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Innere Medizin 28. September 2007

Erfolgsstory der „sanften Koloskopie“

Der Gastroenterologe und seine Zuständigkeiten sollen im öffentlichen Bewusstsein stärker verankert werden, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Vogel in unserem „Präsidenteninterview“. Das gelte ebenso für die Koloskopie im Rahmen der Vorsorgeunter­suchung.

Die Koloskopie ist in der „Vorsorgeuntersuchung Neu“ mittlerweile implementiert. Untersuchungswillige Personen können österreichweit diese Form der Krebsvorsorge in Anspruch nehmen. Dennoch gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Qualität der Untersuchung. Die Ärzte Woche sprach mit dem Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH), Prof. Dr. Wolfgang Vogel, von der Medizinischen Universität Innsbruck, der landesweit einen einheitlichen Qualitätsstandard für die Koloskopie fordert.

In der „Vorsorgeuntersuchung Neu“ ist die Koloskopie mittlerweile fix etabliert. Stimmt Sie das als amtierenden Präsidenten der ÖGGH zufrieden?
VOGEL: Glücklicherweise ist es heute möglich, diese Art der Vorsorgeuntersuchung in Anspruch zu nehmen. Das Hauptproblem liegt jedoch nach wie vor in der unterschiedlichen Qualität der erbrachten Leistung. Landesweit bestehen bei der Vorsorge-Koloskopie mannigfaltige Regelungen sowohl hinsichtlich der Leistungsinhalte als auch der Qualitätskriterien. Ein einziges Bundesland kann bereits auf einheitliche Qualitätsstandards verweisen: Vorarlberg, das hier eine Vorreiterrolle spielt. Im restlichen Bundesgebiet gibt es hingegen große regionale Unterschiede, wir haben es mit einem sehr heterogenen Muster von Qualitätssicherungen zu tun. Diesbezüglich sind uns die deutschen Kollegen voraus: Sie haben vorbildliche Qualitätssicherungsmaßnahmen getroffen, die eine einheitliche Qualität der Darmspiegelung gewährleisten.

Wie könnte dieser Heterogenität entgegengewirkt werden?
VOGEL: Um die Sicherheit und die Qualität der Koloskopie zu erhöhen, haben wir, in Zusammenarbeit mit dem Hauptverband, eine Zertifizierungsstelle eingerichtet. Alle Kollegen, die eine Vorsorge-Koloskopie durchführen – seien es Internisten oder Chirurgen im niedergelassenen Bereich bzw. Spitalsambulanzen, welche die von der ÖGGH publizierten Qualitätskriterien erfüllen –, erhalten künftig ein eigenes Qualitätszertifikat.

Wer soll die Einhaltung der Qualitätskriterien überwachen?
VOGEL: Weder Ärztekammer noch Krankenkassen sollen für die Sicherung der Qualität zuständig sein. Vielmehr läuft es über die Motivation der Ärzte, die Untersuchung nach den gültigen Standards durchzuführen. Das Zugeständnis zur Qualitätssicherung ist für die Kollegen natürlich mit einem erhöhten finanziellen Aufwand verbunden und soll von den Kostenträgern entsprechend honoriert werden.

Um welche Bereiche geht es hier vor allem?
VOGEL: Qualität reicht von einer Mindestfrequenz an Untersuchungen bis hin zu Hygienestandards. Gerade die Frage der Hygiene bei der Koloskopie ist sehr aktuell, zumal die Medien vor kurzem eine Infektion mit Hepatitis C durch eine Darmspiegelung in Holland aufgriffen. Die internationalen Hygienestandards bei der Koloskopie sind eine Grundbedingung, die Thermodesinfektion ist dabei state of the art.

Welche Anforderungen sollte eine qualitative Koloskopie im Detail erfüllen?
VOGEL: Es sollte eine totale Koloskopie gemacht werden, die auch das terminale Ileum einbezieht. Die korrekte Vorbereitung ist, auch mit Bildgebung, zu dokumentieren. Jeder Patient muss eine Sedierung bekommen können. Die Untersuchungsfrequenz sollte jährlich 100 Koloskopien plus mindestens 20 Polypektomien betragen. Die Hygienestandards sind einzuhalten, was eine Thermodesinfektion der Geräte einschließt. Eine entsprechende Dokumentation ist selbstverständlich.

Wann wird es diese Zertifizierung geben?
VOGEL: Die ersten Zertifikate sind bereits draußen. Wir haben zwar noch mit kleinen Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen, ich bin jedoch zuversichtlich, dass diese in den nächsten Monaten überwunden sind.

