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Innere Medizin 24. April 2007

„Westlicher Lebensstil“ könnte Allergien triggern

Auf der Suche nach der anwachsenden Prävalenz von Allergien stellen Wissenschaftler nun eine These in den Raum: Schuld an der Misere ist der westliche Lebensstil. Eine groß angelegte Analyse scheint dies zu bestätigen.

Laut der internationalen ISAAC-Studie (International Study of Asthma and Allergies in Childhood) nimmt die Prävalenz von Allergien weltweit zu. Die genauen Ursachen sind bislang noch nicht bekannt. Fachexperten gehen jedoch davon aus, dass ein allgemeiner Zusammenhang zu „westlichem Lebensstil“ als belegt gelten kann.

Herr Ass.-Prof. Dr. Jäger, was zeigt ein „historischer Blick“ auf die Allergieprävalenz?
Jäger: Allergien sind zum ersten Mal in England bekannt geworden: in den 1850-er Jahren als „Rosenfieber“, Heuschnupfen oder „Sommerkatarrh“. Eine „aristokratische Krankheit“, die vor allem bei Angehörigen der höheren Stände beobachtet wurde. Von diesem Leiden waren nur bestimmte Bevölkerungsschichten betroffen, die einen anderen Lebensstil hatten als die normale Landbevölkerung. Mit der Verstädterung sind Allergien dann in breiterem Ausmaß aufgetreten. Seit den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts hat die Zahl der Fälle rapide zugenommen. Das kann natürlich mit dem so genannten „Wirtschaftswunder“ in Zusammenhang gebracht werden.

Wie ist der aktuelle Stand der Ursachenforschung?
Jäger: Aus wissenschaftlicher Sicht kann kein einzelner Faktor für das Entstehen von Allergien verantwortlich gemacht werden. Die groß angelegte ISAAC-Studie, für die Daten von rund einer halben Million Kindern aus 56 Ländern ausgewertet wurden, lässt jedoch darauf schließen, dass Allergien in Zusammenhang mit einem „westlichen Lebensstil“ stehen, während gleichzeitig in Regionen mit einem naturnahen Lebensstil kaum Überreaktionen auftreten. Das ist meiner Meinung nach derzeit die vernünftigste Erklärung, was immer nun im Einzelnen unter dem Schlagwort „westlicher Lebensstil“ verstanden werden mag. Ein interessantes Detail-Ergebnis aus der ISAAC-Studie ist, dass Englisch als Muttersprache mit einem vermehrten Auftreten von Allergien in Zusammenhang steht.

Welche Bedeutung hat die Früherkennung von Allergien?
Jäger: Bei sehr vielen Allergikern bleibt die Erkrankung vorerst undiagnostiziert, weil sie diese gar nicht richtig wahrnehmen. Wenn eine Allergie jahrelang verschleppt wird, kann dies jedoch dazu führen, dass sich für die Betroffenen das Allergenspektrum ausweitet. Das heißt, sie „lernen“ dann gewissermaßen neue Allergien dazu. Zudem wird die Symptomatik stärker und es können chronische Erkrankungen und speziell Asthma entstehen, dessen Behandlung sehr hohe Kosten verursacht. Die Therapie von Asthmatikern ist im Durchschnitt betrachtet die zweitteuerste nach jener für Herz-Kreislauf-Patienten. Wir müssen deshalb vor allem jene Menschen erreichen, die dazu neigen, ihre Beschwerden vorerst nicht ernst zu nehmen und beispielsweise einen Heuschnupfen einfach übergehen. Allergien können heute gut therapiert werden, das muss aber viel besser in der Öffentlichkeit verlautbart werden. In diesem Zusammenhang können neue Formen der Aufklärung über die Symptomatik und Therapie von Allergien, wie sie etwa in der aktuellen Allergieausstellung in Wien umgesetzt werden (siehe auch Artikel auf Seite 25 dieser Ausgabe), einen wesentlichen Beitrag leistet.

Welche Rolle spielt die „Allergenvermeidung“ im Rahmen einer Therapie?
Jäger: Auf mein Fachgebiet, die Pollenallergien, bezogen, beobachten wir den Trend, dass die Zeiten der Belastung, die so genannte Pollensaison, für zahlreiche Betroffene immer länger werden. Den Kontakt mit dem Allergen zu vermeiden, ist jedoch auch bei Pollenallergien in einem gewissen Ausmaß möglich – zum Beispiel durch gezielte Urlaubsplanung. Wir bekommen beim Pollenwarndienst deshalb zunehmend mehr Anfragen von Betroffenen, die wissen wollen, in welchen Ländern es für sie in der Zeit der Hauptbelastung in Österreich „sicher“ ist. Oft kann aber auch innerhalb des Landes ins Gebirge oder ins Flachland ausgewichen werden. Für Berufstätige ist dies natürlich oft nicht möglich, und in diesem Zusammenhang kann ich nur auf die beiden weiteren „Säulen“ der Allergiebehandlung, die medikamentöse Therapie und die spezifische Immuntherapie, verweisen. Für erstere sind Mastzellen-Stabilisatoren, Anti-Histaminika und in schwersten Fällen auch Cortison in Form von Nasensprays von Bedeutung. Cortison sollte aber meiner Meinung nach keinesfalls als Depot-Injektion verabreicht werden. Denn diese ist zwar gut wirksam, gleichzeitig entsteht jedoch ein Gewöhnungseffekt und es besteht die Gefahr, dass die Betroffenen in Notfällen dann nicht mehr ausreichend auf Cortison ansprechen. Bei der spezifischen Immuntherapie scheint es sich zu bewähren, dass der Wirkstoff nicht gespritzt wird, sondern dass ihn die Patienten in Form von Tropfen sublingual einnehmen.

 

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Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche

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