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Innere Medizin 5. September 2007

Kommt die „Adipositas-Epidemie“ auch nach Österreich?

Die WHO warnte schon in den 90-ern vor Adipositas als „Epidemie des 21. Jahrhunderts“. Die erste umfassende Erhebung für Österreich zeigt: Beinahe jedes fünfte Kind im Alter von sechs bis 14 Jahren ist übergewichtig, die Hälfte davon sogar adipös.

 Frau
„Rund und gsund“ – ein Klassiker der österreichischen Mundart. Ersteres trifft häufig zu, Zweiteres bei den extrem Adipösen hingegen kaum.

Foto: pixelio.de

Dass Adipositas zur „Epidemie des 21. Jahrhunderts“ werden könnte, wurde von der Weltgesundheitsorganisation schon im vergangenen Jahrhundert prognostiziert. Wie groß dieses Problem in Österreich tatsächlich ist, wurde nun erstmals umfassend ausgewertet. „Die Adipositas-Epidemie ist schon da. Fast jedes fünfte Kind zwischen sechs und 14 Jahren ist übergewichtig, die Hälfte davon ist adipös“, sagt Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter einer Studie zum Thema „Adipositas bei Kindern und Jugendlichen“ und Vorstand der Kinder- und Jugendabteilung am Krankenhaus St. Pölten. Ein Lebensmittelkonzern finanzierte die Datenerhebung von mehr als 114.000 Schülerinnen und Schülern im Alter von sechs bis 14 Jahren aus allen Bundesländern. „Im Detail zeigte sich, dass Hauptschüler häufiger betroffen sind als Gymnasiasten“, ergänzt Zwiauer.

Sumo-Ringer beim Kinderarzt

„In meine Praxis kommen zumindest einmal wöchentlich übergewichtige Kinder und Jugendliche. Aber auch die Jungen, die extrem adipös sind und eine Statur eines Sumo-Ringers haben, sind in den vergangenen Jahren gestiegen“, berichtet Priv.-Doz. Dr. Nicole Grois, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde in Wien. 12- bis 15-Jährige, die teils 130, 140 oder 150 Kilogramm auf die Waage bringen, hätten laut Experten nicht nur äußerst schlechte Berufschancen, sondern seien auch einer Umwelt ausgesetzt, die sie diskriminiere und in der sie kein Verständnis vorfänden.

„Mit zehn bereits Altersdiabetes“

In Einzelfällen gebe es auch Zehnjährige, die an Altersdiabetes erkrankt sind, oder Zwölfjährige, bei denen eine Fettleber diagnostiziert werde. „Meist sind in diesem Alter als gesundheitliche Folgen der Fettleibigkeit aber nur subtile und reversible metabolische Veränderungen des Stoffwechsels festzustellen“, so Zwiauer. „Gesellschaftlich betrachtet, ist durch die zunehmende Zahl von Übergewichtigen und Adipösen mit hohen Zusatzkosten für das Gesundheitssystem zu rechnen“, warnt der Studienleiter.

Es fehlen Programme – vor allem für Kinder und Jugendliche

Flächendeckende kostenfreie multidisziplinäre Programme für adipöse und extrem adipöse Jugendliche, die Ernährungsberatung, Bewegung und medizinische Betreuung umfassen, könnten Abhilfe schaffen. Der „Erste österreichische Adipositas-Bericht 2006“ stellt jedoch fest, dass es in Österreich derzeit eine „nur unzureichende Betreuung für übergewichtige Kinder und Jugendliche“ gebe.

Niedergelassene Ärzte fühlen sich allein gelassen

Nachvollziehbar, dass sich niedergelassene Mediziner mit schwer adipösen Kindern und deren sozialen und Gesundheitsproblemen allein gelassen fühlen. „Adipöse Kinder würden zumindest einmal pro Monat eine halbe bis eine Stunde medizinische Betreuung benötigen, die das Besprechen von Ernährungsprotokollen, sowie moralische Unterstützung und Motivation beinhalten sollte“, sagt Grois. Und Zwiauer fügt hinzu: „Um dieses Problem zu lösen, muss auf gesundheitspolitischer Ebene jahrzehntelang Versäumtes so rasch als möglich nachgeholt werden.“

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 36/2007

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