Wie wird das Angebot zur Vorsorge­koloskopie von der österreichischen Bevölkerung angenommen?
VOGEL: Die kostenlose Durchführung der Koloskopie im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung ist flächendeckend in ganz Österreich möglich. Dennoch würden wir uns mehr Zulauf wünschen. In den vergangenen Jahren ist es uns leider nicht gelungen, mehr von jenen Karzinomen zu diagnostizieren, die sich noch im heilbaren Frühstadium befinden. Die Rate liegt unverändert bei rund 23 Prozent. Andererseits lassen sich bei bis zu 30 Prozent aller Personen, die im empfohlenen Alter eine Koloskopie durchführen lassen, Polypen entdecken. Die zeitgerechte Polypektomie senkt das Risiko von Entartungen. Über die Ergebnisqualität muss allerdings auch der empirische Nachweis erbracht werden, dass die Darmspiegelung hält, was wir uns von ihr versprechen. Damit lässt sich auch das Präventionspotenzial der Koloskopie als Vorsorgeuntersuchung evaluieren. In Österreich sind solche Daten noch nicht ausreichend vorhanden.

Wie sieht es mit der Etablierung der „sanften Koloskopie“ in Österreich aus?
VOGEL: Die sanfte Koloskopie kann als Erfolgsstory bezeichnet werden. Viele Patienten haben diese Form der Untersuchung akzeptiert. Mittlerweile sehen auch die chirurgischen Kollegen, dass dies der richtige Weg zu sein scheint. Offen ist nach wie vor die Art und Weise der Sedierung und letztendlich auch die Frage, wer diese durchführen darf.

Gibt es zwischen Chirurgen und Gastroenterologen bei der Koloskopie noch Konflikte hinsichtlich der Zuständigkeit?
VOGEL: Die Koloskopie sollte in erster Linie die international gültigen Qualitätsstandards erfüllen. Der Allgemeinmediziner sollte in seiner Rolle als Gate-Keeper die Patienten an jene Kollegen verweisen, die diese Standards umsetzen. Aus der Sicht des Untersuchten ist es egal, ob ein Chirurg oder ein Internist am Werk ist. Naturgemäß freut es mich, wenn ein gastroenterologischer Kollege die Untersuchung durchführt.

Woran liegt die mangelnde Bereitschaft der Patienten, einen Kollegen Ihres Fachgebietes aufzusuchen?
VOGEL: Das liegt daran, dass die Gastroenterologie in Österreich kaum wahrgenommen wird. Auch gehobene Bildungsschichten wissen oft nicht um das Aufgabengebiet unseres Fachgebietes. Dabei leistet sich Österreich seit fast einem Jahrzehnt die Gastroenterologie und Hepatologie als eigenständige Spezialisierung. Dies geht selbstverständlich auch mit Kosten einher, denn die Ausbildung ist sehr aufwändig. Insofern halte ich es für sinnvoll, wenn die Österreicher auch wissen, dass es diese Sparte gibt, was sie kann und wofür sie zuständig ist.

Wie etwa beim Colon irritabile ...
VOGEL: Patienten, die ein Reizdarmsyndrom aufweisen, gelangen oft erst nach vielen Jahren und eher zufällig zum Gastroenterologen, obwohl dieses Krankheitsbild in den klassischen Zuständigkeitsbereich unseres Fachgebiets gehört. So finden viele Patienten den Weg über das Internet zu uns, statt von ihrem Hausarzt zugewiesen zu werden. Hier könnte die Zusammenarbeit sicherlich noch verbessert werden. Zudem wäre eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit, die von der ÖGGH, aber auch von Seiten der Ärztekammer kommen könnte, sicherlich hilfreich, um die Funktion unseres Berufes einer breiteren Schicht zugänglich und verständlich zu machen.

Welche weiteren Themen sind für Sie als Präsident von Bedeutung?
VOGEL: Die breitere Erfassung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen stellt eine große Herausforderung dar, zumal unser therapeutisches Instrumentarium in den letzten Jahren größer und besser wurde. Der Gastroenterologe ist der richtige Ansprechpartner für diese ständig wachsende Patientengruppe. Auch die Epidemiologie der Virushepatitiden ist eine Aufgabe, der wir uns widmen müssen. Dies ist ein in Österreich bislang stark vernachlässigtes Thema. Während andere Länder bereits in Eigeninitiative Daten sammeln, warten wir auf die Vorgaben der EU.

Welchen Wunsch haben Sie noch?
VOGEL: Die Gastroenterologie muss vermehrt im Bewusstsein der Patienten und auch der zuweisenden Kollegen verankert sein. Auch die Forschung wird bei uns noch stiefmütterlich behandelt. Österreich ist ein reiches Land, daher sollte eine verbesserte Finanzierung der verschiedenen Forschungsprojekte nicht nur über Geldmittel des Bundes, sondern auch über Stiftungen möglich sein.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 39/2001

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