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Innere Medizin 27. Juni 2007

Klimawandel bringt Leishmaniose nach Mitteleuropa

Dass die Temperaturen durch Treibhausgase steigen, wird kaum noch geleugnet. Doch welche Auswirkungen wird das auf die Gesundheit der Menschen in Mitteleuropa haben? Dank der modernen Medizin, vermutlich keine großen – zumindest solange Ärzte und Gesundheitsbehörden wachsam sind.

Als die Ärzte Woche im Jahr 1987 gegründet wurde, war der Klimawandel in den Augen vieler Wissenschaftler eine Mär einiger verschrobener Kollegen. Heute setzt sich die Einsicht durch, dass die steigenden Temperaturen und deren Ursachen mit hoher Sicherheit menschgemacht sind. „Das letzte Jahrzehnt, 1990 bis 1999, war das wärmste des 20. Jahrhunderts. Auch in den ersten sechs Jahren des 21. Jahrhunderts war es erheblich wärmer als im langjährigen Mittel. Das wärmste Jahr seit Beginn unserer flächenmäßigen Temperaturaufzeichnungen, seit 1901, war das Jahr 2000 mit einem Gebietsmittelwert von 9,9 Grad Celsius, gefolgt von den Jahren 1994, 1934, 2002 und 2006“, erklärt der Leiter des Bereichs Klimaanalyse des Deutschen Wetterdienstes, Gerhard Müller-Westermeier.

Saurer Regen bremste Erwärmung

Ein anderes Umweltproblem verschleierte den Klimawandel über Jahrzehnte: der saure Regen. Schwefeldioxid und Stick­oxid schädigten ganze Wälder und sorgten nebenbei für Abkühlung. Schadstofffilter wurden eingebaut, Treibstoffe entschwefelt und Kraftfahrzeuge mit Katalysatoren ausgerüstet. Die Maßnahmen wirkten rasch, der saure Regen ist heute Geschichte.

Hochwasser und Stürme

Mit den Treibhausgasen, allen voran CO2, wird es nicht so einfach werden. Selbst wenn sofort die notwendigen Maßnahmen beschlossen werden, dauert es Jahrzehnte, bis die überschüssigen Treibhausgase aus der Atmosphäre eliminiert sind. Daher erwarten Wissenschafter in den nächsten Jahrzehnten eine Zunahme so genannter „Starkniederschlagsereignisse“ (mehr als 20 mm Niederschlag am Tag). Die Hochwasser der Oder und March 1997, das „Pfingsthochwasser“ in Bayern, Tirol und Vorarlberg 1999, die Überschwemmungen an Donau und Elbe 2002, jene in Bayern zum Jahreswechsel 2002/2003 und zuletzt das Hochwasser 2005, das vor allem die Schweiz, Vorarlberg und Tirol betraf, werden als erste konkrete Auswirkungen des Klimawandels in Mitteleuropa angesehen.

Gute Nachricht für Birkenallergiker

Die Klimaänderungen wirken sich nicht nur auf die Gewässer, sondern ebenfalls auf Fauna und Flora aus. Pollenallergiker, die auf Frühblüher wie Hasel oder Birke reagieren, werden wegen des Klimawandels früher als bisher leiden, aber nicht stärker. Spätfrös­te könnten die Ausschüttung der Pollen unterbrechen. Statt ein bis zwei recht runden Kurven im April zeigen die Graphen zur Pollenbelastung nun ein Bild mit mehreren Zacken im März. „Das ist für die Allergiker unter Umständen sogar ein Vorteil“, erklärt Ass.-Prof. Dr. Siegfried Jäger von der HNO-Klinik der Universität Wien und Leiter des Pollenwarndienstes, „da sie sich zwischendurch von der Belastung erholen können.“

Problematischer Ragweed

Die Gräserpollensaison hat sich unwesentlich verlängert. Das wirkliche Problem für die Pollenallergiker ist aus Amerika eingeschlepptes Ragweed (Traubenkraut/Ambrosia). Dieser Spätblüher kann sich dank der wärmeren Temperaturen immer weiter ausbreiten: War früher die Pollensaison mit den letzten Beifußblüten im August zu Ende, leiden Ragweed-Allergiker jetzt bis in den späten September. Aufgrund der Kreuzreaktionen zwischen Beifuß und Ragweed also eine deutlich verlängerte Belastungsdauer. Als Gegenmaßnahmen laufen in Niederösterreich Versuche mit der Bepflanzung von Straßenrändern (dem Lieblingsstandort des Ragweed) mit Konkurrenzpflanzen und mit dem Abmähen Anfang Oktober, wenn die Blüte vorbei ist, die Samen aber noch nicht ausgebildet. „Früheres Mähen führt nur zu neuem Austrieb“, erklärt Jäger den Grund der Maßnahme.

Die Mär von den Hitzetoten

Eine andere Befürchtung ist die vermehrte Zahl an so genannten Hitzetoten. Laut einer Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und des WWF wären in Deutschland im Jahr 2100 tausende Tote durch Kreislaufversagen und Hautkrebs zu erwarten. Werden heute jedes Jahr etwa 24.500 Patienten mit hitzebedingten Beschwerden ins Krankenhaus gebracht, so könnten es nach der Studie künftig etwa 150.000 sein. Vernünftige, den Temperaturen entsprechende Verhaltensänderungen, bauliche Modifikationen und Maßnahmen gegen die Treibhausgase werden diese Entwicklung voraussichtlich bremsen.

