zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 9. Oktober 2007

Einfache Knie-Diagnostik

Die grundlegende funktionelle Untersuchung des Kniegelenks erfordert keine kostspieligen Geräte, nur etwas Geschick und Übung. Dann kann auch schon die Bandinstabilität klassifiziert werden.

Die Basisuntersuchung bei jeder Knieverletzung gliedert sich in klinische Untersuchung, bildgebende Verfahren und invasive Diagnostik.

Klinische Untersuchung des Kniegelenks

Die klinische Untersuchung umfasst das Erheben des Verletzungsmechanismus, die Information über bereits bekannte Vorverletzungen, die visuelle und manuelle Untersuchung und das Bewerten von Funktionstests wie Stabilitätsprüfung und Bewegungsausmaß. Als Erstes wird der Unfallhergang erhoben: Die Anamnese gibt schon häufig einen Hinweis auf die Art der Knieverletzung. Sie beginnt mit der Erhebung des Unfallmechanismus. Die Verletzung kann durch direkte (Knieanpralltrauma) oder indirekte Gewalteinwirkung (Drehtrauma) entstanden sein. Ebenso kann eine Kombination von direkter und indirekter Gewalteinwirkung vorliegen. Bei der isolierten Knieverletzung sind folgende Fragen wichtig: Konnte der Patient nach dem Unfall gehen? Haben die Schmerzen sofort eingesetzt? Kam es zu einem raschen Anschwellen des Kniegelenks, zu einem hörbaren Reißen oder „Popp“ oder zu einer Deformierung mit spontaner oder manueller Reposition? Bemerkungen wie „das Knie gab plötzlich nach“, „das Knie blockierte“ oder die Angabe, ein „krachendes“ Geräusch im Moment des Unfalles gehört zu haben, sind wegweisend für weitere Abklärungen.
Die Beinachse im Stehen und die Achsenveränderung beim Gehen müssen beurteilt werden. Weiters ist es notwendig, den Streckapparat gemeinsam mit dem Femoropatellargelenk zu untersuchen.
Bei der klinischen Untersuchung muss nach Weichteilschwellungen, Prellmarken (z. B. am ven­tralen Tibiakopf bei einer hinteren Kreuzbandverletzung) sowie Ergussbildungen gesucht werden. Die Gelenkperipherie wird sorgfältig abgetastet (palpiert), hierdurch lässt sich die periphere Verletzungslokalisation recht genau herausfinden. Eine anhaltende Streckhemmung bzw. Beugehemmung bei eingeklemmtem Meniskus sowie Druckschmerz über dem Gelenkspalt sind Hinweise für eine zusätzliche Meniskusläsion. Die Beweglichkeit wird aktiv und passiv überprüft.
Bei der Stabilitätsprüfung wird das Ausmaß der Verschiebbarkeit der Gelenkkomponenten (femurotibiale und patellofemorale Translation) im Seitenvergleich geprüft. Die Seitendifferenz wird in Millimetern angegeben, sowohl O-Bein-/X-Bein-Vermehrung (Varus-/Valgusinstabilitäten) als auch Schubladeninstabilitäten nach vorne (bei VKB-Riss) und nach hinten (bei HKB-Riss) werden gemessen. Die klinische Beurteilung wird eingeteilt in + (= bis 5 mm Seitendifferenz), ++ (= bis 10 mm Seitendifferenz) und in +++ (= über 10 mm Seitendifferenz). Bei den Stabilitäts-/Stresstests wird neben dem Ausmaß der Verschiebbarkeit (Translation) der Endpunkt oder das Fehlen des Anschlags und eventuell die Schmerzhaftigkeit geprüft. Die individuellen Unterschiede bezüglich der Bandstabilität sind erheblich. Beim Patienten gilt das gesunde Knie als Referenz. In einzelnen Fällen, vor allem bei globaler Knieinstabilität, können präoperative Stressröntgenbilder angefertigt werden, um die Verschiebung zu messen.
Seitendifferenzen können auch durch aktive dynamische Röntgenaufnahmen dokumentiert werden, pathologisch sind Werte ab 3 mm Seitendifferenz. Die Qualität des Anschlages sollte mit „hart“ oder „weich“ angegeben werden. Eine Operationsindikation wird jedoch nie alleine von der gemessenen Instabilität abgeleitet.
Folgende Funktionstests finden häufig Anwendung:
• Varus-Valgusaufklappbarkeit (mediale bzw. laterale Gelenköffnung) in (Über-)Streckstellung und in 20°-Beugung bei Seitenbandrupturen
• spontane hintere Schublade (Schwerkrafttests), wobei bei einer hinteren Kreuzbandverletzung das Tibiaplateau bei 90°-Beugestellung und aufgestelltem Bein nach hinten sinkt, die Schienbeinrauigkeit (Tuberositas tibiae) sinkt hinter das Kniescheibenniveau (posterior sag)
• Lachman-Test: zur Beurteilung der strecknahen Schublade (a.p.-Translation) in 20°- bis 30°-Beugung
• klassischer Schubladentest für die vordere und hintere Schublade
• aktiver Quadrizeps-Kontrak­tionstes
• der Pivot-Shift-Test lässt sich meist nur bei chronischen Formen der Instabilität durchführen
• vermehrte passive Hyperextension mit Varusausbiegung wird bei der postero-lateralen Instabilität beobachtet

Klassifikation von Bandinstabilitäten

Sowohl in diagnostischer als auch in therapeutischer Hinsicht haben Verletzungen des Kapsel-Band-Apparates in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen.
Es werden Läsionen ohne und mit Instabilität unterschieden, die instabilen Verletzungen werden folgendermaßen eingeteilt: gerade Instabilität (in einer Bewegungsebene), Rotationsinstabilität (in zwei Bewegungsebenen) und kombinierte rotatorische Instabilität (in zwei oder mehr Bewegungsebenen)

Quelle: „Das Knie“ Prof. Dr. Rudolf Schabus,
Springer Verlag, 2007

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 41/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben