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Innere Medizin 14. November 2007

„Es gilt weiterhin: Passivrauchen tötet“

Das Bewusstsein für COPD ist trotz mannigfaltiger Aufklärungskampagnen gering. Diagnosen werden häufig erst dann gestellt, wenn die Luft längst ausgegangen ist. Frühe und damit besser therapierbare Stadien bleiben unentdeckt. Dabei ist die Diagnostik der weltweit vierthäufigs­ten Todesursache einfach: Mit Hilfe der Spirometrie kann der Lungenfacharzt erste Zeichen der COPD erkennen. Ein ähnlich unterschätztes Gesundheitsrisiko stellt das Passivrauchen dar: Aktuelle Daten aus China belegen erneut den Zusammenhang zwischen COPD und passiver Tabakexposition.

 Drache
Auch eine chinesische Studie belegte den deutlichen Zusammenhang zwischen Passivrauchen und respiratorischen Symptomen.

Foto: Manfred Schütze / pixelio.de

Prof. Dr. Otto C. Burghuber, Vorstand der 1. Internen Lungenabteilung, Otto Wagner Spital Wien, ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (siehe auch Interview Seite 34). Als Vorreiter für den Nichtraucherschutz hat er zuletzt in den Medien deutlich zum geplanten Tabakgesetz Stellung bezogen. Im Gespräch mit der Ärzte Woche analysiert er die Bedeutung einer breiten Vorsorge im Zusammenhang mit der explosionsartig wachsenden COPD-Inzidenz.

Die COPD gilt schon heute als vierthäufigste unabhängige Todesursache weltweit. Ist ihr gegenwärtiger Vormarsch noch zu stoppen?
Burghuber: Aktuelle Daten bestätigen die Erwartungen einer COPD-Pandemie. Von einer Trendumkehr kann derzeit keine Rede sein, im Gegenteil. Laut Befürchtungen der WHO wird die Erkrankung im Jahr 2020 bereits den dritten Platz der weltweiten Todesursachen erreicht haben. Während viele andere Ursachen mit zunehmender Wirksamkeit behandelt oder, besser noch, vermieden werden, ufert die COPD in vielen Ländern ungehindert aus. Das liegt nicht zuletzt an der geringen Wahrnehmung der Erkrankung und den damit verbunde­nen späten Diagnosen. Die 2007 von Buist et al. veröffentlichte BOLD-Studie belegte anhand von 9.425 populationsbasiert ausgewählten Probanden aus zwölf Ländern eine Gesamtprävalenz der COPD ab einem Stadium II nach Gold von 10,1 Prozent. Für Männer wurde eine Prävalenz von 11,8 Prozent, für Frauen von 8,5 Prozent erfasst.

Sind diese Zahlen mit der Situation in Österreich vergleichbar?
Burghuber: Schirnhofer et al. publizierten 2007 die heimischen Daten zur BOLD-Studie. Die Gesamtprävalenz für COPD II lag in Österreich mit 10,7 Prozent sogar etwas über dem internationalen Durchschnitt. Die Arbeitsgruppe konnte darüber hinaus zeigen, dass frühere Stadien weitaus häufiger sind: Bezieht man das Stadium I in die Statistik ein, ergibt sich in Österreich eine Gesamtprävalenz der COPD von 26,1 Prozent. Mit anderen Worten: ein Viertel der Bevölkerung ist betroffen! Demgegenüber stellte Schirnhofer fest, dass lediglich bei 5,6 Prozent der 1.258 österreichischen Probanden die COPD bereits bekannt war. Wir müssen heute also von einer sehr hohen Dunkelziffer unerkannter COPD-Patienten ausgehen.

Wie können Patienten früher zu einer Diagnose geführt werden?
Burghuber: Die Frühdiagnostik der COPD ist relativ einfach. Raucher über 40 Jahren sollten, besonders wenn sie über Husten, gehäufte respiratorische Infekte oder beginnende Dyspnoe klagen, dem Facharzt für Lungenheilkunde vorgestellt werden. Mithilfe der Spirometrie kann eine Obstruktion noch vor dem Auftreten anderer Symptome erkannt werden. Wer so frühzeitig herausgefiltert wird, kann einer weiteren Observanz, der Raucherentwöhnung oder einer Therapie zugeführt werden. Je später die Diagnose der COPD erfolgt, desto geringer sind die Erfolge einer Behandlung. Die Lebenserwartung eines Patienten mit COPD IV ist etwa mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung vergleichbar.

Rauchen gilt als die weitaus wichtigste Ursache der COPD, und die öffentliche Diskussion um ein neues Tabakgesetz ist mit noch nie da gewesener Heftigkeit entbrannt. Welche Argumente können heute wissenschaftlich belegt werden?
Burghuber: Die Debatte um das Tabakgesetz wird oft polemisch geführt. Nach wie vor stehen neben gesundheitlichen Interessen viele andere stärker im Vordergrund der politischen Entscheidungsfindung. Die medizinischen Argumente sind aber über halb- und unwissenschaftliche Zweifel erhaben: Rauchen ist in den Industriestaaten in zahllosen Studien als Hauptursache der COPD belegt. Alle weiteren Faktoren wie berufliche oder private Exposition gegenüber anderen inhalativen Schadstoffen sind zwar aufrecht, spielen aber volksgesundheitlich in unseren Breiten keine Rolle. Es darf angenommen werden, dass mehr als 90 Prozent aller COPD-Fälle in Österreich auf Tabakkonsum zurückgehen. Auch der Umkehrschluss gilt, wie eine Studie belegt: Doll et al. konnten 2004 an über 34.000 britischen Probanden belegen, dass eine Raucherentwöhnung die Lebenserwartung signifikant verlängert.

Der Nichtraucherschutz ist wahrscheinlich das stärkste Argument im Kampf um Rauchverbote. Gibt es Daten zum Passivrauchen?
Burghuber: Brandaktuelle Zahlen aus China wurden im September 2007 im renommierten Journal The Lancet veröffentlicht. Die Autoren untersuchten 20.430 über 50-Jährige (davon mehr als 15.000 Nichtraucher) in Hinblick auf COPD und respiratorische Symp­tome. Dabei wurde die passive Rauchbelastung, sowohl privat als auch am Arbeitsplatz, erhoben. Es konnte dargelegt werden, dass Menschen, die über mehr als fünf Jahre mehr als 40 Stunden pro Woche Tabakrauch passiv ausgesetzt waren, signifikant öfter die Kriterien einer COPD erfüllten. Ebenso signifikant war die Assoziation zwischen Passivrauchen und respiratorischen Symptomen, wie Husten oder Dyspnoe. Diese Arbeit unterstreicht einmal mehr, dass auch Passivrauchen krank und invalide macht sowie tötet.

An welchen Schwerpunkten können die Gesundheitssysteme ansetzen? Welche Maßnahmen fordert die ÖGP?
Burghuber: Die ÖGP steht für ein klares und striktes Rauchverbot in öffentlichen Räumen, einschließlich aller Gastronomiebetriebe. Ausnahmeregeln müssen vermieden werden, sonst könnte der vom Gaststättengewerbe befürchtete Lenkungseffekt eintreten. Wenn in allen Lokalen Rauchverbot gilt, hat kein Betrieb das Nachsehen. Internationale Erfahrungen zeigen, dass vergleichbare Maßnahmen sehr gut funktionieren und von allen Beteiligten, also Gästen und Wirten angenommen werden. Natürlich muss das Gesetz auch überwacht werden und Sanktionen für Verstöße beinhalten. Das Ende der Toleranz ist erreicht.

Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 35/2004

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