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Innere Medizin 15. Mai 2007

Wiederkehrendes Schreckgespenst

Die Panik, die vor rund einem Jahr ausbrach, ist allen wohl noch in guter Erinnerung: H5N1 hieß und heißt das Schreckgespenst, dass über Monate hindurch Schlagzeilen machte. Eine neue Grippepandemie schien die Welt zu erfassen, und die Gesundheitsbehörden warnten immer wieder vor Millionen möglicher Toter.

Freilich blieb die Katastrophe aus. 43 Menschen starben laut WHO 2005 an der „Seuche“ und 115 im Jahr 2006. Die Weltgesundheitsbehörde WHO gibt die Gesamtzahl der Toten weltweit von 2003 bis heute mit 172 an. Zum Vergleich: Allein in Österreich starben im Jahr 2006 730 Menschen bei Verkehrsunfällen (obwohl die Zahlen seit Jahren rückläufig sind).

Mortalität über 50 Prozent

Dennoch: Wenn ein Mensch einmal durch ein H5N1-Virus infiziert wurde, hat er ein ernstes Problem. Den 172 Toten stehen nämlich nur 291 Infizierte gegenüber. Die Mortalität liegt damit über 50 Prozent. Und auch wenn der eine oder andere Infizierte vielleicht auch aus politischen Gründen falsch diagnostiziert wurde (China gab 2006 nur 13 H5N1-Tote an), ist dieses Virus gefährlich. Derzeit ist Stufe drei auf der sechsteiligen Skala des WHO-Pandemie-Alarmplans erreicht (siehe Kasten). In einigen wenigen Fällen wird eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung vermutet, doch bislang konnte kein einziger gesicherter Fall nachgewiesen werden. Vor allem wir Europäer sind aber noch relativ sicher, denn unsere Bauern leben und schlafen nicht mit den Hühnern in einem Raum. Doch die Sorge der Fachleute weltweit liegt nicht so sehr im derzeitigen H5N1-Stamm, sondern in der Befürchtung, der aviäre Virus könnte (möglicherweise im Schwein) mit einem menschlichen Grippevirus ein Hybrid bilden, der die Mortalität des Vogelgrippevirus mit hoher Infektiosität verbindet. Wahrscheinlichster Ort dafür ist Südostasien, wo Mensch, Huhn und Schwein auf sehr engem Raum zusammenleben. Doch ob und wann ein solcher neuer Stamm entsteht, kann niemand voraussagen. Schließlich bringt glücklicherweise nicht jeder Hybrid gerade die – aus Menschensicht gesehen – übelsten Eigenschaften seiner „Eltern“ mit. Dennoch ist die Welt laut WHO „näher an einer neuerlichen Influenza-Pandemie als je zuvor“. Zumindest seit 1968, als die letzte der drei Pandemien des vorigen Jahrhunderts stattfand. Die Pharmafirma Roche, Herstellerin des Neuraminidasehemmers Olsetamivir, weithin bekannt als Tamiflu®, lud also nicht zufällig zu einem von Prof. Dr. Michael Kunze veranstalteten Symposium für Betriebsärzte zum Thema Pandemievorsorge. Dort malte DDr. Martin Haditsch, Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin, Krankenhaus der Elisabethinen, Linz, wahrlich grauenvolle Szenen aus.

