zur Navigation zum Inhalt
 
Innere Medizin 5. Juli 2007

Begleitende palliative Betreuung bei HIV/AIDS

Nach den allgemeinen Empfehlungen der Palliativmedizin und Palliativpflege hat für Menschen mit fortgeschrittener HIV-Infektion einer entsprechenden Betreuung im Spital und zu Hause große Bedeutung. Die Möglichkeiten von HIV-positiven Patienten für „Betreutes Wohnen“ oder adäquate „Pflegeheim-Plätze“ sind jedoch sehr limitiert. Der palliative Gedanke soll dabei jedoch nicht Ersatz für notwendige antiretrovirale Therapien sein, sondern die Lebensqualität auf ein würdevolles Niveau heben.

 Blätter
Aidskranke haben Bedarf an palliativmedizinischer Versorgung.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Die Linderung auch der seelischen Leiden war immer schon zentrale Aufgabe des Arztes, wie ein französisches Sprichwort aus dem 1. Jahrhundert zusammenfasst: Guérir – quelquefois, soulager – souvant, consoler – toujours (Heilen – manchmal, lindern – oft, trösten – immer). In den Hospizen wurden Kranke und Bedürftige oft bis zum Tod begleitet. Mit der Entwicklung der modernen Medizin ist die Betreuung von Patienten mit fortgeschrittenen unheilbaren Erkrankungen einseitiger geworden. Medizinische Maßnahmen werden oft noch angeboten, auch wenn nur noch winzige oder gar keine Erfolgsaussichten mehr bestehen. Aber oft werden auch die Patienten mit ihren Symptomen und ihrer Angst vor Sterben und Tod alleine gelassen.
Vor diesem Hintergrund wurde 1967 von Cicely Saunders in London das St. Christopher Hospiz gegründet, das die Keimzelle der modernen Palliativmedizin darstellt. Der Begriff „Palliative Medicine“ wurde vom kanadischen Arzt Balfour Mount geprägt. Die von ihm geleitete Station am Royal Victoria Hospital in Montreal trug als Erste die Bezeichnung „Palliative Care Service“. Wesentliche Komponenten der Palliativmedizin sind Symptomkontrolle, psychosoziale Kompetenz, Teamarbeit und Sterbebegleitung.
„Palliative Care ist die aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer progredienten, weit fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung zu der Zeit, in der die Erkrankung nicht mehr auf eine kurative Behandlung anspricht und die Beherrschung von Schmerzen und anderen Krankheitsbeschwerden, psychologischen, sozialen und spirituellen Problemen höchste Priorität besitzt.“ (WHO Genf 1990). Idealerweise sollte eine palliative Betreuung allen stationären und ambulanten Patienten zur Verfügung stehen, die an einer unheilbaren, progredienten und in absehbarer Zeit zum Tod führenden Erkrankung leiden.
Beispiele hierfür sind: fortgeschrittene Krebserkrankungen, Erkrankungen des Nervensystems mit unaufhaltsam fortschreitenden Lähmungen, Endzustand einer chronischen Nieren-, Leber-, Herz- oder Lungenerkrankung.

Bedarf durch aktuelle Beschwerden bestimmt

Der Bedarf einer palliativmedizinischen Betreuung wird in erster Linie durch die aktuellen Beschwerden bestimmt und nicht durch die Krankheitsdiagnose. Die kurativen Behandlungsmöglichkeiten der Grunderkrankung sind nach ärztlicher Einschätzung ausgeschöpft. Allerdings besteht zugleich ein medizinischer und pflegerischer Auftrag zur Symptomlinderung und umfassenden Unterstützung, zum Beispiel bei respiratorischen, gastro-intestinalen, neurologischen, psychosomatischen und anderen Symptomen wie Müdigkeit, Schwäche, Angst, Schmerzen, Verwirrtheit, Mundtrockenheit, exulzerierende Tumore, sowie ein Unterstützungs- oder Beratungsbedarf im sozialen Umfeld des Patienten. Palliative Betreuungsmodelle zeigen den Erfolg dieser speziellen Maßnahmen.
Patienten im Vollbild der Infektionskrankheit AIDS profitieren von einer palliativen Betreuung in vergleichbarer Weise wie Patienten mit anderen progredienten, unheilbaren Krankheiten.
Aufgrund der Verbesserung der Überlebensrate von Patienten mit HIV/AIDS durch Einsatz der antiretroviralen Kombinationstherapie (HAART) bedarf es nun einer Langzeitbetreuung, die auch in den letzten Lebensabschnitten für Würde, Menschlichkeit, Empathie, Intimität und bestmögliches Wohlbefinden sorgt.

Palliative Betreuung Standard

Die medizinische Herausforderung besteht dabei in der Bewahrung einer „primary-care“-Mentalität unter besonderer Berücksichtigung psycho-sozialer Bedürfnisse, Begleitung in den letzten Lebensphasen und mit einem Fokus auf den Patienten in der täglichen Auseinandersetzung mit seiner Krankheit und mit der antiretroviralen Therapie. Zu den Komponenten exzellenter palliativer Betreuung von Patienten mit HIV/AIDS gehören: 1) kompetente, erfahrene Ärzte (Effektivität), 2) vertrauensvolle, nicht diskriminierende, kulturell sensible Betreuung (Akzeptanz), 3) interdisziplinäre, koordinierte Betreuung (Effizienz), 4) flexible und bedarfsorientierte Betreuung (Flexibilität, Kompetenz) und 5) fairer Zugang für alle Klienten (Gleichheit). Nach diesen Grundregeln arbeitet seit 1998 in Wien der Verein HIVmobil (medizinische Hauskrankenpflege für Patienten mit HIV/AIDS, www.hivmobil.org).
Umfragen unter HIV-positiven Patienten zeigen seit Jahrzehnten durchgängig, dass weniger als zehn Prozent im Spital sterben möchten. Trotzdem hat sich seit den 80er Jahren wenig daran geändert, dass mehr als 60 Prozent der Patienten im Spital sterben. Verantwortlich für diese Fehlentwicklung sind die oft noch ungenügenden Voraussetzungen der palliativen Betreuung im ambulanten Bereich und der Fokus auf das Management akuter Komplikationen selbst bei Patienten in der letzten Lebensphase.

Dr. Wolfgang Steflitsch, Ärzte Woche 27/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben