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Innere Medizin 20. Juni 2007

Neue Bakterienart bei einer Urlauberin entdeckt

Genetische Detektivarbeit trug zur Diagnose einer Infektion bei, die noch nie zuvor bei einem Menschen gefunden worden ist.

Eine 43-jährige Urlauberin aus den Vereinigen Staaten litt 14 Tage nach ihrer Rückkehr nach einem dreiwöchigen Aufenthalt in den Anden unter hohem Fieber, einer besorgniserregenden Anämie, Milzschwellung und Bakterieämie. Eine erste Untersuchung wies darauf hin, dass sie sich mit Bartonella bacilliformis infiziert hatte, dem Erreger des Oroyafiebers.

Eine neue Bakterienart

Eine Kultur des Keims wurde an ein spezialisiertes Labor der Universität von Kalifornia geschickt. Dort gelang es Dr. Jane Koehler, das schwierig zu züchtende Bakterium zu vermehren und genetisch zu untersuchen. Dabei zeigte sich zwar eine Ähnlichkeit mit dem Verursacher des Oroyafiebers, allerdings stellte Koehler bei den molekularbiologischen Sequenzvergleichen auch deutliche Unterschiede fest. „Wenn bei solchen Ähnlichkeitsanalysen weniger als 90 Prozent der Sequenzen identisch sind, gelten Bakterien als nicht mehr verwandt genug, um zur selben Art gezählt werden zu können“, erklärte Prof. Dr. Manfred Rotter, Leiter des Klinischen Instituts für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität Wien auf Anfrage der ÄRZTE WOCHE. Solche Analysen führen häufig zur Definition neuer Bakterienarten. Jane Koehler nannte die neu entdeckte Spezies Bartonella rochalimae (NEJM 356:2381, June 7, 2007).

Gefährliche Stäbchenbazillen

Alle Mitglieder der Bartonella-Familie sind pleomorphe, gramnegative Stäbchenbakterien, die auf bluthaltigen Nährmedien angezüchtet werden können. Zu den Verwandten des bislang unbekannten Vertreters gehören die Erreger des Oroyafiebers, des Katzenfiebers und der Schützengrabenkrankheit.
Der Erreger der Oroyakrankheit ist in den Flusstälern und Canyons der südamerikanischen Anden endemisch und wird durch Blut saugende weibliche Sandfliegen verbreitet, die in Höhen zwischen 500 und 3.000 Metern leben. Mehr als 8.000 Arbeiter aus Chile und den Küstenstädten Perus starben an hohem Fieber und schwerer Anämie, als sie um 1870 zum Bau der Eisenbahnstrecke von Lima in das 5.000 Meter hoch gelegene Minengebiet La Oroya geholt wurden.
Im Ersten Weltkrieg wurden 400.000 Soldaten der Ostfront von einer rätselhaften Seuche mit zyklisch auftretenden Fieberschüben und Schmerzen dahingerafft. Der Verursacher der „Schützenkrankheit“: Bartinella quintana.
Mit den Erregern dieser Krankheiten befasst sich Jane Koehler schon seit vielen Jahren. 1997 erkannte sie, dass B. henselae die Katzenkrankheit überträgt, die mit geschwollenen Lymphknoten und Fieber einhergeht. Als natürliches Reservoir der Keime gelten Katzen. Bei einer Untersuchung fand Koehler das Bakterium in 41 Prozent der in San Francisco getesteten Katzen. Das Problem dabei: Infektionen über Kratzwunden können immungeschwächten Patienten (Aids) gefährlich werden. „Ich bin überzeugt, dass die neue Bartonella-Art in Österreich keine Rolle spielt“, meint Manfred Rotter, das Oroyafieber sei extrem selten. Wenn bei Andenurlaubern Fieber und Anämie auftritt, kann auch hierzulande die Diagnose gestellt und mit Antibiotika erfolgreich behandelt werden.

Inge Smolek, Ärzte Woche 25/2007

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