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Innere Medizin 22. Mai 2007

Kommt der Facharzt für Allergologie?

Viele etablierte Fachrichtungen beschäftigen sich mit allergischen Erkrankungen und nicht selten entscheidet sich an der Türklinke, aus welchem Blickwinkel an die Symptomatik herangegangen wird. Immer lauter wird der Ruf nach einheitlich ausgebildeten Spezialisten, aber auch nach mehr allergologischer Kompetenz bei den Allgemeinmedizinern.

Der aus Österreich stammende ­Allergologe Prof. Dr. Werner Pichler, Inselspital Bern, koordiniert gemeinsam mit den Fachgesellschaften die mögliche Einführung einer neuen Facharztausbildung. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Experten über die optimale Versorgung der Patienten und ein mögliches Curriculum für die Ausbildung.

Nachdem ein eigenständiger Facharzt für Allergologie von vielen Seiten abgelehnt wurde, erscheint die Einführung eines Additiv-Faches eine gangbare Lösung. Frühere Vorschläge sahen dieses Additiv-Fach lediglich für die Pädiatrie vor. Haben sich die Fronten bewegt?
Pichler: Im Vordergrund steht die optimale Versorgung von Patienten mit allergischen Erkrankungen. Die dazugehörigen Entscheidungen nur den bestehenden ärztlichen Fachrichtungen zu überlassen, ist problematisch, da nicht selten Eigeninteressen das Bild prägen. An Vorbildern fehlt es nicht: In den USA, aber auch Italien, Polen, Spanien, Griechenland, der Tschechischen Republik, der Schweiz oder den Niederlanden gibt es eigenständige Fachärzte für Allergologie. In diesen Ländern gehören neben einer fundierten allergologischen Ausbildung auch Schwerpunkte der ­Pädiatrie, HNO, Inneren Medizin und Dermatologie zum Curriculum, welches mit einer zumeist rigorosen Facharztprüfung abgeschlossen wird. Dieser Ansatz wird der Tatsache, dass Allergien System­erkrankungen sind, am besten gerecht. Der Kompromiss, ein Zusatzfach Allergologie für etablierte Fachrichtungen, erscheint ebenfalls als gangbarer Weg. Befürchtungen, dass anderen Fächern damit das Wasser abgegraben wird, halte ich für nicht gerechtfertigt. Die Tatsache, dass es Kardiologen gibt, hat der Allgemeinen Inneren Medizin nicht geschadet. Vor diesem Hintergrund ist auch die Zukunft der Allergologie in Europa zu sehen. In Österreich liegt großes Potenzial brach: Während es in der allergologischen Grundlagenforschung weltweit führende Wissenschaftler gibt, hat sich die Allergologie nicht zu einem eigenständigen klinischen Fach entwickelt – eigentlich schade.

Wann dürfen Entscheidungen erwartet werden? Werden sie national oder europaweit gelten?
Pichler: Die Realität ist, dass Entscheidungen über ärztliche Ausbildung und Fachrichtungen nur national getroffen werden. Dadurch zeichnen sich große Unterschiede in Europa ab, die sich letztlich auch in der Versorgungsqualität widerspiegeln: Bereits heute gibt es Länder mit hervorragender allergologischer Versorgung. Ihnen stehen – auch große – Staaten mit zum Teil höchst mangelhafter Betreuung von Allergikern gegenüber. Eine schlechte Betreuung führt auch zur Verteuerung der Medizin. Diese Diskrepanzen werden sicherlich Druck auf die Entscheidungsträger der Gesundheitssysteme ausüben. Staaten mit weniger stark staatlich geregelten Strukturen werden wahrscheinlich rascher reagieren.

Wer sind die Zielgruppen?
Pichler: Es gibt zu viele Patienten mit Allergien, als dass sie nur vom Spezialisten betreut werden sollten: Deshalb sollte die allergologische Ausbildung drei Stufen haben und Patienten sollten je nach Schweregrad und Therapiemaßnahmen unterschiedlich versorgt werden: 1. Stufe: Allgemeinpraktiker und Pädiater, 2. Stufe: Spezialarzt für Pneumologie, Dermatologie, HNO, oft mit Spezialausbildung Allergologie im Fachgebiet, und 3. der Facharzt für Allergologie, meist mit Innerer Medizin oder Pädiatrie als Hintergrund, manchmal auch ein breit, internistisch geschulter Dermatologe.
Zur ersten Stufe: Die Abklärung und Betreuung vieler Allergien liegt beim Allgemeinmediziner. Jeder Allgemeinmediziner muss ein gewisses Wissen über allergische Erkrankungen haben, in der Schweiz sind allergische Erkrankungen der viertwichtigste Konsultationsgrund in der allgemeinen Praxis. Die Ausbildung der Generalisten in Allergologie wurde stark vernachlässigt, denn die Turnusausbildung im Krankenhaus macht die wenigsten Ärzte vertraut mit allergischen Erkrankungen, da diese überwiegend ambulant betreut werden. Vielen praktischen Ärzten sind diese Defizite bewusst, Verbesserungen der Allergieausbildung werden vor allem von ihnen gewünscht. Das gelingt allerdings nicht mit einem Wochenendkurs.
Die zweite Stufe betrifft den Facharzt bzw. Spezialisten mit fundiertem allergologischem Wissen in seinem Spezialgebiet (z.B. Dermatologe für Atopische Dermatitis, Pneumologe für Asthma, usw.). Die dritte Stufe betrifft den Facharzt für Allergologie. Er koordiniert die Diagnostik und Therapie bei den Allergien, die ja in der Regel Systemreaktionen sind, oft arbeitet er mit dem Spezialarzt, aber auch Generalisten zusammen, so indiziert er z.B. die Immuntherapie, welche dann beim Allgemeinmedizner durchgeführt wird.
Wichtig wäre auch noch eine systematische Ausbildung in Allergologie während des Medizinstudiums. Wir müssen uns den neuen Gegebenheiten, nämlich der hohen Frequenz allergischer Erkrankungen, in der Ausbildung anpassen, quasi jeder Arzt ist mit Allergien konfrontiert und sollte wenigstens während des Studiums das Wesentliche gehört haben.

Welches Ausbildungscurriculum ist vorgesehen?
Pichler: Der ideale Lehrplan für einen Allergologen beginnt nahe an der Ausbildung zum Allgemeinmediziner, mit einem vertieften Einblick in Pneumologie, HNO und Dermatologie, neben einer mindestens zweijährigen Ausbildung in Innerer Medizin oder Pädiatrie. Dieser sollten weitere zwei bis drei Jahre in einer allergologischen Spezialambulanz folgen.

Die Europäische Allergologengesellschaft EAACI hat sich die Förderung junger Allergologen zum Ziel gesetzt. Welche konkreten Projekte sind entstanden bzw. geplant?
Pichler: Die kostenlose Mitgliedschaft bei den Junior Members der Gesellschaft bringt viele Vorteile: neben Ermäßigungen bei Kongressgebühren günstige und praxisrelevante Kurse (Summer Schools) ein eigenes Forum bei den Gesellschaftstagungen und eigene wissenschaftliche Kongresse wie in Davos oder demnächst in Schladming. Es ist auch der Wunsch der jungen Allergologen, dass eine europäische Prüfung für Allergologie etabliert wird.

Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 21/2007

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