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Innere Medizin 28. Juni 2007

Erlebter Perspektivismus

Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844–1900) beschrieb den „Perspektivismus“ und meinte, dass die Betrachtungsweise einer Sache vom jeweiligen Standpunkt zu dieser abhänge. Er postulierte, dass es eine objektive Wahrheit nicht geben könne. Albert Einstein (1879–1955) transferierte diese Gedanken aus der philosophischen auf die mathematisch-physikalische Ebene: Die Beziehung von Begebenheiten zueinander, abhängig voneinander – die Theorie der Relativität.

Im realen täglichen Leben unterscheidet man eine Betrachtungsweise „von oben“ von der „von unten“ und spricht von einer Vogel- bzw. einer Froschperspektive. Ein junger, gesunder Arzt beginnt seine Laufbahn im Krankenhaus aus einer Vogelperspektive. Erhobenen Hauptes eilt er von Krankenbett zu Krankenbett oder zur Untersuchungsliege und betrachtet den Patienten „von oben“ – hoffentlich nie „von oben herab!“ – und beobachtet dabei das Verhalten des Kranken. Ob dieser voll Emotionen sein Leiden schildert oder eher gleichgültig lethargisch, ob er agitiert ist oder ruhig und sachlich. Er sieht ein leidendes Gesicht, blass, gerötet oder zyanotisch und beurteilt dabei auch die Atmung. Man kennt dies als Blickdiagnostik, bevor noch eine weitere klinische Untersuchung unter Zuhilfenahme der Ohren, der Nase oder der palpierenden Finger beginnt. Die Betrachtung erfolgt aus der Vogelperspektive.

Der Arzt als Patient – vom Vogel zum Frosch

Eines Tages wird aber auch er, der Arzt, krank – sei es im Rahmen eines akuten Geschehens oder eines chronischen Leidens oder nur des Älterwerdens wegen. Senectus ipse morbus est (das Alter selbst ist eine Krankheit). Nun liegt er selbst auf der Untersuchungsliege oder im Krankenbett und beobachtet sich und seine Umgebung „von unten“, also aus der Froschperspektive. Diese Tatsache bringt ihn zunächst in Verlegenheit, er kann sich nicht so rasch damit abfinden, jetzt auf andere angewiesen zu sein. Zunächst versucht er selbst zu diagnostizieren und zu behandeln, aber bald erkennt er, dass er Hilfe braucht. Nun beugen sich Krankenschwestern oder Kollegen über ihn und er blickt zu ihnen auf, voller Hoffnung auf rasche Erleichterung. So wartet er auf eine freundliche Befragung nach seinem Leiden, auf liebenswürdige Reaktionen und verständnisvolles Eingehen auf seine Beschwerden. Dabei spielt jedes Lächeln im Gesicht des Behandlers, jede optimistische Bemerkung eine wohltuende Rolle – nun befindet man sich in der Lage des Frosches. Jedes positive Wort des Therapeuten ist ein Rettungsanker in einer völlig neuen Situation. Man beobachtet ein Stirnrunzeln des Arztes oder ein Zucken seiner Schultern als Ausdruck seiner Besorgnis oder auch Hilflosigkeit in diesem seinen eigenen Fall.

Große Dankbarkeit

Wenn schließlich alles vorüber ist und Besserung und letztlich Heilung eingetreten ist, überkommt einen nicht nur das Gefühl gro­ßer Dankbarkeit, sondern auch die Überlegung, ob man wohl selbst immer freundlich und mitfühlend genug mit seinen Patienten war. Vielleicht hilft das eigene Erleben zum Überdenken des eigenen Verhaltens. Man nimmt sich vor, in Zukunft noch freundlicher und hilfsbereiter zu agieren. Aber gute Vorsätze neigen leider dazu, sehr flüchtig zu sein und werden rasch vergessen. Eigene Leiden sollten zu Denkanstößen Anlass geben und Goethes Fröschlein im Teich als schlechtes Beispiel dienen:

Ein großer Teich war zugefroren;
Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
Durften nicht ferner quaken noch springen,
Versprachen sich aber,
im halben Traum:
Fänden sie nur da oben Raum,
Wie Nachtigallen wollten sie singen.
Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
Nun ruderten sie und landeten stolz
Und saßen am Ufer weit und breit
Und quakten wie vor alter Zeit.

Gewidmet allen Helfern im AKH Wien, nach besonders liebevoller und erfolgreicher Betreuung.

Prof. Dr. Heinz F. W. Sterz war Mitbegründer der invasiven kardiologischen Diagnostik und der offenen Herzchirurgie in Österreich.

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