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Innere Medizin 14. November 2007

Ausgedämpft

In der Hitparade der Neujahrsvorsätze der Österreicher führt unangefochten der Wunsch, mit dem Rauchen aufzuhören. Gründe dafür sind neben den bekannten gesundheitlichen Schäden der Druck auf die Geldbörse durch steigende Tabakpreise.

 Karikatur

Karikatur: DI Niel Mazhar

Rauchfreie Gastronomiebetriebe und Verbote in sämtlichen öffentlichen Liegenschaften nehmen so manchem die Lust am Qualmen. Viele Raucher sind ehrlich motiviert, der Lust am Glimmstängel endlich zu entsagen, doch wer es nicht mit Willenskraft allein schafft, benötigt professionelle Hilfe. Noch nie wurde es Entwöhnungswilligen leichter gemacht als heute, denn die Palette an Therapieangeboten ist so breit wie noch niemals zuvor.

Raucheranzahl schwindet

Prof. Dr. Michael Kunze, Leiter des Instituts für Sozialmedizin an der Universität Wien, verweist in diesem Zusammenhang auf eine Nikotinentwöhnungsinitiative, die sein Institut zusammen mit der nieder­österreichischen Gebietskrankenkasse betreibt: „Es handelt sich um das größte Programm in Europa. Ein bemerkenswerter Vorteil besteht darin, dass kein Teilnehmer des Programms, egal bei welcher Kasse er auch versichert ist, für die Therapie bezahlen muss.“ Dabei handele es sich um ein ambulantes Programm von fünf Wochen, das aus Raucherberatung, therapeutischen Gesprächen und medikamentöser Begleittherapie bestehe. Die Erfolgsrate sei sehr hoch. „Ein Jahr nach Beendigung der Therapie sind 80 Prozent immer noch rauchfrei“, freut sich Kunze. Der Erfolg der Entwöhnung wird biochemisch durch Messung des Kohlenmonoxids in der Ausatemluft nachgewiesen, wodurch objektive Referenzwerte erzielt werden. „Die meisten Hilfesuchenden, die unser Programm in Anspruch nehmen wollen, sind übrigens Frauen“, so Kunze.

WHO: Rauchen ist eine Sucht

Die WHO bestätigt, dass weltweit 1,3 Milliarden Menschen Raucher sind – 4,9 Millionen Menschen sterben jährlich daran. Die Weltbank schätzt, dass eine zehnprozentige Preiserhöhung bei Tabakwaren einen achtprozentigen Rückgang der Raucher in Entwicklungsländern und einen vierprozentigen Rückgang in Industrieländern bewirken würde. „In Industrieländern wird bis zu 15 Prozent des Gesundheitsbudgets für tabakassoziierte Erkrankungen ausgegeben. In den Einzelländern steht der Tabakkonsum in indirektem Verhältnis zum sozioökonomischen Level. Sinkt der Lebensstandard, so steigt die Anzahl der Raucher“, so Dr. Lee Jong-Woo, WHO Generaldirektor. Auch die amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie definiert Nikotinabhängigkeit als unangepassten Substanzenmissbrauch, der zu klinisch relevantem Stress und Behinderung führt. Dabei wird die Sucht bei Vorhandensein von mehr als zwei der aufgelisteten Symptome bestätigt.
Es besteht ein gesicherter direkter Zusammenhang zwischen Rauchgewohnheiten und Entwicklung einer COPD. Seit 1990 ist die COPD von der sechsthäufigsten zur vierthäufigsten Todesursache aufgestiegen. Schon 2020 wird sie an die dritte Stelle vorgerückt sein, schätzen die Statistiker.
Neben schweren pulmonalen Erkrankungen zeichnet Rauchen aber auch für das Entstehen kardio­vaskulärer Krankheiten verantwortlich und begünstigt die Entwicklung von Mundboden- und Ösophaguskarzinomen, aber auch von Blasen- und Nierenkrebs.
Kinder von Rauchern erkranken deutlich häufiger an Asthma bronchiale als Kinder aus Nichtraucherfamilien. Besonders schädlich ist natürlich der Nikotinkonsum in der Schwangerschaft, der nicht nur zu Frühgeburten, sondern auch zu verlangsamtem Fetenwachstum und zu metabolischen Erkrankungen führen kann. Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft weiterrauchen, sterben deutlich häufiger an SIDS, dem plötzlichen Kindstod.

Was kann der Fagerström-Test?

Der Fagerström-Test (siehe Fakten) ist ein einfacher Test, bei dem sechs Fragen vom Raucher beantwortet werden müssen, die mit einer bestimmten Punkteanzahl bewertet werden. Maximal erreichbare Punktezahl ist zehn. Je stärker die Rauchgewohnheiten, umso höher fällt die Punkteanzahl aus. Je nach Ausfall des Ergebnisses wird der Proband als geringgradiger, mittelgradiger, schwer oder sehr schwer nikotinabhängiger Raucher qualifiziert. So besteht bis zu zwei Punkten eine geringe und ab sechs Punkten eine schwere bis sehr schwere Abhängigkeit. Nach der Punkteanzahl richten sich auch die Therapieangebote. So werden zum Beispiel Nikotinersatzprodukte speziell bei mittelgradigen und schweren Rauchern empfohlen, da bei dieser Personengruppe mit NRT (Nicotin Replacement Therapie) die besten Ergebnisse erzielt werden.

