zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 17. Jänner 2008

Besser zu früh als zu spät

Ende November des Vorjahres wurde ein gemeinsamer Bericht von UNAIDS und WHO veröffentlicht, der besagt, dass die HIV/AIDS-Zahlen in Afrika südlich der Sahara sowie in Indien besser aussehen als gedacht. Der Wermutstropfen: Die Situation vor allem in Osteuropa verschlechtert sich stetig.

„Frühzeitiges Testen und Zugang zu effektiver Behandlung sind die Schlüssel zur Bekämpfung der HIV/AIDS-Epidemie. Von diesen Maßnahmen können wir aber keine Ergebnisse erwarten, wenn wir nicht auch effektiv gegen das mit HIV-Infektion verbundene Stigma und die damit einhergehende Diskriminierung vorgehen“, erklärte Markos Kyprianou, der gegenwärtige Gesundheitskommissar der Europäischen Union (EU), bei der Eröffnung der Europäischen HIV-Konferenz 2007.
Etwa 2,4 Millionen Menschen in Europa und Zentralasien leben mit HIV, 760.000 davon sind Bürger der EU. Im Jahr 2006 wurden über 87.000 HIV-Neuinfektionen in den 53 Ländern der WHO-Region Europa diagnostiziert. Damit hat sich die Neuinfektionsrate in Westeuropa seit 1996 verdoppelt. Ebenso verdoppelt hat sich in den vergangenen sechs Jahren die Zahl der in Europa lebenden HIV-positiven Erwachsenen und Kinder.

Infiziert, ohne es zu wissen

Was das Problem noch akuter macht, ist die Tatsache, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen nicht wissen, dass sie infiziert sind. Denn die Diagnose- und Bewusstseinsrate schwankt innerhalb Europas ganz beträchtlich. Je nach Land wissen bis zu 70 Prozent der Betroffenen nicht, dass sie HIV-positiv sind (WHO Regionalbüro Europa, unveröffentlichte Umfragedaten, Nov. 2007). Man geht davon aus, dass die Gefahr einer Weiterübertragung von HIV bei Menschen, die über ihre Infektion nicht Bescheid wissen, wesentlichhöher ist, als bei jenen, die über ihre Erkrankung informiert sind.
Ende November 2007 kamen daher in Brüssel 300 europäische HIV-Experten und AIDS-Aktivisten zusammen, um ihre gemeinsame Erfahrung zu bündeln und koordinierte Maßnahmen und Richtlinien zu entwickeln. Das Ziel: eine gesamteuropäische Strategie.
Denn wenn auch die antiretrovirale Therapie (ART) der HIV-Infektion den Nimbus des grausamen und unumstößlichen Todesurteiles genommen hat, so erhalten doch auch in Europa viele Menschen auf Grund unterschiedlicher Regelungen bezüglich HIV-Tests die lebensverlängernde ART nicht zeitgerecht, wodurch auch deren Bedeutung für die Verhinderung der Weiterverbreitung eingeschränkt wird. Die Veranstalter der Brüsseler Konferenz betonten, dass dringend neue Richtlinien zur breiteren Anwendung der HIV-Tests benötigt werden, um auch jene Menschen zu erreichen, die nicht wissen, ob sie mit HIV infiziert sind. Dazu gehören besonders jene Randgruppen, die ein hohes Gefährdungspotenzial aufweisen und gleichzeitig den Institutionen der Mehrheitsgesellschaft fern stehen.

Zu spät getestet – ein Todesurteil

„Wir wissen, dass in den vergangenen zehn Jahren über 300.000 Menschen in Europa an AIDS gestorben sind, weil sie zu spät getestet wurden“, erläuterte Prof. Dr. Jens Lundgren von der Fakultät für Gesundheitswissenschaft der Universität Kopenhagen. „Allein durch einheitliche Richtlinien bezüglich der HIV-Tests hätten zahlreiche Todesfälle verhindert werden können.“ Nun müssten europaweit die optimalen Vorgangsweisen identifiziert und eingeführt werden.
Für Europa stellen späte Diagnosen ein echtes Problem dar, und die Situation verschlimmert sich zusehends. Die erste wesentliche Erkenntnis einer weltweiten Untersuchung, welche 2008 veröffentlicht werden soll, ist, dass bei 30 Prozent der Patienten die HIV-Infektion erst diagnostiziert wird, wenn diese schon längst behandelt werden sollte (Coker et al.: Testing Times: Unmet need in Testing, treatment and care for HIV/Aids in Europe, pub. in progress). Nur durch frühzeitige Diagnose können HIV-positive Menschen jene Behandlung erhalten, die notwendig ist, um auch die Weiterübertragung zu verhindern. Dies erscheint insbesondere als wichtig, da HIV-Infektionen im Vormarsch sind. Westeuropäer erwerben HIV vornehmlich durch sexuelle Kontakte, vielfach außerhalb Europas. Fast 40 Prozent sind Männer, die Sexualkontakt mit anderen Männern hatten. Im Gegensatz dazu erfolgen zwei Drittel der Neuinfektionen in Osteuropa durch i.v.-Drogenabusus.

Stigma verhindert Therapie

Dazu Dr. Srdan Matic vom WHO-Regionalbüro für Europa: „Der volle Nutzen der verfügbaren antiretroviralen Behandlung für jene, die mit dem HI-Virus leben, kann nur durch Abbau jener Hürden erfolgen, die einer frühzeitigen Diagnose im Weg stehen. Wir benötigen vielfältige parallele Strategien, die den Zugang zu HIV-Tests erleichtern und die Stigmatisierung jener verringern, die mit dem Virus leben oder von einer Infektion bedroht sind.“
Besondere Verantwortung komme hierbei den Ärzten zu, erklärte Matic, welche eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von HIV-Infektionen erleichtern und patientenfreundliche Dienste bereitstellen müssten, um vermeidbare HIV-Infektionen und -Todesfälle auf ein Minimum zu reduzieren.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 3/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben