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Innere Medizin 17. Oktober 2007

Rote Karte für Diabetes

Bei einem Vier-Länder-Turnier für zuckerkranke Kinder in Nyon am Genfer See belegten Österreichs Nachwuchskicker die Plätze zwei und drei – Österreichs Jung-Fußballer mit Typ-1-Diabetes, um genau zu sein. Ihre Erkrankung stellt kein Sporthindernis dar, im Gegenteil: Die Bewegung ist für sie sogar besonders gesund.

Yannick Chevrolet und sein Kollege Denis Martin hatten am ersten Oktobersonntag nichts zu tun. Gottlob, kann man sagen, denn die beiden Herren sind Sanitäter beim Ambulances Service von Nyon, der europäischen Fußballhauptstadt. Bei einem Vier-Länder-Turnier im Stadion der Gemeinde am Genfer See konnten sie vor dem Ambulanzzelt sitzend in aller Ruhe das Spielgeschehen beobachten. Denn es gab weder verletzte Fußballer noch Unfälle im Publikum.
Vor allem gab es aber auch niemanden, der an Hypo- oder Hyperglykämie gelitten hätte – was ja vielleicht hätte sein können. Denn an diesem Kickerwettkampf haben nur Typ-1-Diabetiker teilgenommen. Rund 150 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren aus Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz machten beim ersten Junior Cup Diabetes mit. Ein Medizintechnikunternehmen hatte zur ersten derartigen Veranstaltung in Europa eingeladen. In zwei Altersklassen – sechs bis zwölf und 13 bis 18 Jahre – absolvierten die einzelnen Teams je drei Gruppenspiele und kämpften dann im kleinen oder im großen Finale um den ersten oder dritten Platz.

Die Ernährung muss auf den Sport abgestimmt sein

Die österreichischen Vertreter haben sich bei dieser inoffiziellen Fußball-Europameisterschaft übrigens ganz ausgezeichnet geschlagen: die jüngeren wurden dritte, die älteren besiegten zuerst die Schweiz und dann auch Deutschland. Im Finale unterlagen sie schließlich aber doch den Franzosen. „Sport ist für jedes Kind wichtig und für Kinder mit Typ-1-Diabetes ganz besonders, weil Bewegung dazu beitragen kann, dass weniger Schwankungen des Blutzuckerspiegels zu verzeichnen sind“, weiß Dr. Ulrike Zanier, die Kinder und Jugendliche mit dieser Erkrankung betreut – darunter auch einen der erfolgreichen Kicker von Nyon.
Allerdings müssten Typ-1-Diabetiker ihre Ernährung und ihre Insulin-Dosierungen auf ihr Bewegungsprogramm abstimmen, vor allem, wenn über längere Zeiträume hinweg eine Ausdauersportart betrieben oder auch Fußball gespielt werde, ergänzt die Oberärztin an der Kinderabteilung des Allgemeinen Öffentlichen Krankenhauses in Dornbirn, Vorarlberg: „Um eine Hypoglykämie zu vermeiden, sollten zuvor zusätzliche Broteinheiten aufgenommen werden. Am besten in Form von Nudeln, Brot oder anderen Nahrungsmitteln, die einen hohen Anteil an langsam verwertbaren Kohlenhydraten enthalten.“

Studien bestätigen den Nutzen von Bewegung

Dr. Antje Herbst von der Universität Bonn hat mit ihren Kollegen eine Studie zu den Auswirkungen regelmäßiger körperlicher Bewegung bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes durchgeführt. Dafür wurden Daten von rund 19.000 Patienten zwischen drei und 20 Jahren mit Typ-1-Diabetes analysiert. Diese stammten von fast 180 Kliniken in Deutschland und Österreich und waren bei jedem Arztbesuch zwischen 1997 und 2004 erhoben worden. Gemessen wurde neben Häufigkeit und Dauer sportlicher Betätigung auch Körpergewicht und
-größe sowie der HbA1c-Wert.
Die in den Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine (2006 Jun;160(6):573-7) publizierte Arbeit zeigte, dass Kinder, die dreimal oder öfter pro Woche Sport betreiben, mit 8,1 Prozent einen signifikant niedrigeren HbA1c-Wert hatten als jene die keinen Sport ausüben. Für Letztere war der durchschnittliche HbA1c mit 8,4 doch deutlich höher. Ein weiteres Ergebnis: Mehr sportliche Aktivität war nicht mit vermehrten schweren Hypoglykämien verbunden, die fremde Hilfe erfordert hätten. Herbst fordert deshalb sogar: „Regelmäßiger Sport sollte von Typ-1-Diabetikern verlangt werden. Er führt zu besserer Blutzuckerkontrolle, einem besseren HbA1c-Wert und bei weiblichen Patienten zu einem niedrigeren Body Mass Index.“

Spitzensport mit Diabetes?

Deutsche Wissenschaftler verweisen darauf, dass heute mit Typ-1-Diabetes auf jedem Niveau körperliche Aktivität möglich ist: von Freizeit- und Erholungs- bis zum Leistungssport (Diabetes Care 1999 Nov;22(11):1904-5). Zu den bekanntesten Athleten mit Typ-1-Diabetes zählt Gary Hall Jr. aus den USA, der bei der Olympiade in Sidney im Jahr 2000 im Alter von 25 Jahren zwei Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille im Schwimmen erringen konnte. Die Erkrankung war bei dem US-Sportler erst wenige Monate zuvor diagnostiziert worden. Vier Jahre später konnte der Schwimmer seiner Medaillensammlung in Athen erneut olympisches Gold und Bronze hinzufügen.
Bei Sir Steve Redgrave, einem britischen Ruderer, wurde Typ-1-Diabetes ebenfalls im Erwachsenenalter diagnostiziert, und zwar im Jahr 1997 mit 35 Jahren. Auch Redgrave war in Sydney im Jahr 2000 erfolgreich. Gemeinsam mit seinen Teamkollegen konnte er im Vierer ohne Steuermann den ersten Platz belegen. Dimo Wache, Torwart beim 1. FSV Mainz 05 in der zweiten Fußball-Bundesliga in Deutschland, hat über seine Erfahrungen mit der Krankheit sogar ein Buch geschrieben. Es heißt: „Rote Karte für Diabetes“.

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 42/2007

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