent der befragten Patienten unmittelbar vor der Spitalsaufnahme Gewicht verloren hatten. Im Krankenhaus selbst essen nur 38 Prozent aller Patienten die angebotenen Speisen vollständig auf. „Kein Appetit“, gaben die meisten als Begründung an. „Die Essensqualität ist offensichtlich nicht das Problem“, konstatierte Hiesmayr, wenngleich bei persönlichen Befragungen auch immer davon ausgegangen werden muss, dass die Befragten nicht immer ganz wahrheitsgemäß antworten.

Screenen und aufpäppeln

Wer wenig isst, bleibt jedenfalls länger im Krankenhaus. Und nicht nur das: Während bei Patienten mit ausreichender Nahrungsaufnahme die durchschnittliche Mortalität 1,3 Prozent beträgt, steigt diese auf 2,4 Prozent, wenn ungefähr die Hälfte der angebotenen Portionen gegessen wird. Bei jenen, die weniger als ein Viertel des Nahrungsangebots annehmen, steigt die Sterblichkeit auf 5,5 Prozent, bei denen, die überhaupt nichts essen, gar auf 5,7 Prozent.
Gutes Zureden allein hilft freilich nicht. Früh und entsprechend wachsam einzugreifen, kann jedoch Resultate bringen. Das zeigt das Beispiel der Niederlande. Dort wird im Krankenhaus jeder Patient auf mögliche Mangelernährung gescreent. Notwendig sind dazu interdisziplinäre Ernährungsteams, wie es sie auch schon in etlichen Spitälern Österreichs gibt. 2005 wurde an der Klinischen Abteilung für Thorax- und Hyperbare Chirurgie und an der Klinischen Abteilung für Nephrologie der Grazer Universitätsklinik mit einem Ernährungs-Screening aller Patienten bei der stationären Aufnahme begonnen, berichtete die Leitende Diätologin Anna Maria Eisenberger. Der ermittelte Ernährungsstatus kommt zur Patientendokumentation. Dadurch kann, laut Eisenberger, schnell reagiert werden: durch Anreicherung der Kost mit entsprechenden Nährstoffen oder durch eine Umstellung auf Sonden- oder parenterale Ernährung.

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