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Allgemeinmedizin 9. Oktober 2007

Fliegende, kriechende und krabbelnde Giftbomben

Herbstzeit ist Stechzeit, die reifenden Früchte locken sie an: wehrhafte Insekten. Weltweit sterben jährlich rund 140.000 Menschen an Bienen-, Wespen- und Hornissenstichen. Dagegen nehmen sich die viel mehr gefürchteten Schlangenbisse mit 40.000 und die Spinnenbisse mit 500 Toten relativ selten aus.

 Tarantel
Spinnentiere und Skorpione können bei vielen allein durch ihre Präsenz einen schockartigen Zustand auslösen.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Es sind wahre Giftbomben, die Wespen, Bienen und Hornissen mit sich führen. Sie verfügen über einen Cocktail von toxischen Substanzen: Histamin, Dopamin, Noradrenalin und Polypeptide können sie ihren Opfern injizieren. Für Kreislaufschwache und Allergiker eine mitunter lebensgefährliche Mischung, die in besonders schweren Fällen auch zur Anaphylaxie führen kann. Deutliche Anzeichen dafür sind durch das Anschwellen der Atemwege bedingte Atemnot, Herzrhythmusstörungen und Blutdruckabfall. Der Zustand kann bis zur Bewusstlosigkeit führen.
Auf der 11. Sommerakademie der Österreichischen Apothekerkammer in Pörtschach am Wörthersee in Kärnten wurde daher eine Reihe von Expertenempfehlungen für den Ernstfall gegeben. Ärzte sollten all jene Personen, die von ihrer Allergie wissen, unbedingt motivieren, ein Antihistaminikum oder ein Kortikosteroid sowie einen Allergiepass mit sich zu führen. Darüber hinaus sollten die Gefährdeten beim Arzt und Apotheker ein Notfallset zusammenstellen lassen. Dazu zählt auch eine Selbstinjektion mit einer Adrenalinlösung, der Epi-Pen-Auto-Injektor – für Kinder bis zu einem Körpergewicht von 15 bis 30 Kilo gibt es den Epi-Pen Junior.

Da macht jede Mücke die Fliege

Auch Insektenschutz ist notwendiger denn je, Repellentien gegen Steckmücken, Bremsen und Zecken erlangen infolge der globalen Erwärmung, vor allem als Prophylaxe gegen Malaria, immer mehr an Bedeutung. Dafür wurden bereits mehr als 10.000 organische Substanzen getestet. Aufgrund der geringen toxischen Nebenwirkungen bei überzeugender Wirksamkeit werden vor allem zwei Wirkstoffe, Diethyltoluamid und Ethyl Butylacetylaminopropionat, empfohlen. Bei extremer Belastung in den Tropen empfiehlt sich ExoPic 12 forte Spray mit einem Langzeitschutz von bis zu zwölf Stunden gegen Steckmücken und ca. vier Stunden gegen Bremsen, Zecken und Milben.

Reisesouvenir Kutane Myiasis

Nach Opfer suchende Insekten gibt es fast überall. Etwa die Dasselfliegen in Mittel- und Südamerika oder die Tumbufliegen in West- und Zentralafrika, die ihre Larven entlang des Stichkanals in die Haut legen und damit schmerzhafte erythematöse Knoten verursachen. Die Larven können bis zu drei Zentimeter groß werden und bohren sich tief in die Haut. Nach acht bis zehn Wochen verlassen sie den Wirt und fallen ab, die Myiasis heilt von selbst ab. Aber so lange will freilich keiner warten. Die Dermatologen empfehlen in diesen Fällen eine chirurgische Entfernung und anschließend eine Wunddesinfektion.

