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Innere Medizin 24. April 2007

Arbeitsmedizin will mehr Anerkennung

Nach wie vor gibt es keine Übergangsregelungen für Ärzte, die nach 1994 eine arbeitsmedizinische Ausbildung abgeschlossen haben.

1994 gab es erstmals Übergangsregelungen zum „Facharzt für Arbeitsmedizin“: Wer eine entsprechende sechsjährige Tätigkeit vorweisen konnte, durfte diesen Titel nach einer Begutachtung durch die Ärztekammer tragen. „Intern haben wir uns zusätzlich darauf ge­einigt, dass zumindest eine arbeitsmedizinische Wochen­arbeitszeit von 20 Stunden vorliegen muss“, berichtet Dr. Rudolf Hainz, Leiter des Referats für Arbeitsmedizin der Wiener Ärztekammer. „Allerdings gab es bei der Überprüfung dieses Punktes immer wieder Schwierigkeiten und Unstimmigkeiten“, berichtet Hainz, teils hätten Unternehmen auch Gefälligkeitsbestätigungen ausgestellt. Dann tauchte die Frage auf, wie mit Ärzten umzugehen ist, die nach 1994 eine arbeitsmedizinische Ausbildung fertig absolviert haben. „Aufgrund der Erfahrungen der ersten Übergangszeit gab es den Kompromiss, dass ein Arzt mindestes acht Jahre arbeitsmedizinische Tätigkeit aufweisen und dann die Facharztprüfung ablegen muss“, so Hainz weiter. Eine Einigung, der Dr. Reinhard Jäger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin (Gamed), nach wie vor skeptisch gegenübersteht: „Es macht sehr wohl einen Unterschied, wie intensiv die arbeitsmedizinische Tätigkeit ausgesehen hat – es soll ja eine Relation zur sechsjährigen Facharztausbildung bestehen.“ Er kann sich bis auf wenige Ausnahmefälle nicht vorstellen, dass der Umfang arbeitsmedizinischer Tätigkeit schwer nachprüfbar sein soll. Zusätzlich hätte sich die Gamed den Nachweis einer fachspezifischen Fortbildung im Umfang von 150 Stunden gewünscht. Hainz hält eine verpflichtende Fortbildung hingegen nicht für notwendig. Die Verhandlungen mit dem Gesundheitsministerium zu neuen Übergangsregelungen sind jedenfalls nach wie vor zu keinem Ergebnis gekommen – Hainz erhofft sich hier Impulse durch die neue Ministerin. „Dass es die Prüfung zum Facharzt für Arbeitsmedizin gibt, stellt eine Aufwertung des Faches und einen Beitrag zur Qualitätssicherung dar“, meint dazu Dr. Arthur Wechselberger, Referent für Arbeitsmedizin der Österreichischen Ärztekammer.

Gleichstellung der Arbeits­medizin mit anderen Fächern

Auch wenn sich durch die Prüfung keine wirklichen Veränderungen im Alltag des Arbeitsmediziners ergeben, würde es um eine Gleichstellung der Arbeitsmedizin mit anderen Fächern gehen sowie darum, dass Fachärzte bessere Jobchancen hätten bzw. eine bessere Verhandlungsbasis in Bezug auf Gehaltswünsche. Hainz ist es wichtig, dass bei den anstehenden Entscheidungen darauf geachtet wird, „dass die Ablegung der Prüfung eine Bestätigung des vorhandenen Fachwissens ist, eine Chance, den Horizont und das eigene Wissen nochmals zu erweitern – aber nicht dass es diese Bereiche ersetzt.“ Ein dreiwöchiges Lernen für eine Prüfung sei sicher zu wenig. Ein aktuelles Problem ist aus Jägers Sicht allerdings, „dass es zu wenige Ausbildungsplätze für Fachärzte für Arbeitsmedizin gibt“. Ausbildungsorte sind nach wie vor die Universität Wien sowie Arbeitsmedizinische Zentren. „Allerdings werden in nächster Zeit einige Fachärzte in Pension gehen – für die Anerkennung als Ausbildungsstelle müssen dort aber zumindest zwei Fachärzte tätig sein“, erklärt Jäger. Zu überlegen wäre, dass Ärzte, die Arbeitsmedizin als ihren hauptberuflichen Schwerpunkt haben, auch einen Status als Lehrpraxis bekommen. Inwieweit die arbeitsmedizinische Abteilung der Medizinischen Universität Wien weiter Ausbildungsplatz bleiben kann, ist noch nicht zur Gänze geklärt. Im März wurde die Bettenstation geschlossen, die Forschungsaktivitäten sollen in das neue Public-Health-Zentrum integriert werden – dort hat ja auch die Allgemeinmedizin ihren universitären Anknüpfungspunkt. Während Jäger befürchtet, die Arbeitsmedizin könnte in den nächsten Jahren endgültig von der Österreichischen universitären Landkarte verschwinden, hofft Hainz auf eine positive Entwicklung: „Immerhin wurde zugesagt, dass bei Bedarf auch Betten zur Verfügung gestellt werden.“ Wechselberger erinnert auch daran, dass eine Professur in Wien zugesagt wurde.

Neue Impulse

Aus Wechselbergers Sicht bräuchte die Arbeitsmedizin aber auch in anderen Bereichen kräftige Impulse: „Seit 2000 ist in Österreich in diesem wichtigen Feld ein Dornröschenschlaf ausgebrochen.“ Dies ist das Jahr, in dem – zumindest theoretisch – alle Betriebe durch arbeitsmedizinische Maßnahmen erfasst wurden. „Der Großteil der ArbeitnehmerInnen ist in Klein- und Mittelunternehmen tätig, wo weniger als 50 Menschen tätig sind – nicht einmal die Hälfte dieser Betriebe nimmt eine arbeitsmedizinische Betreuung in Anspruch.“ Die Qualität dieser Betreuung sei den meisten Betrieben kein Anliegen, kommt es zu Ausschreibungen, würde in einem Großteil der Fälle der Preis entscheiden und nicht die Qualität des Angebotes. „Obwohl es internationale positive Beispiele gibt, werden Investitionen in diesen Bereich kaum als sinnvoll betrachtet“, ergänzt Wechselberger. Hier seien sowohl die Gesundheitspolitik gefragt, um mehr Anreize zu setzen, als auch Unternehmen, die betriebliche Gesundheitsförderung wirklich umsetzen, anstatt sie als Feigenblatt für ein positives öffentliches Image zweckzuentfremden.

Trend zur „Wirtschaftsmedizin“

Im letzten September ging an der Donauuniversität Krems ein von der Akademie für Arbeitsmedizin mit ausgerichteter Lehrgang „Spezielle Präventivmedizin in Arbeit und Wirtschaft“ zu Ende. Damit wird auch neu über die Richtung der „Wirtschaftsmedizin“ diskutiert – dies ist aus der Sicht von Wechselberger eigentlich nötig: „Der Lehrgang setzte die Ausbildung als Arbeitsmediziner voraus.“ Wirtschaftsmedizin sei eine Weiterentwicklung, die aber auf der Arbeitsmedizin basiere. „Es geht immer weniger um Bereiche wie Schwerarbeit und deren Folgen, aber dafür immer stärker um Bereiche wie Mobbing, die Auswirkungen von ständigem Zeitdruck oder auch das Themenfeld des älteren Arbeitnehmers, der länger im Betrieb bleiben soll“, so Wechselberger weiter. Klassische Instrumente wie Reihenuntersuchungen würden hier zu kurz greifen, gefragt wäre auch ein präventivmedizinischer Ansatz, der auch auf wirtschaftliche Zusammenhänge Rücksicht nimmt. Es ginge um Bereiche wie Arbeitsorganisation und auch den Zusammenhang zwischen Gesundheit und wirtschaftlichen Erfolg. „Ein wichtiges Ziel ist, diesen Zusammenhang noch stärker sichtbar zu machen und Unternehmer zu entsprechenden Investitionen zu motivieren“, meint Wechselberger.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 17/2007

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