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Innere Medizin 27. Juni 2007

„Humbug ist das nicht“

Heiße Diskussionen um eine Zelltherapie gegen Krebs, von der in einem Zeitschriftenartikel der Eindruck erweckt wurde, es handle sich um ein Wundermittel. Abgesehen davon, dass den beiden involvierten Medizinern vorgeworfen wird, sie hätten sich unethisch verhalten, heißt es auch, es handle sich bei dieser Art von Behandlung um Humbug. Warum das unrichtig ist, erläutert der Wiener Immundermatologe Prof. Dr. Georg Stingl im Gespräch mit der Ärzte Woche.

Zelltherapie, Immuntherapie, Krebsvakzine … Das sind nur einige der Bezeichnungen der immunologischen Behandlungsansätze gegen Krebs, die von Wissenschaftlern auf der ganzen Welt erforscht werden. Da kann schon Begriffsverwirrung aufkommen. „Krebsvakzine – Cancer vaccines – ist der Oberbegriff“, erläutert Prof. Dr. Georg Stingl, Leiter der Klinischen Abteilung für Immundermatologie und infektiöse Hautkrankheiten an der MedUni Wien. Dabei werden dem Organismus Immunzellen – meist dendritische Zellen – entnommen und so manipuliert, dass sie eine verstärkte Abwehrreaktion des Körpers gegen Tumorzellen auslösen. Eine andere Vorgangsweise besteht darin, Extrakte aus dem Tumor zu gewinnen und wieder zu injizieren. In beiden Fällen ist das Ziel, Immunzellen auf Krebsantigene, die normalerweise vom Körper nicht als fremd anerkannt werden, scharf zu machen.

Mäuse lügen

Erst im April dieses Jahres war Stingl Organisator eines Symposiums zu diesem Thema. Der provokante Titel lautete damals „Can we only cure mice?“. Und diese Frage ist gar nicht so weit hergeholt. „Mäuse können wir tatsächlich bereits tumorfrei bekommen“, berichtet Stingl. Bei Menschen gilt das bisher allerdings nur für Einzelfälle. Im Wiener AKH wird an Stingls Abteilung seit zehn Jahren „anekdotisch geimpft, das heißt in Form von Heilversuchen. Dabei sagen wir den Patienten ganz klar, dass eine Tumorrückbildung nur in Ausnahmefällen erfolgen kann.“ Ein solches Phänomen haben laut Stingl alle Zelltherapeuten bei Krebspatienten bereits gesehen. Man wisse allerdings nicht, ob es sich dabei um das bisher unerklärte Auftreten einer Spontanheilung handle oder ob tatsächlich die Krebsvakzine angeschlagen habe. Warum bei Menschen der bei Mäusen erzielbare Erfolg immer noch ausbleibe, habe mehrere Gründe. „Mice tell lies“, sagen die Forscher. In diesem Fall: Die Reaktionen des Immunsystems von Mäusen sind nicht ident mit jenen von Menschen. Ein anderer Grund: Bei Mäusen wird die Therapie schon in einem frühen Krebsstadium angewandt, bei Menschen, wie Stingl erläutert, erst im Stadium 4, was hauptsächlich mit ethischen Beweggründen erklärbar ist. Und das Immunsystem dazu zu bewegen, nicht nur gegen den Tumor, sondern auch gegen Tochtergeschwülste anzukämpfen, ist viel verlangt, wie Prof. Thomas Waldmann vom US-amerikanischen National Cancer Institute beim Symposium im April einräumte. Größere Studien scheitern laut Stingl hauptsächlich daran, dass dafür entsprechende GMP(good manufacturing practice)-Bedingungen einzuhalten seien. Diesen Richtlinien zur Qualitätssicherung der Produktionsabläufe und -einrichtungen zu entsprechen sei ein „unglaubliches Unterfangen“, so Stingl. Es erkläre auch den hohen Preis der Therapien. Eins steht jedoch fest: Ob Immun- oder Zelltherapie oder Cancer vaccine: Diese Art von Behandlung „ist nicht so leicht standardisierbar und der Prototyp einer personalisierten Medizin“ (Stingl).

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 26/2007

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