Tierische Gifte: Toxischer und schneller wirksam

Gifttiere sind „untouchables“, Unberührbare – sie versprühen oft ihr Gift im selben Moment, in dem man mit ihnen in Kontakt kommt. Es sind vor allem die Neurotoxine, die starke Schmerzen und Lähmungen hervorrufen. „Einige dieser Substanzen sind etwa zehn- bis hunderttausendfach giftiger als der giftigste, von Menschen synthetisch hergestellte Stoff, etwa das TCDD, das als Dioxin und gefährliches Umweltgift bekannt ist“, erläuterte Prof. Mag. Dr. Eckhard Beubler vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie in Graz. Und weiter: „Kaliumcyanid, ein gefürchtetes Gift, das vor allem durch Kriminalromane berühmt wurde, nimmt sich dagegen wie Staubzucker aus.“
Neben ihrer giftigen Aura haben Spinnen, Skorpione und Schlangen gemeinsam, dass sie Angst und Schrecken auslösen, noch bevor das Tier überhaupt attackiert. „Allein ein Angriffsversuch kann bei manchen Menschen einen schockartige Zustand auslösen und zu Kreislauf- und Herzbeschwerden führen“, sagte der Pharmakologe.
Bei uns vorkommende Spinnen beißen zwar, aber ihr Sekret ruft meist nur Hautreizungen oder Schwellungen hervor, kühle Abwaschungen helfen rasch. Die im Mittelmeerbereich vorkommende Tarantel verursacht ähnliche Beschwerden wie ein Bienenstich. Muskelentspannende Medikamente, Antihistaminika und Antisera bringen Linderung. Der Stich des Skorpions führt zu starken Schmerzen und schweren Allergien, ebenso einem Bienenstich vergleichbar, nur deutlich intensiver. Auch hier helfen Antihistaminika. Der Biss der bei uns vorkommenden Schlangen, Kreuzottern, Höllenottern, Sandvipern ist nicht tödlich. Aber schon in südlichen Mittelmeerländern, etwa Ägypten, sowie in Südasien kann man einer Brillenschlange begegnen. Beim Angriff speit sie bis einen Meter weit nach ihrem Opfer ,und ihr Biss ist bisweilen tödlich. Ihr Gift wurde einst sogar für Hinrichtungen verwendet.
„Ist man in Afrika oder Asien unterwegs, sollte man daher immer ein Schlangenserum mit sich führen. Der Biss dieses Reptils ist tödlich, wenn kein passendes Serum greifbar ist“, warnte Beubler.
Freilich lauern auch im Wasser Gefahren, unter anderem Quallen. Prof. Dr. Gerhard Tappeiner, Universitätsklinik für Dermatologie, AKH Wien, empfiehlt, die Quallenverletzung sofort mit konzentriertem Alkohol (z.B. Brennspiritus) abzuspülen, aber keinesfalls mit Süßwasser.
Von den Fischen können vor allem der auch im Mittelmeer heimische Steinfisch und das Große Petermännchen gefährlich werden. Sie injizieren mit ihrem Stachel ein starkes Nervengift, das nicht nur schlimmste Schmerzen, sondern auch Lähmungen verursacht.

Da ist der Wurm1 drin

„Jeder, der sich längere Zeit in den Tropen aufgehalten hat, sollte auch bei völligem Wohlbefinden einige Wochen nach der Rückkehr eine Stuhluntersuchung auf Eier intestinaler Helminthen durchführen lassen. Treten Beschwerden nach so einer Reise auf, so ist immer auch an eine Helminthose zu denken“, empfahl Prof. Dr. Horst Aspöck, Abteilung für Medizinische Parasitologie, Klinisches Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie in Wien. Für die Teilnehmer der Apotheker Sommerakademie, die unter dem Thema Reisemedizin stand, hatte Aspöck auch ernüchternde Zahlen parat: Bisher sind rund 200 Helminthen-Spezies beim Menschen im Gastrointestinaltrakt gefunden worden, mehr als 100 Helminthen-Arten in anderen Körperhöhlen, Organen und Geweben, etwa 200 Helminthen-Arten parasitieren im Blutgefäßsystem und über 50 in der Haut. Manche Arten rufen schwerwiegende Leiden hervor, etwa Spül- und Hakenwürmer, die mindestens 160.000 bis 200.000 Todesfälle pro Jahr verursachen. Nicht abzuschätzen ist der indirekte Einfluss der Helminthosen auf den Gesundheitszustand. Besonders gefährlich sind jene mit extraintestinaler Lokalisation der Erreger: Bilharziosen, Zystizerkosen, zystische Echinokokkose, alveoläre Echinokokkose, Trichinellosen und Toxokarose. Die Infektionswege führen über den Mund oder die Haut.
Wichtige Schritte zur Diagnose sind eine geographische Anamnese und Laboranalysen zum direkten Erregernachweis – vor allem Stuhluntersuchungen und serologische Tests, die bei allen extraintestinalen Helminthosen gemacht werden sollen.

Was wurmt den Wurm?

Für die Therapie der Helminthosen stehen mehrere ausgezeichnete Antihelminthika zur Verfügung, manche machen aber auch chirurgische Maßnahmen notwendig. Zu den wichtigsten Antihelkinthika zählen Parziquantel, Albendazol, Ivermectin, Diethylcarbamazin, in manchen Fällen zusätzlich Kortikosteroide. „Gegen Helminthosen gibt es weder eine Impfung noch eine Chemoprophylaxe, daher verbleibt nur die Expositionsprophylaxe“, so Parasitologe Aspöck.
Soll man sich nun vor der „Giftküche“ der Tiere fürchten? Nein, sagen die Experten, bei richtigem Verhalten zu Lande und im Wasser und vor allem auch am Esstisch können die Gefahren weitgehend eingeschränkt werden.

1 Das Wort „Würmer“ ist im Grunde genommen veraltet, wird aber im biologischen und medizinischen Jargon dennoch für Helminthen, Eingeweidewürmer gebraucht.

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