Insekten und Arthropoden

Schwerwiegendende Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Menschen werden Änderungen in den Insektenpopulationen haben. Insekten und Arthropoden (wie Zecken), also wechselwarme Organismen, sterben in kalten Wintern, was ihr Verbreitungsgebiet einschränkt. Steigende Temperaturen führen zu größeren Verbreitungsgebieten in Europa. Zusätzlich vermehren sich die Krankheitserreger in den Arthropoden besser. Das bedeutet, die Zyklen werden schneller und die Infektionen häufiger, erklärt Prof. Dr. Horst Aspöck, emeritierter Leiter der Abteilung für medizinische Parasitologie, Klinisches Institut für Hygiene und medizinische Mikrobiologie an der Medizinischen Universität Wien.

Malaria ist keine Gefahr ...

Jene Pressemeldungen, die neuerliche Ausbrüche von Malaria in Europa ankündigen, sind übertrieben. Denn die Krankheit ist gut behandelbar und der Mensch der einzige Zwischenwirt für Plasmodien, von denen die wichtigsten sind: Plasmodium falciparum, P. vivax und P. malariae. In Europa waren in erster Linie P. malariae und vivax heimisch, nach dem Zweiten Weltkrieg trat nur noch P. vivax auf. Aspöck: „Etwa 70 Anophelesarten können als Überträger fungieren. Nur einige davon sind wirklich ‚gute’ Überträger. Aber auch heimische Arten übertragen die Malaria ganz passabel.“ Anopheles-Mücken müssen einen infizierten Menschen stechen, um die Plasmodien übertragen zu können. Und es gibt kein tierisches Reservoir. Da Malaria ein sehr klares, leicht zu erkennendes Krankheitsbild hat, werden epidemiologische Herde in Europa schnell ausgelöscht.

... Leishmaniose schon

Die Leishmaniose wird, so Aspöck, die erste Parasitose sein, die wirklich aus Südeuropa nach Mitteleuropa vordringt. Bis Ende der 1990er Jahre bestand die Überzeugung, dass sich die Leishmaniose nördlich der Alpen nicht halten kann, da die Überträger, die Sandmücken (Phlebotominae), dort nicht vorkommen. Aber bereits 1999 wurden die Insekten erstmals in Deutschland gesichtet und seither sind schon einige autochthone Leishmaniose-Fälle im Westen Deutschlands bekannt geworden. Aspöcks Prognose: „Diese Krankheit wird im Zuge des Klimawandels mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter nach Mitteleuropa vordringen. Die Symptomatik ist sehr unspezifisch, die Krankheit daher nicht leicht zu diagnostizieren.“ Zudem sind Leishmanien opportunistische Erreger, immungeschwächte oder -supprimierte Patienten sind daher besonders gefährdet. Allerdings gehört das Rheintal zu einer vom Atlantik beeinflussten Klimazone. Derzeit ist noch unklar, ob die strengeren pannonischen Winter zumindest für die nächsten Jahre Österreich vor der Gefahr der Sandmücke und damit der Leishmaniose schützen. In alpine Regionen werden Sandmücken zumindest nicht so bald vordringen. Die Mücken selbst sind übrigens unscheinbar und nur mit speziellen Methoden zu entdecken. Daher ist auch die Feststellung ihrer Verbreitung nicht leicht.

Zeckengefahr unvermindert

Zecken sind in Mitteleuropa als Krankheitsüberträger von großer Bedeutung. Durch sie werden nicht nur FSME, sondern auch die Lyme-Borreliose, die Erlichiose (Rickettsien), die Babesiose und weitere seltene Krankheiten übertragen. Welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Zeckenpopulationen haben wird, ist schwer voraussagbar. Denn Zecken mögen zwar hohe Temperaturen, sie brauchen aber auch ein gewisses Maß an Feuchtigkeit. Je heißer und vor allem trockener die Luft ist, desto inaktiver werden sie. Das Verbreitungsgebiet von „Babesien und Ehrlichien“ weitet sich nach Norden aus, allerdings sind die epidemiologischen Daten zu diesen Erregern noch „weich“.

Westnil-Fieber

Das aus den Medien bekannte Westnil-Fieber wird vorwiegend von Vogel zu Vogel übertragen. In den USA machte 1999 ein Ausbruch Schlagzeilen. Die Krankheit wurde – mutmaßlich über einen illegalen Tiertransport – in New York eingeschleppt und breitete sich durch Vögel rasant über ganz Nordamerika aus. Die Übertragung erfolgt durch Culex pipiens, eine Stechmücke, die sowohl Vögel als auch Menschen sticht. Aspöck: „Zum Glück wurde nach Mitteleuropa bislang kein Stamm eingeschleppt, der bei Menschen eine große Zahl an Erkrankungen hervorrief.“

Dengue ist nicht neu

Das Dengue-Virus ist wärmeadaptiert und vermehrt sich in den Überträgermücken am besten bei 30 bis 32 Grad Celsius. Diese Temperaturen werden derzeit hierzulande an seltenen Tagen im Jahr erreicht. Trotzdem sei eine gewisse Gefahr vorhanden, warnt Aspöck: „1928 erkrankten in Griechenland während einer Epidemie 30.000 Menschen an Dengue-Fieber.“ Bis heute ist kein Vakzin auf dem Markt, wenn auch vielversprechende Bemühungen im Laufen sind. Aspöcks Resümee: „Vor 20 Jahren haben wir die Meinung vertreten, der Klimawandel ist eine Erfindung mediengeiler Wissenschafter. Wir müssten eigentlich zurücktreten, denn die klimatische Veränderung lässt sich heute nicht mehr leugnen. Sie ist von Menschen gemacht und wird auf absehbare Zeit weitergehen. Der Mensch kann aber eingreifen, das hat er nicht zuletzt beim sauren Regen bewiesen. Allerdings selbst wenn wir sofort Maßnahmen setzen, werden die Auswirkungen noch über längere Zeit zu spüren sein. Ich halte nichts von Panikmache, aber wir müssen wachsam sein.“

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 26/2007

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