Schreckensszenarien

25 Prozent der Bevölkerung könnten nach konservativen Schätzungen infiziert und ans Bett gefesselt werden. Die pflegenden Angehörigen eingerechnet, würden bis zu 50 Prozent der Arbeitskräfte ausfallen, glaubt Haditsch. Durch die hohe Kontagiösität und kurze Inkubationszeit wäre die Vorlaufzeit nur kurz. Schließlich könnte das Virus dank moderner Mobilität innerhalb von 48 Stunden von jedem Punkt der Erde zu jedem anderen gelangen. Jede Erkrankungswelle würde vier bis acht Wochen dauern und mehrere, aber mindestens zwei, sind wahrscheinlich. Eine Grippepandemie, die die Welt unvorbereitet trifft, wäre ein „infektiologischer Super-GAU“, erklärte Haditsch. Man male sich acht Wochen ohne Müllabfuhr, öffentlichen Verkehr, Tankstellen, Schulen, Lebensmittelproduktion sowie -verteilung und Geld aus. Selbst Strom, Heizung, Wasser und Kommunikationssysteme könnten zusammenbrechen, so Haditsch, und er erinnerte an die Bilder von New Orleans nach dem Hurrikan Katrina.
Warum das Virus das Telefon lahmlegen sollte bzw. ob eine Aufrechterhaltung der notwendigsten Infrastrukturen auch mit der Hälfte der normalerweise Beschäftigten (bei unbeschädigter Hardware) wirklich nicht möglich ist, müssen Fachkräfte beurteilen. Sicher ist, dass die Wirtschaft beim Ausfall auch nur eines Viertels der Beschäftigten empfindlich leidet.
Kosten-Nutzen-Rechnung Prof. Dr. Hubert Hrabcik, Generaldirektor für öffentliche Gesundheit im Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend, rechnet mit einer Schadenssumme von 1,5 Milliarden Euro, falls die Grippe Österreich ohne Prophylaxe trifft. Im Vergleich dazu nehmen sich die Aufwendungen des Bundes für den Schutz vor der Pandemie, also Einlagerung von Masken und antiviralen Medikamenten, mit 150 bis 200 Millionen Euro wahrlich bescheiden aus. Masken und Neuraminidasehemmer sind jeweils für mindestens fünf Jahre haltbar. Für Olsetamivir ist sogar eine doppelt so lange Haltbarkeit in Diskussion. Für jeden Einzelnen ist dieser Schutz also recht billig zu haben, egal, ob er nun wirklich benötigt wird oder nicht. Der passende Impfstoff muss allerdings erst erzeugt werden, und zwar dann, wenn der aktuelle Virenstamm verfügbar ist. Zudem besteht noch das logistische Problem, dass im Falle einer Pandemie eine sehr große Zahl an Menschen innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums geimpft werden muss. Haditsch erklärte, dass es Hinweise auf eine gewisse Kreuzimmunität bei Influenzaimpfung bzw. durch das Durchlaufen einer „normalen“ Influenza gäbe. Er bezog sich hierbei auf Beobachtungen der „Spanischen Grippe“ von 1918, die vor allem in den USA gut untersucht wurde. Dabei starben vorwiegend junge Leute, und zwar deutlich mehr Männer als Frauen. Dass vor allem die Jungen betroffen waren, könnte daran liegen, so Haditsch, dass die Älteren eventuell durch eine bislang nicht identifizierte Grippewelle im späten 19. Jahrhundert geschützt waren.

Viele Mutmaßungen

Allerdings ist das nicht die einzige Hypothese. Zunächst gab es auch in den Jahren davor Grippewellen, die die „übliche“ Altersverteilung bei der Mortalität aufwiesen, also vorwiegend Kinder und alte Menschen töteten. Des Weiteren ist es nicht unwahrscheinlich, dass die „Spanische Grippe“ in den USA von Soldaten aus Europa eingeschleppt wurde. Das würde die höhere Zahl an männlichen Opfern ebenso erklären wie die Vermutung, dass die Grippe mit der damals noch weit verbreiteten Tuberkulose interagierte, die wiederum bei Männern häufiger auftrat.

Zu recht die „Spanische Grippe“

Kunze möchte auch das Argument widerlegen, dass 1918 die Menschen starben, weil sie – mitten im Krieg – sowieso geschwächt waren, und verweist auf die etwa 500.000 bis 750.000 Grippetoten in den USA. Allerdings stehen denen rund 400.000 Tote in Frankreich und 250.000 in Großbritannien gegenüber – beides Länder mit deutlich geringerer Bevölkerung. In Spanien soll es sogar acht Millionen Tote gegeben haben. Die USA sind demnach vergleichsweise glimpflich davongekommen. Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis, dass die Influenza eine schwere Erkrankung ist, gegen die heute doch einiges unternommen werden kann: von Masken über Neuraminidasehemmer sowie (weniger empfohlene) M2-Hemmer bis zur Impfung. Und dass die Vorsorge insgesamt finanziell leistbar ist, damit sie im schlimmsten Fall jedem Einzelnen, jedem Betrieb und nicht zuletzt dem Staat helfen kann. Ob allerdings mit Panikmache und 100 Jahre alten Daten gearbeitet werden muss, um die Menschen zur Vorsorge zu bewegen, ist fraglich.

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Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 20/2007

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