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Innere Medizin 28. November 2007

Herzsprung

Auf der nördlichen Halbkugel pfiff uns am 3. Dezember 1967 ein kalter Nordwind um die Ohren, in Kapstadt aber war strahlend eine neue Sonne aufgegangen. Das Herz eines Menschen wechselte in die Brust eines anderen und schlug dort 18 Tage weiter.

 Herz
Prof. Sterz (links) mit Barnard und dessen zweiter Frau Barbara.

Foto: Privat

Eiskalt, dieser Dezembermorgen des Jahres 1967. Unterwegs ins Spital – wohin sonst? – tönt heitere Musik aus dem Autoradio. Dann die Morgennachrichten: „In Kapstadt ist am Groote Shuur Hospital einem Ärzteteam unter Leitung von Christiaan Barnard die erste Herztransplantation am Menschen gelungen. Einem schwerstkranken Patienten wurde das versagende Herz entnommen und durch das Herz einer jungen Frau, die nach einem Autounfall hirntot war, ersetzt.“

Ein undenkbarer Eingriff

Der Blutdruck des Fahrers – eines Kardiologen, der 1958 an der Mayo Clinic in den USA die ersten offenen Herzoperationen mithilfe einer Herzlungenmaschine durch Prof. John W. Kirklin erlebt hatte – steigt an und sein Herz schlägt schneller. Es gibt in Österreich zwar eine ausgezeichnete Herzchirurgie, die angeborene Herzfehler und Klappendefekte zu reparieren vermag, aber eine Herztransplantation erschien bislang noch als Utopie.
Die Kapstädter Operation war in der Nacht vom 2. auf 3. Dezember in Zusammenarbeit von 31 Helfern durchgeführt worden. Der schwer herzkranke Patient überstand den Eingriff, verstarb jedoch nach wenigen Wochen an einer Lungenentzündung. Kurz darauf führte das Team eine zweite Transplantation durch, die der Patient mehr als ein Jahr überlebte.
Wer waren nun die Hauptpersönlichkeiten bei dieser Aktion? Der mutige Chirurg: Christiaan Barnard, geboren als Sohn eines Missionars in Südafrika, er studierte Medizin und war zunächst Landarzt, später Chirurg am Groote Shuur Hospital. Nach etlichen Studienaufenthalten, vor allem bei DeBakey, Shumway und Lillehei in den USA sowie in der UDSSR bei Demichow, wurde er Leiter der Herzchirurgie im südafrikanischen Kapstadt.

Der Charmeur aus dem OP

Barnard war ein lebensfroher Mann mit viel Unternehmungsgeist, der das Leben und die Frauen liebte. Bei einem Besuch in München wurde er von einigen Kollegen am Flugplatz abgeholt und nach Schütteln etlicher Hände stellte er lachend die Frage: „And where are the girls?“ Der Chirurg war viel auf Vortragsreisen und stellte diese Frage wahrscheinlich öfter. So kam er auch nach Klagenfurt und übergab dem Schreiber dieser Zeilen seine Biografie mit handschriftlicher Widmung, einem Zitat von Franz Grillparzer:
„Man sage nicht, das Schwerste sei die Tat. Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung. Das Schwerste dieser Welt ist die Entscheidung.“
In den folgenden Jahren stellte sich bei Barnard eine schwere rheumatische Polyarthritis ein und er musste 1983 das Operieren aufgeben. Durch die antirheumatischen Medikamente erlitt er eine schwere Magenblutung. 2001, im Alter von 78 Jahren, starb er schließlich während eines Aufenthaltes auf Zypern an einem Asthmaanfall.
Der Herzempfänger: Der aus Litauen eingewanderte 57-jährige Louis Washkansky, der nach allen Berichten außerordentlich kooperativ war und austherapiert im Sterben lag.
Und die Herzspenderin? Die junge, erst 25 Jahre alte Denise Ann Darvall, die bei einem Einkaufsbummel durch einen Autounfall zu Tode kam. Ihr Herz schlug aber noch, als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde.
Die vielen Mitarbeiter des Ärzteteams wie der Internist Dr. Shrire und der Pathologe Dr. Botha stehen als pars pro toto.

Die Skeptiker bleiben ungehört

Natürlich gab es nicht nur Bewunderer des großen Chirurgen, sondern auch manch berechtigte Kritik: Prof. William Dempster brachte es in England auf den Punkt: „Die Herzverpflanzung ist sicher ein Meilenstein auf dem Wege der Behandlung von Herzkranken, aber zwischen der rein technischen Durchführung und der routinemäßigen Anwendung besteht noch ein weites Niemandsland, das von Genetikern und Immunologen erforscht werden muss.“ Auch der deutsche Nobelpreisträger Prof. Werner Forßmann, der als Erster lange vor dem Zweiten Weltkrieg sein eigenes Herz kathetert hatte, sprach von einer „Manie, ein verpflanztes Herz wie ein nationales Symbol zu schwenken“. Im Jahr nach dieser ersten Transplantation stellte sich förmlich ein Wettrennen unter den Herzchirurgen ein. Jeder eiferte Barnard nach, um mit unter den Ersten zu sein. Skeptiker sprachen von einer Art „Olympiade“. Und tatsächlich erkannten die Mediziner, die vorschnell zum Ziel wollten, rasch ihre Grenzen: Alle Patienten des ersten Jahres starben binnen kurzer Zeit. Das Hauptproblem: die Abstoßungsreaktion des Fremdgewebes. Trotz Anwendung von Cortison, Azathioprin, Methotrexat, lokaler Röntgenbestrahlung und dem Antilymphozytenserum von Prof. Heinz Pichlmaier aus München sowie weiterer Bemühungen konnte diese Reaktion nicht genügend gebremst werden. Erst die Substanz Ciclosporin, aus einem norwegischen Schlauchpilz gewonnen, konnte Abwehrmechanismen und eine Abstoßung erfolgreicher verhindern.
Aus vielen Gründen ergaben sich zahlreiche Diskussionen unter den Fachleuten. Zum einen die Indikation beim Empfänger betreffend: Welcher Herzkranke kann wirklich nur mehr durch ein neues Herz gerettet werden? Zum anderen die Todeserklärung des Spenders betreffend: Wann ist ein (meist verunfallter) Mensch wirklich unrettbar tot? Außerdem blieb die bereits erläuterte Nachbehandlung zur Vermeidung der Abstoßungsreaktion ein kaum zu überwindendes Hindernis.
Seither gibt es auch in unseren Landen sehr erfolgreiche Herztransplantateure, wie etwa Prof. Ernst Wolner in Wien, Prof. Raimund ­Magreiter in Innsbruck und Prof. Karlheinz Tscheliessnig in Graz.
In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre gab es nicht nur kleine oder größere Universitätsrevolten, sondern auch das erstmalige Betreten des Mondes durch einen Menschen sowie enorme Fortschritte in der Forschung zum Wohle und zur Gesundheit der Menschen. Und dazu gehört sicher auch die chirurgische Großtat von Kapstadt. Der Einsatz aller Beteiligten und die Bemühungen aller Vorkämpfer und Nachfolger sollten heute, 40 Jahre nach Barnards Heldentat, rühmend und dankbar in Erinnerung gerufen werden.

Prof. Dr. Heinz F. W. Sterz war nach zahlreichen Auslandsstudien Mitbegründer der invasiven kardiologischen Diagnostik und der offenen Herzchirurgie in Österreich. Er arbeitete jahrelang als Internist und Kardiologe, auch an weltbekannten Stätten, wie der Mayo-Klinik und der Medical School in London.

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