zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 29. August 2007

Pulsierender Wissensaustausch

Der Europäische Kardiologenkongress (ESC) findet vom 1. bis 5. September im Wiener Messezentrum statt. Die Teilnehmer werden Gelegenheit haben, Neuerungen aus der klinischen und Grundlagenforschung der Kardiologie zu diskutieren. Die Ärzte Woche wird in den kommenden Ausgaben ausführlich darüber berichten.

 Herz
Kongress-Schwerpunkt ist heuer das Thema Herzinsuffizienz.

Foto: pixelio.de

Prof. Dr. Kurt Huber, Kardiologe am Wiener Wilhelminenspital und Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft, gibt einen Überblick über wichtige Themenkomplexe des Treffens.

Herr Prof. Huber, wo liegen die Schwerpunkte des Kongresses?
Huber: Hauptschwerpunkt wird die Herzinsuffizienz, ihre Ursachen, ihre Folgen und ihre Behandlung sein. Der Grund liegt in der verbesserten Behandlung von Herzinfarktpatienten. Immer mehr Menschen überleben heute den Infarkt – nicht zuletzt durch unsere Bemühungen, die Zeit zwischen Infarkt und ersten lebensrettenden Maßnahmen zu verkürzen. Aber der überstandene Herzinfarkt kann langfristig Folgen zeigen – es kann zur Ischämischen Herzmuskelerkrankung und dadurch zur Herzmuskelschwäche kommen. Hier gibt es neue Medikamente, neue Schrittmachersysteme bis hin zu chirurgischen Optionen bei Schwerstkranken, die beim ESC Thema sein werden.

Welche Themen wird der ESC noch bieten?
Huber: Andere Schwerpunkte sind sämtliche Untergruppen der Herzerkrankungen. Ein wichtiger Punkt ist die Infarktbehandlung. So werden neue Behandlungsleitlinien vorbereitet – mit der Publikation ist etwa in einem Jahr zu rechnen. Die österreichischen Kardiologen richten sich nach den englischsprachigen Europäischen Leitlinien. Zwei heimische Kardiologen – darunter ich selbst – sind Mitglied im Europäischen Komitee zur Verfassung von Leitlinien zur Behandlung des Herzinfarkts. Der Kongress wird u.a. auf die Netzwerkbildung zur Optimierung der Herzinfarktbehandlung eingehen. Weiters gibt es eine Reihe von neuen Medikamenten, z.B. für die Begleitbehandlung beim akuten Koronarsyndrom (instabile Angina pectoris). Hier hat man Substanzen gefunden, etwa Bivalirudin, ein direktes Antithrombin, oder Fondaparinux, ein Faktor-Xa-Hemmstoff, welche als Ersatzpräparate für Heparin gelten, in den letzten zwei Jahren getestet wurden und bereits in die rezenten Behandlungsrichtlinien aufgenommen worden sind. Die neuen Behandlungsleitlinien (für die instabile Angina) werden im Rahmen dieser Tagung auch explizit besprochen werden.

Ich habe mich auf die Suche im Programm der ESC nach österreichischen Beiträgen gemacht, wurde aber kaum fündig.
Huber: Das 76-seitige Programm zeigt nur die Vorträge, für die Experten eingeladen wurden. Daneben gibt es noch rund 3.700 Arbeiten (Abstracts), die als Kurzvortrag oder Poster präsentiert werden. Davon sind mehr als 50 akzeptierte Beiträge von Forschern, die größtenteils aus der Wiener Uni-Klinik, dem Wilhelminenspital in Wien und von der Uni-Klinik in Innsbruck kommen. Dieses Jahr haben wir sogar im Verhältnis mehr Zulassungen von österreichischen Beiträgen als in den Jahren davor. So wird Prof. Dr. Johann Wojta, Biologe an der MedUni Wien, über seine Grundlagenarbeiten berichten. Wojta arbeitet an den Mechanismen der Atherosklerosebildung in den Gefäßen und den Möglichkeiten, diese zu verhindern.
Ein Thema ist das Pro und Contra der Versorgung mit Stents.
Huber: Das ist ein Hauptthema, weil es jetzt die Unsicherheiten gibt bezüglich beschichteter Stents und ob überhaupt Stents so häufig benötigt werden. Internationale Kommissionen haben die vorliegenden Daten begutachtet. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie hat als einzige bislang ein Positionspapier geschrieben, das aber noch nicht veröffentlicht ist, in dem gewarnt wird, die medikamentenbeschichteten Stents schlecht zu reden. Der Prozentsatz an Patienten, die davon langfristig profitieren, liegt bei etwa 30 bis 70 Prozent, je nach Begleiterkrankungen, Alter und Art der Verengungen an den Herzkranzgefäßen. An einen leichtfertigen Umgang damit in Österreich glaube ich nicht. Es wird am ESC diskutiert werden, ob die Publikationen, die eine Gefährlichkeit in den Raum stellen, gültig sind und für welche Patienten sie zutreffen. Die Österreichische Herzgesellschaft arbeitet an neuen Leitlinien, die noch die geballten Informationen aus dem ESC-Kongress mit einbeziehen werden. Im Herbst ist dann mit einer offiziellen Stellungnahme und der Präsentation eines Positionspapiers zu dem Thema aus österreichischer Sicht zu rechnen. Die wichtigste Aussage wird vermutlich sein, dass medikamentenbeschichtete Stents nicht potenziell gefährlich sind, sondern man die Indikation vorsichtig und genau stellen muss.

Das Gespräch führte Inge Smolek

Inge Smolek, Ärzte Woche 35/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben