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Innere Medizin 26. September 2007

Strategien gegen die Adipositas-Epidemie

Eine aktuelle Erhebung zeigt für Österreich erstmals das tatsächliche Ausmaß der viel zitierten Adipositas-Epidemie. Die Ursachen sind laut Experten vielfältig und umfassen genetische, soziale und Verhaltensfaktoren. Gegenstrategien müssten deshalb ebenfalls umfassend geplant werden. Sie könnten von zusätzlichem Turnunterricht bis zu kos­tenfreien multidisziplinären Programmen für bereits betroffene Kinder und Jugendliche reichen.

 Adipositas nach Schultyp

„Unsere aktuelle Erhebung zeigt erstmals für Österreich das tatsächliche Ausmaß der Adipositas-Epidemie“, sagt Prim. Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter einer umfassenden Studie zum Thema „Adipositas bei Kindern und Jugendlichen“, über deren zentrale Ergebnisse bereits in der Ärzte Woche Nr. 36 berichtet wurde. Im Detail ergab die Erhebung unter anderem, dass sowohl Übergewicht als auch Adipositas bei Knaben deutlich mehr verbreitet als bei Mädchen sind und dass Mädchen häufiger untergewichtig sind.
Rund neun Prozent der männlichen und sieben Prozent der weiblichen Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 14 Jahren sind adipös. Weiters sind rund elf Prozent der männlichen Kinder und Jugendlichen übergewichtig und rund zehn Prozent der weiblichen. Nach Bundesländern betrachtet, gibt es im Burgenland, in Niederösterreich und Wien die meisten adipösen Sechs- bis 14-Jährigen, in Salzburg die wenigsten.
Auffallend sind die großen Unterschiede nach Schultyp: In Hauptschulen gibt es etwa doppelt so viele adipöse Schülerinnen und Schüler wie in Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS). In Sonderschulen ist der Prozentsatz noch höher. Auch beim Übergewicht liegen die Sonderschulen vor Hauptschulen und AHS. „Übergewicht“ und „Adipositas“ wurden für die Studie anhand der Referenzwerte für den deutschen Sprachraum von Dr. Katrin Kromeyer-Hauschild definiert (siehe auch Kasten „Übergewichtig oder adipös?“).
„In Österreich müssen jetzt rasch flächendeckend kostenfreie multidisziplinäre Gesundheitsprogramme für adipöse Kinder und Jugendliche angeboten werden, die medizinische, psychologische, ernährungs- und sportwissenschaftliche Betreuung umfassen. Wenn das nicht geschieht, dann ist in Österreich möglicherweise mit einigen Jahren Verzögerung mit einem Anteil Adipöser und Übergewichtiger an der Gesamtbevölkerung zu rechnen, der mit jenem in den USA vergleichbar sein könnte“, befürchtet Zwiauer. Denn es sei natürlich davon auszugehen, dass ohne Gegenmaßnahmen aus zahlreichen adipösen Kindern und Jugendlichen auch adipöse Erwachsene werden, so der Leiter der Kinder- und Jugendabteilung am Landesklinikum St. Pölten.

Bald schon amerikanische Verhältnisse?

Laut der International Obesity Task Force (IOTF), einem internationalen Expertengremium mit Sitz in London, waren im Jahr 2004 in den USA 34,1 Prozent der über 20-Jährigen übergewichtig, weitere 32,2 Prozent adipös. In Österreich waren im Jahr 1999 laut dem Österreichischen Ernährungsbericht des Instituts für Ernährungswissenschaften der Universität Wien 37 Prozent der Gesamtbevölkerung ab 20 Jahren übergewichtig und 9,1 Prozent adipös.
Zwischen 1991 und 1999 war eine Zunahme der Adipositasprävalenz in der erwachsenen Gesamtbevölkerung von 8,5 Prozent auf die bereits erwähnten 9,1 Prozent zu beobachten, wobei es sich hier um selbst berichtete Daten handelt. Gemessenen Daten aus Vorarlberg zufolge, so der Erste österreichische Adipositasbericht 2006, ist im selben Zeitraum ein Anstieg der Adipositasprävalenz um 14 Prozent bei Männern und um 17 Prozent bei Frauen zu verzeichnen gewesen.
Der Anteil adipöser Rekruten des österreichischen Bundesheeres ist von 3,3 Prozent 1991 auf 5,3 Prozent 2002 angestiegen. Das entspricht einem Zuwachs von 61 Prozent und lässt auf entsprechend hohe Steigerungsraten bei männlichen Kindern und Jugendlichen rückschließen.

Auch Entwicklungsländer sind betroffen

Laut dem bereits erwähnten Ersten österreichischen Adipositasbericht 2006 steigt die Prävalenz an übergewichtigen Kindern nicht nur in Industrieländern, sondern auch in Entwicklungsländern. Weltweit würden im Durchschnitt betrachtet jedes Jahr zusätzlich ein Prozent aller Kinder übergewichtig.
Weiters sei in Industrieländern wie Österreich zu beobachten, dass Kinder, die in Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status aufwachsen, ein deutlich höheres Risiko hätten, übergewichtig zu werden. Neben der Anzahl der Übergewichtigen werde speziell in Europa auch „die Last für die Gesundheitssysteme“ immer höher.

Andere Ernährung, verändertes Freizeitverhalten

Doch was sind die Gründe dafür, dass es immer mehr übergewichtige und adipöse Kinder und Jugendliche gibt? „Die Ursachen sind multifaktoriell“, betont Doz. Mag. Dr. Ingrid Kiefer vom Institut für Sozialmedizin, Zentrum für Public Health, der Medizinischen Universität Wien.
Neben genetischen Ursachen, so die Projektleiterin des Ersten österreichischen Adipositasberichts 2006, seien vor allem auch Faktoren wie falsches Ernährungsverhalten und Bewegungsmangel zu nennen. „Natürlich hängt die zunehmende Verbreitung von Übergewicht und Adipositas unter Kindern und Jugendlichen wahrscheinlich auch damit zusammen, dass sich in den vergangenen Jahren das Freizeitverhalten verändert hat. Immer mehr Jugendliche verbringen immer mehr Zeit damit, vor TV, Computer oder Play Station zu sitzen“, ergänzt Kiefer.
Die Behandlung adipöser Kinder und Jugendlicher sollte laut Bericht fünf Module umfassen:
• auf medizinischer Ebene sollten adipositasassoziierte Erkrankungen verhindert oder bestehende therapiert werden;
• weiters ist eine Umstellung auf ausgewogene Ernährung eine der zentralen Maßnahmen. Aus psychologischen Gründen wird dabei ein zwar weitgehender, jedoch kein kompletter Verzicht auf Süßwaren empfohlen.
• Verhaltenstherapie zielt darauf ab, ungünstige Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten zu modifizieren und neu erlernte ­günstige zu stabilisieren;
• auch körperliche Bewegung und speziell Sport sind ein wesentlicher Schwerpunkt;
• nicht zuletzt müssen die Familien möglichst weitgehend miteinbezogen werden.

Infrastruktur und Ausbildung

Derartige multidisziplinäre kostenfreie Therapien und Programme sind aber in Österreich laut Einschätzung von Fachleuten bei weitem noch nicht in ausreichendem Ausmaß vorhanden.
Laut Pädiater Zwiauer sind zudem auf Ebene der Infrastruktur und des Ausbildungswesens dringend Maßnahmen notwendig. So sollten etwa die Schulwege grundsätzlich so ausgebaut werden, dass sie sicher begangen werden könnten, in den Schulen täglich Turn- und Sportunterricht erteilt sowie in den österreichischen Schulkantinen ausschließlich gesundes Essen angeboten werden. Weiters sei auch Information und Aufklärung über die Probleme, die Übergewicht und Adipositas nach sich ziehen, wichtig.

Bei den Kleinsten beginnen

In welche Richtung erfolgreiche Adipositas-Prävention gehen könnte, zeigt ein Projekt, das in Vorarlberg bereits seit mehreren Jahren vom aks Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin erfolgreich umgesetzt wird. Mit der munteren Maus Maxima als Symbolfigur werden Kindergartenkindern im Ländle ernährungsphysiologisch günstige Speisen wie Fruchtspießchen, Vollkornkekse oder Gemüsepizza schmackhaft gemacht. Wer so früh ansetzt, darf berechtigt hoffen, dass die Lust am gesunden Genuss bei den Kindern auch in der Schulzeit erhalten bleibt. Denn laut Ernährungswissenschaftler bleiben frühzeitig erworbene geschmackliche Vorlieben meist ein Leben lang erhalten.

 Fakten

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 39/2007

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