Keine Geschlechterunterschiede

Die meisten erwachsenen Raucher haben bereits vor der Volljährigkeit ihre erste Zigarette geraucht. Nach WHO-Untersuchungen bei jugendlichen Rauchern haben 24 Prozent dieser Personengruppe bereits im Alter von zehn Jahren zum ersten Mal eine Zigarette probiert. Bei der Primärprävention sind also nicht nur Eltern, sondern auch die Schulen gefordert. War Rauchen vor Jahren noch Männersache, haben Frauen auch in diesem Bereich die Männer längst eingeholt. Als Konsequenz gibt es in den Todesursachenstatistiken nahezu keine Geschlechtsunterschiede mehr.
„Mehr als die Hälfte der Entwöhnungswilligen benötigen eine medikamentöse Ersatztherapie“, bestätigt Sozialmediziner Kunze. „Der Goldstandard sind natürlich Nikotinersatz-Patches.“ Daneben existieren aber eine Reihe anderer Applikationsformen des Nikotinersatzes, wie Kaugummis, Sublingualtabletten, Inhalatoren und Nasensprays.
Die Nikotinersatztherapie hilft Rauchern bei Abstinenz oder Reduktion die Entzugssymptomatik wie Dysphorie, Zorn, Gereiztheit, Angst und Irritation zu mildern. Dabei führt beispielsweise der Nikotinkaugummi zu einem mittelschnellen Anfluten, sodass zusätzlich etwa Sublingualtabletten verabreicht werden sollten. Das langsame Anfluten gilt auch für die transdermalen Pflastersysteme, die für 16 bis 24 Stunden aufgeklebt bleiben, um ihre Wirksamkeit voll zu entfalten. Der Nasenspray bedingt hingegen ein schnelles Anfluten und ist deshalb geeignet, kurz nach dem Aufstehen appliziert zu werden (frühmorgens sind die Nikotinspiegel besonders niedrig). Ein schnelles Anfluten versprechen auch Inhalator und Sublingualtablette, wohingegen die normale Lutschtablette durch einen mittelschnellen Wirkeintritt gekennzeichnet ist.
Kunze: „Unsere Patienten haben meist ein sehr klares Bild, welche Applikationsform für sie geeignet ist, denn oft haben sie schon einiges selbst ausprobiert. Außerdem sind die Nochraucher oft sehr gut durch Internet und Printmedien vorinformiert.“ Die Nachfrage nach Zyban® (Bupropion), einem atypischen Antidepressivum, habe aber deutlich nachgelassen, sagt Kunze. Dies sei vor allem auf die medialen Berichte zurückzuführen, Patienten hätten unter einer Bupropion-Therapie epileptische Anfälle erlitten. Diese Nebenwirkung ist zwar beschrieben, tritt jedoch eher selten auf (1: 1.000 Fälle). Auch allergische Reaktionen wurden beschrieben (1: 10.000 – 1.000).
Die allgemeinen Nebenwirkungen der Nikotinersatztherapie sind allerdings insgesamt gering. So können Singultus, Aufstoßen, Übelkeit, Ermüdung der Kiefermuskulatur, Sodbrennen, Juckreiz, Ödeme und Schlafstörungen auftreten.

Angriff auf die Nikotinrezeptoren

Große Erfolge verspricht man sich hingegen vom partiellen Nikotinagonisten Champix®. Das im März dieses Jahres auf dem europäischen Pharmamarkt erschienene Medikament mit dem Wirkstoff Vareniclin wirkt vollkommen anders als die herkömmlichen Nikotinagonisten. Es bindet und stimuliert jene Rezeptoren, an die auch das Nikotin andockt. Da die Substanz dauerhaft an nikotinsensiblen Rezeptoren des zentralen Nervensystems haftet, bleiben diese langfristig für nachfolgend zugeführtes Nikotin blockiert, wodurch der erlernte Belohnungseffekt nach Nikotinkonsum ausbleibt. Die gute Wirksamkeit von Vareniclin mit seinem dualen Wirkprofil wurde bereits mittels sechs klinischer Studien der Universität Oxford bestätigt. „Das Problem bei der medikamentösen Begleittherapie besteht darin, dass die Personen die Medikamente zu kurz einnehmen. Auch bei Champix® ist Geduld erforderlich, denn ein Erfolg stellt sich erst nach zwei bis drei Wochen ein“, berichtet Kunze aus seiner Erfahrung mit ungeduldigen Patienten.
Das Angebot bezüglich Nikotin­entwöhnung reicht freilich auch in die Komplementärmedizin hinein. So werden unter anderem Akupunktur und homöopathische Behandlungen angeboten. Gesprächstherapie, einzeln oder in der Gruppe, hat sich als besonders wirksam erwiesen, um Rückfällen nach erfolgter Rauchentwöhnung vorzubeugen. Nachsorgetermine in der Raucherambulanz sollten daher konsequent eingehalten werden.

Rauchfreie Zukunft

Viele Therapieangebote und Behandlungen werden angeboten, um willigen Rauchern den Ausstieg aus der Sucht dauerhaft zu erleichtern. Neben öffentlich angebotenen Hilfsprogrammen bieten auch immer mehr Firmen ihren Angestellten Hilfe bei der Tabakentwöhnung an. Die Therapien finden meist großen Anklang in der Bevölkerung.
So weit, so gut, denn sollten die Rauchgewohnheiten gleich bleiben, wird sich die Anzahl der Todesfälle im Jahr 2020 bereits verdoppelt haben. Ein Handlungsbedarf ist also dringend gegeben. Und die diesjährigen Neujahrsvorsätze sind sicher auch noch nicht alle gefasst.

 Fakten

Maierhofer, Ärzte Woche 35/2004

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