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Innere Medizin 12. Dezember 2007

Höhenluft

Manche medizinischen Mythen halten sich hartnäckig: zum Beispiel, dass beim Fliegen eine erhöhte Infektionsgefahr bestehe, weil die Klimaanlagen in Flugzeugen Erreger in der ganzen Kabine verteilen oder zu wenig Frischluft zuführen. Wahr ist vielmehr: Die Gesundheitsgefahr geht von der extrem trockenen Luft in der Kabine aus, und das gilt vor allem für die Business Class.

 Muster der Luftzirkulation

Fliegen ist bequem und billig, das Passagieraufkommen nimmt weltweit kontinuierlich zu: 21,6 Millionen Passagiere wurden etwa laut Verkehrsclub Österreich (VCÖ) im Vorjahr auf den österreichischen Flughäfen gezählt, doppelt so viele wie 1995. Einem weit verbreiteten Gerücht zufolge setzen sich die zahlreichen Flugreisenden aber auch einem erhöhten Gesundheitsrisiko aus. Ein Medizin-Mythos besagt, dass beim Fliegen erhöhte Infektionsgefahr bestehe, weil die Flugzeug-Klimaanlagen die vorhandene Luft mehrmals verwenden und Erreger in alle Winkel der Kabine verteilen.

Infektionsrisiko nicht höher

Laut Dr. Wolfgang Köstler, Chefarzt der österreichischen Flugsicherung Austrocontrol, ist diese Behauptung schlicht falsch. „Das Infektionsrisiko beim Fliegen ist nicht höher als auch in anderen Transportmitteln, in denen zahlreiche Menschen nahe beieinander sitzen oder stehen, wie etwa in Bussen, der U-Bahn oder Zügen“, weiß Köstler.
Das wird auch durch eine im Lancet erschienene Übersichtsarbeit zur „Übertragung von Infektionskrankheiten während kommerzieller Flüge“ belegt. Dort schreiben die beiden US-Mediziner Dr. Alexandra Mangili und Dr. Mark Gendreau: „Es gibt keine einer Peer Review unterzogene wissenschaftliche Arbeit, die einen Zusammenhang zwischen der Luftqualität in Flugzeugkabinen und … erhöhten Gesundheitsrisiken im Vergleich zu anderen Formen der Fortbewegung oder zu Büroräumen herstellt.“
Der Lancet-Review beschäftigt sich auch mit der „Austauschfrequenz von Flugzeug-Ventilationssystemen“. Diese sei mit 15 bis 20 Lufterneuerungen pro Stunde in Flugzeugkabinen in aller Regel höher als jene in typischen vollklimatisierten Büroräumen, die im Durchschnitt zwölf betrage.
In einer durchschnittlichen Flughöhe von mehr als 10.000 Metern und bei den wechselnden Bedingungen beim Steig- und Sinkflug für ausreichend Frischluft, gleichmäßigen Druck und eine angenehme Temperatur in der Kabine zu sorgen ist allerdings eine technische Herausforderung. Vereinfacht dargestellt wird diese so gelöst, dass die notwendige Frischluft aus dem Kompressor der Triebwerke abgezweigt und der Umluft aus der Kabine zugemischt wird – meist im Verhältnis 50 zu 50.
Laut einer Publikation der Swiss Air hat die Atemluft an Bord dann wie am Boden einen Sauerstoffanteil von rund 20 Prozent. „Die Umluft in Flugzeugkabinen wird mit High-Tech-Filtern gereinigt“, betont Köstler. In Flugzeugen moderner Bauart werden sogenannte HEPA-Filter (High Efficiency Particulate Absorbing Filter) eingesetzt, die je nach Flugzeugtyp alle sechs bis 18 Monate ausgetauscht werden. Dem Lancet-Review von Mangili und Gendreau zufolge sind HEPA-Filter bezogen auf Partikel von 0,3 Mikrometer Größe zu 97 bis 99 Prozent effizient. Sie entfernen Staub, Dämpfe, Pilze und Bakterien mit hoher Zuverlässigkeit und laut den beiden US-Wissenschaftlern auch virale Partikel, da diese ja „tröpfchenweise“ verbreitet würden.

Geringe longitudinale Luftzirkulation

In einer Flugzeugkabine gibt es nur eine geringe Luftströmung in Längsrichtung. Denn die Ventila­tionssysteme sind so konstruiert, dass die Luft jeweils im Bereich einiger weniger Sitzreihen von oben kommt und in Bodennähe wieder aus der Kabine entweicht. Schwebeteilchen werden also mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in der ganzen Kabine, sondern nur innerhalb einzelner Sektionen verbreitet.
In der vorhandenen Literatur sind denn auch nur relativ wenige Fälle von Infektionen beschrieben, die während eines Fluges erfolgten. Mangili und Gendreau verweisen in ihrem Review allerdings auch darauf, dass davon auszugehen ist, dass die bei Flügen auftretenden Infektionen nicht umfassend dokumentiert sind. Als wichtige Gründe dafür nennen sie einerseits die langen Inkubationszeiten der meisten Infektionskrankheiten, andrerseits aber auch mögliche Interessenkonflikte der Autoren der bislang vorliegenden Studien zu diesem Thema. Trotzdem kommen die beiden US-Mediziner in ihrem Review zu dem Schluss, dass das „wahrgenommene Risiko“ für Infektionen in Flugzeugkabinen höher sei als das „tatsächliche“.

Trockene Luft als Gesundheitsrisiko

Die Ansicht, dass das Infektionsrisiko beim Fliegen erhöht sei, gehört also wohl ins Reich der Medizin-Mythen. Der österreichische Experte Dr. Wolfgang Köstler sieht die größte flugzeugspezifische Gesundheitsgefahr denn auch in einem anderen Risikofaktor: der trockenen Luft an Bord. Aus technischen Gründen kann in Flugzeugkabinen nämlich nur eine Luftfeuchtigkeit zwischen fünf und 16 Prozent erzielt werden – wesentlich weniger als die 40 bis 60 Prozent, bei denen sich Menschen am wohlsten fühlen.
Die höheren Werte werden übrigens eher in der Economy Class erreicht, während auf den teuren Plätzen in der Business Class in aller Regel mit den niedrigsten zu rechnen ist. Das größere Platzangebot wirkt sich insofern nachteilig aus, als die Luftfeuchtigkeit im Flugzeug maßgeblich durch die Ausatmung der Mitreisenden bestimmt wird. Und je dichter nebeneinander geatmet wird, desto feuchter ist damit die Luft.
„Die geringe Luftfeuchtigkeit ist für Menschen, die bereits verkühlt sind oder an einer Grippe leiden, eine zusätzliche Gesundheitsgefahr. Wenn die Schleimhäute geschwollen sind, ist an Bord oft kein angemessener Druckausgleich mehr möglich, und dieses Problem wird durch die trockene Luft noch verschärft“, erklärt Köstler. Mögliche Folgen seien Mittelohrentzündungen, Nebenhöhlenprobleme oder auch Risse des Trommelfells und Einblutungen. „Wer bereits erkrankt ist, sollte also auch aus diesem Grund keine Flugreise antreten“, betont der Chefarzt der Austrocontrol.

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 50/2007

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