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Innere Medizin 12. Dezember 2007

Gefühle im Spiegel der Hormone

Hormone können die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein bestimmtes Verhaltensmuster auftritt, sie können aber selbst kein Verhalten auslösen – oder wie es Prof. Dr. Wolfgang Marktl, Leiter der Abteilung für Umweltphysiologie und Balneologie der Medizinischen Universität Wien, am 38. Allgemeinmedizinerkongress pointiert formulierte: „Wir sind nicht Sklaven unserer Hormone, unser Verhalten wird von uns selbst bestimmt.“ Die Voraussetzung für eine Interaktion zwischen Hormonen und Gefühl, eine direkte zentralnervöse Wirkung also, ist die Überwindung der Blut-Hirn-Schranke. „Dies ist nur lipidlöslichen Hormonen möglich“, erklärte Marktl. Dazu gehören unter anderem die Steroidhormone Testosteron und Cortisol.
Testosteron wirkt sich im Gehirn teilweise direkt, teilweise über die Umwandlung zu Östradiol aus. Marktl: „Das bewirkt das teilweise bessere räumliche Vorstellungsvermögen und die weniger stark ausgeprägte Verbalfunktion von Männern. Viele Studien zeigen auch einen Zusammenhang zwischen der Höhe der Testosteron-Plasmakonzentration und aggressivem Verhalten bei Männern.“ Klar ist jedoch, wird Testosteron an gesunde Männer verabreicht, kommt es zu einer Zunahme von sexuellen Phantasien, sexueller Erregung, spontanen nächtlichen und morgendlichen Erektionen, Ejakulationen und sexuellen Aktivitäten. „Handelsübliche Testosterongaben führen zudem zu einer vorübergehenden Verbesserung der kognitiven Leistungen“, so Marktl.

Kampf oder Flucht

Das Hormon Cortisol reguliert die Vorgänge, die bei Stress im Körper ablaufen. „Bei Gefahr wird die Produktion von Corticotropin-Releasing-Factor (CRF) angekurbelt, der die Produktion von Cortisol anregt“, erklärte Marktl. „In höheren Dosen, etwa unter Dauerstress, führt Cortisol aber zu Verschlechterungen der Gedächtnisleistung und stört den Transfer von Gedächtnisinhalten vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis.“ Negativer Stress hat einen Bedrohungscharakter. In der Folge reagiert der Organismus mit „Kampf“ oder „Flucht“, je nachdem, welcher Mechanismus ausgeprägter ist.

Hormonähnliche Wirkung

Für die Verarbeitung verschiedenster sensorischer Informationen, wie Hunger, Schmerzwahrnehmung, Motivation, Lernen oder Stimmung und Befindlichkeit, ist der Neurotransmitter Serotonin verantwortlich. „Die Wirkung ist ähnlich wie jene eines Hormons“, verdeutlichte Marktl. Eine Abnahme der Serotonin-Konzentration im Liquor cerebrospinalis geht mit einer Tendenz zu verstärktem aggressivem und autoaggressivem Verhalten einher. „Als pathophysiologische Ursache von impulsiv-aggressivem Verhalten wird derzeit ein ,low-serotonin-Syndrom‘ diskutiert“, so Marktl. „Die Gabe von Serotoninpräkursoren führt zu einer Reduktion von aggressivem Verhalten und Vigilanz.“

Sabine Fisch, Ärzte Woche 50/2007

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