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Innere Medizin 18. Juli 2007

Freiwillige vor!

Nach ersten Modellversuchen hat nun das Roll Out des DMP für Diabetes mellitus Typ 2, Therapie Aktiv, begonnen. Niedergelassene Ärzte sind aufgerufen, das DMP für ihre Typ-2-Diabetes-Patienten anzubieten. Die Teilnahme für die Hausärzte ist freiwillig, ebenso wie für die Patienten.

 Diabetes

Foto: pixelio.de

Mit dem integrierten Behandlungsprogramm Therapie Aktiv werden ehrgeizige Ziele verfolgt, wie Dr. Gert Klima, ärztlicher Leiter der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse, erklärte: Es soll die Patientenversorgung verbessern, die Arztbindung als Lebensbetreuungsarzt stärken und langfristig die Folgeschäden des Typ-2-Diabetes wie Herzinfarkt, Amputationen, Dialysen und Erblindungen usw. vermindern. Dass es hier ein großes Betätigungsfeld gibt, ist unbestritten. Eine Metaanalyse zwischen 2000 und 2004 publizierter Studien hat gezeigt, dass es an der Einstellung guter Blutzuckerwerte von Diabetikern mangelt.

Schlechte Blutzuckereinstellung

Die HbA1c-Werte liegen ohne Insulinbehandlung im Schnitt bei 10,04 Prozent, mit Insulin bei 8,48 Prozent. Nach der Leitlinie der Österreichischen Diabetischen Gesellschaft (ÖDG) gilt als Zielwert<_ 7,0 Prozent. Klima: „Das Problem ist, dass Diabetiker ein 30-fach höheres Risiko für eine Beinamputation haben als die Normalbevölkerung. Das Ziel ist weltweit, Amputationen zu verhindern, indem vorher alle präventiven Maßnahmen ausgeschöpft werden.“
Laut einer Diabetikerbefragung der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse im Jahr 2004 geben 28 Prozent der befragten Diabetiker an, dass sie bei Diagnosestellung Begleit- und Folgeerkrankungen hatten, und die hatte nach fünf Jahren sogar jeder zweite (51 Prozent).
Die Gründe liegen in strukturellen Problemen: Zu später Behandlungsbeginn, Innhomogenität in der Behandlung, Doppelgleisigkeiten, mangelndes Schnittstellenmanagement und zum Teil fehlende Strukturen wie Fußambulanzen. Nicht einmal 40 Prozent der Diabetiker werden zum Augenarzt überwiesen und nur bei knapp 50 Prozent der Patienten im niedergelassenen Bereich wird der HbA1c-Wert jährlich überprüft.
Das Disease Management Programm Therapie Aktiv soll nun die kontinuierliche Langzeitbetreuung anstelle anlassbezogener Intervention forcieren. Ärzte, die das Programm in ihrer Praxis anbieten wollen, erhalten eine Basis-Schulung (zwei Stunden DMP-Grundlagen und acht Stunden medizinische Inhalte) nach einem österreichweit einheitlichen Skriptum.
Der Fahrplan für die Einführung des DMP ist weitgehend festgelegt. Nachdem die koordinierte Betreuung von Diabetes-Typ-2-Patienten im Februar in Testregionen in der Steiermark und in Nieder­österreich, im April in zwei Bezirken Wiens und Anfang Juli in Salzburg gestartet worden ist, sollen im Lauf des Jahres die verbliebenen Bundesländer hinzukommen.
Prof. Dr. Anita Rieder, vom Institut für Sozialmedizin der MedUni Wien hofft, dass langfristig in jedem österreichischen Bezirk mindestens zwei Mediziner als Therapie-Aktiv-Ärzte geschult sein werden: „Wir werden im internationalen Vergleich der Gesundheitssys­teme daran gemessen werden, wie wir chronisch Kranke versorgen.“ Zurzeit nehmen 5.800 Patienten und 600 Ärzte an Diabetesprogrammen teil. Bis Jahresende sollen es bereits 11.000 Patienten sein.
Die Betreuung soll aber nicht nur eine bessere Behandlung gewährleisten. Gleichzeitig könnte es durch die Diabetesbetreuung nach evidenzbasierten und mit der ÖDG akkordierten Behandlungspfaden lang­fristig zu einem Spareffekt kommen, indem stationäre Aufenthalte seltener werden. Aus dem oberösterreichischen DMP-Vorgängerprojekt DIALA wurde ein Einsparpotenzial von rund 780 Euro pro Patient ermittelt, der durchschnittliche HbA1c-Wert der Patienten sank zwischen 2002 und 2004 von 7,8 auf 7,3 Prozent.

Überlebensvorteil ungeklärt

Trotzdem ist ein wichtiger Endpunkt von DMP-Programmen noch ungesichert. Klima: „Belege für Langzeiteffekte von DMPs hinsichtlich eines Benefits einer längeren Lebenserwartung fehlen international.“ Aus diesem Grund wird Prof. Dr. Andreas Sönnichsen vom Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der Paracelus Medizinischen Privatuniversität Salzburg das DMP in einer randomisiert kontrollierten klinischen Studie an etwa eintausend Patienten evaluieren. Ende 2008 ist mit den Ergebnissen zu rechnen.
Aber schon jetzt ist klar, dass nicht nur die Patienten von der engmaschigeren Betreuung und dem klar strukturierten – und auch für ihn selbst besser durchschaubaren – Behandlungsregime profitieren, sondern auch die teilnehmenden Ärzte. Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) und niedergelassener Arzt im oberösterreichischen Haslach, kennt die Vorteile aus eigener Erfahrung: „Abgesehen davon, dass der Arzt den Zeitaufwand für die Durchführung bezahlt bekommt, hat er den Vorteil, dass er eine optimale Arbeitsqualität hat und eine andere Basis im Arzt-Patienten-Verhältnis entsteht. Aus meiner persönlichen Sicht kann ich sagen, dass mir das Arbeiten in dem Modell sehr viel Spaß macht, weil man auch genauer die Ergebnisse reflektiert und dadurch sieht, es hat Sinn, was wir da gemacht haben.“

Inge Smolek, Ärzte Woche 28/2007

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