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Innere Medizin 13. November 2007

Chemotherapie und Bestrahlung bleiben Standard

Im Rahmen des Jahrestreffen der American Society of Oncology (ASCO 2007) in Chicago wurde dem Fachpublikum eine Reihe neuer experimenteller Therapien des Glioblastoms präsentiert. Insgesamt steht jedoch fest: Im Anschluss an einen chirurgischen Eingriff ist die Kombination aus Strahlentherapie und einer Chemotherapie mit Temozolomid nach wie vor Goldstandard in der Behandlung.

Der ASCO 2007 brachte einige durchaus interessante Ansätze, unter anderem in der Anwendung antiangiogenetischer Substanzen bei malignen Gliomen, welche die Neubildung von (Tumor-)Blutgefäßen verhindern. Auch wenn die Absolutzahlen an Krebserkrankungen zunehmen, berechtigen doch andere epidemiologische Daten durchaus zur Hoffnung: Pro 100.000 Einwohner nehmen die Sterblichkeitszahlen an Krebserkrankungen in den Industrieländern und auch in Österreich seit Mitte der Neunzigerjahre kontinuierlich ab.

Konsensus weiterhin gültig

Ein im Oktober 2006 veröffentlichtes interdisziplinäres Konsensus-Statement zum „State of the Art-Therapiestandard bei neu diagnostiziertem Glioblastoma multiforme“ dient als Orientierungshilfe für den optimalen Einsatz des derzeit bewährtesten Therapieschemas und berücksichtigt die Studien- und Datenlage zur Anwendung der Radiochemotherapie mit Temozolomid bei Glioblastoma multiforme sowie die persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer der Konsensusgruppe. Auch nach dem ASCO 2007 haben die Ergebnisse des Konsensuspapiers Bestand.Und so lautet das Konsensus-Statement von 2006: „Angesichts der Datenlage ist die konkomitante Radiochemotherapie und die adjuvante Chemotherapie mit Temozolomid bei Patienten mit neu diagnostiziertem Glioblastom indiziert und als neuer Therapiestandard zu sehen, der die Überlebenszeit signifikant verlängert und im Hinblick auf die Verträglichkeit anderen Schemata überlegen ist.“
Das wichtigste und für mich persönlich interessanteste Ergebnis des ASCO 2007 sind die vielversprechenden Daten, die sich mit mehreren antiangiogenetischen Substanzen bei malignen Gliomen erzielen ließen. Diese Wirkstoffe verhindern die Neubildung von (Tumor-) Blutgefäßen. Ein Stillstand oder Rückgang des Tumors konnte aber nur erzielt werden, wenn diese Substanzen in Kombination mit „klassischen“ Chemotherapeutika gegeben wurden. Mit der Anwendung dieser neuen, nebenwirkungsarmen, aber nicht nebenwirkungs­freien Substanzen befinden wir uns noch ziemlich am Anfang. Da Blutungen, sowohl im Tumor als auch in anderen Organen, wie beispielsweise im Darm, zum Nebenwirkungsspektrum dieser Substanzen gehören, muss man in der Patientenführung ganz besonders vorsichtig sein. Die Ergebnisse geben jedoch Grund zur Hoffnung. Erfreulicherweise ist die antiangiogenetische Therapie nicht der einzige Ansatz mit neuen und durchaus interessanten Diagnose- und Therapiemöglichkeiten bei Hirntumoren. Auch aus anderen Substanzklassen liegen Daten experimenteller Studien vor, die weiter überprüft werden sollten. Unter anderem stellen Anthracycline, die die Bluthirnschranke passieren, eine neue vielversprechende Substanzklasse für die Therapie von Gliomrezidiven dar. Die Daten sprechen auch hier für Wirksamkeit bei vertretbarer Verträglichkeit. Anthracy­cline haben einen Wirkmechanismus, der sich von anderen Substanzen unterscheidet und der durch DNA-Reparaturmechanismen wie MGMT nicht beeinflusst wird. Somit könnte endlich auch für MGMT-positive Patienten eine Therapie möglich werden. Ein weiterer Ansatz: Im Rahmen einer plausiblen und sehr interessanten Initiative aus Göttingen für Patienten mit Rezidiven bei hochmalignen Gliomen wird Temozolomid individuell so hoch dosiert, dass es zu keinerlei Nebenwirkungen das Blutbild betreffend kommt, es wird kontinuierlich außer an den Wochenenden verabreicht.

Vereinfachte Einnahme

Bisher stand Temozolomid in Kapseln zu 250 mg, 100 mg, 20 mg und 5 mg zur Verfügung. Die mittels der Körperoberfläche errechnete Dosierung wurde somit oft aus bis zu fünf Kapseln zusammengesetzt, was nicht selten auch eine zusätzliche Hürde in der Compliance bedeutete. Seit kurzem steht Temozolomid auch in Kapseln zu 180 und 140 mg zur Verfügung, was die Zusammenstellung der gewünschten Dosierung erheblich vereinfacht. Patienten müssen damit in der Regel deutlich weniger Kapseln einnehmen. Die neuen Dosierungen orientieren sich an ärztlichen Erfahrungen und ermöglichen eine exaktere, wie auch für den Patienten deutlich einfachere Anwendung von Temozolomid. Basis für die Entwicklung war ebenso die gängigste Köperoberfläche von 1,8 m2. Demnächst steht im Fachbereich der Website www.gehirntumor.at ein Online-Rechner zur Verfügung, der praktisch und schnell die Körperoberfläche errechnet und die genaue Anzahl und Kombination der täglich einzunehmenden Pillen anzeigt.

www.gehirntumor.at

Mit der Website www.gehirntumor.at steht Patienten wie auch dem Fachpublikum erstmals im Internet eine Plattform zur Verfügung, die umfassend rund um das Thema Glioblastom informiert. Die Inhalte sind für Patienten verständlich aufbereitet und sollen in dieser schweren persönlichen Situation erste Orientierung bieten. Für Mediziner der unterschiedlichen beteiligten Disziplinen stehen im Fachbereich der Website neueste Publikationen, Informationen zu den verschiedenen Aspekten der Therapie und weitere nützliche Unterlagen zum Download bereit.

Prof. Dr. Christine Marosi, Ärzte Woche 46/2007

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