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Innere Medizin 11. April 2007

Die globale AIDS-Pandemie 2007

Weltweit leben rund 40 Millionen HIV-infizierte Menschen. Internationale Projekte und persönliches Engagement zeigen in wirtschaftlich benachteiligten Ländern erste Erfolge bei der Lebenserwartung und Lebensqualität HIV-positiver Menschen.

Im Rahmen der in Barcelona stattfindenden AIDS-Konferenz „Treating Today‘s Patient for a Better Tomorrow“, vom 17. bis zum 18.März 2007, erörterten internationale Experten die derzeitige epidemiologische Bedrohung der Immunschwäche HIV und Strategien zu deren Eindämmung. Dr. Nagalingeswaran Kumarasamy, Chief Medical Officer of YRG CARE, ist für die Betreuung von mehr als 10.000 HIV-positiven Patienten im Süden Indiens verantwortlich. Zusätzlich ist er Principal Investigator für AIDS-Studien der US National Institutes of Health in Chennai. 1986 wurden mehrere Prostituierte und LKW-Fahrer im südindischen Chennai als erste HIV-positive Patienten diagnostiziert. Mittlerweile muss man laut Kumarasamy in Indien mit mehr als fünf Millionen HIV-positive Menschen rechnen. Das entspricht rund 0,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Die Zahl der AIDS-Fälle ist stark steigend. An vorderster Front der opportunistischen Infektionen stehen Candidiasis, Tuberkulose, Herpes-Infektionen und Kryptosporidien. 80 Prozent der Patienten kommen erst in eine Klinik, wenn sie an einer oder mehreren AIDS-definierenden Erkrankungen leiden. Die kostenlosen Möglichkeiten für einen HIV-Test werden aus Angst vor Stigmatisierung kaum genützt. 1999 bis 2000 kam es in Indien durch die Einführung von Generika in der antiretroviralen Therapie zu einer starken Preisreduktion. 2007 erzeugen bereits zehn indische Firmen nachgebaute Substanzen, unter ihnen auch den modernen Proteasehemmer Lopinavir® (geboostert mit Ritonavir). Die first-line Therapie der antiretroviralen Kombination kostet somit nur 15 Dollar pro Monat, Folgetherapien bei Therapieversagen aber bereits 150 Dollar monatlich. Im Siddha Medical Research Institute und anderen Kliniken können zurzeit rund 70.000 HIV-positive Menschen mit effektiven antiretroviralen Kombinationen versorgt werden. In Afrika wurde die antiretrovirale Kombinationstherapie erstmals 2001 von staatlichen Institutionen eingeführt (PEPFAR, WHO 3x5 Initiative). Zurzeit erhalten in den Ländern südlich der Sahara rund 30 Prozent der HIV-positiven Patienten so eine Kombination. In Ghana beträgt die HIV-Prävalenz laut Torpey 2,7 Prozent. Für die Versorgung der HIV-positiven Patienten stehen 34 HIV-Zentren zur Verfügung. Die Kosten pro Patient betragen fünf Dollar pro Monat. Dr. Kwasi Torpey hat eine mehrjährige Erfahrung in HIV-Management und Allgemeinmedizin. Zurzeit arbeitet er als Direktor in der Family Health International’s Zambia Prevention, Care and Treatment Partnership. In Zambia ist die HIV-Prävalenz mit 16 Prozent deutlich höher. Derzeit besitzen dort etwa 75.000 Patienten Zugang zur antiretroviralen Kombinationstherapie. In 140 HIV-Zentren sind die klinischen und Labor-Untersuchungen kostenlos. Für die first-line Therapie stehen in der Regel Stavudine, Zidovudine, Lamivudin, Nevirapine und Efavirenz zur Verfügung, für die second-line Therapie Abacavir, Tenofovir, Didanosin, Emtricitabine, Nevirapine und Lopnavir®. Schlüsselfaktoren in der Betreuung HIV-positiver Menschen in diesen beiden afrikanischen Staaten sind Kosten, Verfügbarkeit der Medikamente, Infrastruktur, Laborkapazität und personelle Ressourcen. Um das Problem der personellen Ressourcen in den Griff zu bekommen, dürfen laut Torpey auch die Assistenten der Ärzte und Krankenschwestern Medikamente verschreiben. Das in der westlichen Welt sehr erfolgreiche Lopinavir® (Kaletra®) ist in Afrika mit dem Handelsnamen Aluvia® auf den Markt gekommen. In Zukunft werden außer einem deutlich erweiterten Zugang zur antiretroviralen Kombinationstherapie vor allem pädiatrische Formulationen, billigere Technologien für die Bestimmung der Virusbelastung und des Resistenzprofils sowie neue antiretrovirale Substanzen für Länder mit niedrigem Einkommen benötigt. Mithilfe der antiretroviralen Kombinationstherapie lässt sich mittelfristig eine erfolgreiche Prävention der HIV-Transmission durchführen. Wenn 30 Prozent aller HIV-positiven Patienten behandelt werden, bleibt die Prävalenz gleich hoch, aber die Behandlungskosten steigen schrittweise deutlich an. Wenn hingegen fast alle HIV-Infizierten behandelt würden, so würde die Prävalenz deutlich fallen. Die Kosten wären anfangs sehr hoch, aber bereits nach einigen Jahren stark rückläufig. Da die Resistenzentwicklung gegen first-line Substanzen in Afrika sehr hoch ist, bietet sich die Monotherapie mit geboosterten Proteasehemmern (Lopinavir®) als Ausweg an. Thomas E. Wistar, Tansanien, ist zuversichtlich, dass im Jahr 2008 bereits rund 150.000 Patienten Aluvia® erhalten werden.

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