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Innere Medizin 4. April 2007

Des Bacchus Früchte für die Onkologie ernten

Rotwein hat viele nützliche Eigenschaften, sagt die medizinische Biochemie. Möglich scheint auch eine Verwendung von Resveratrol-Analoga in der Onkologie.

Wein, insbesondere Rotwein, scheint auch aus medizinischer Sicht „magische“ Inhaltsstoffe zu besitzen. Er ist höchstwahrscheinlich für das „Französische Paradoxon“ verantwortlich: In Frankreich gibt es um 40 Prozent weniger Herzinfarkte als im restlichen Europa. Aber was ist nun im Rotwein drin, das ihm diese besondere Kraft verleiht? Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Prof. Dr. Thomas Szekeres, Laborfacharzt am Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Er beforscht im Rahmen von verschiedenen Kooperationsuntersuchungen die Biochemie des Weines.
„Einer der wirksamen Bestandteile des Weines ist Resveratrol. Diese Substanz wird in größeren Mengen in der Traubenschale gebildet, kommt aber auch in Erdnüssen vor. Resveratrol schützt die Trauben vor Infektionen und wird als Reaktion auf Temperaturwechsel gebildet“, erläutert Szekeres. „Von der Traube gelangt die Substanz während des Kelterns in den Wein. Bei der Rotweinherstellung bleiben Traube und Wein zusammen – daher der im Verhältnis zu Weißwein höhere Spiegel. Resveratrol ist ein ausgezeichneter Radikalfänger mit herausragenden biochemischen Eigenschaften. So erhöht Resveratrol etwa die Lebensdauer von Hefezellen um bis zu 70 Prozent, indem es den Zellen reduzierte Kalorienzufuhr vorgaukelt.“

Auch der Lipidmetabolismus wird positiv beeinflusst

Zudem, so Szekeres, erhöhe Resveratrol den HDL-Spiegel, wodurch das Herzinfarktrisiko sinke. Des Weiteren besitzt der Stoff antitumorale Aktivität und kann die Apoptose, den programmierten Zelltod, induzieren. Neben gefäßerweiternder und hormoneller Wirkung ist vor allem der antiinflammatorische Effekt bekannt.
Szekeres erläutert: „Wir haben Resveratrol und seine ebenfalls im Rotwein vorkommenden Analoga untersucht. Diese sehr ähnlich strukturierten Substanzen unterscheiden sich voneinander in Anzahl und Positionierung der OH-Gruppen.“
Entzündungshemmend wirkt Resveratrol insbesondere durch die Hemmung von Cyclooxygenase 1 und 2 (COX 1 und 2). Insofern hat es einen ähnlichen Effekt wie Aspirin. Durch das experimentelle Hinzufügen von OH-Gruppen versucht Szekeres eine höhere ­ COX-1- bzw. COX-2-Selektivität zu erzielen. Die von COX 1 ist für die unerwünschten Nebenwirkungen, unter anderem des Aspirins, verantwortlich, während sich eine COX-2-Hemmung durch antientzündliche und antitumorale Effekte auszeichnet. Durch Einwirkung von Cytochrom P450 wird aus Resveratrol das Piceatannol mit vier OH-Gruppen. Dieses Analogon hat eine höhere COX-2-Selektivität als beispielsweise Celecoxib und wirkt antitumoral. Ein weiterer Bestandteil des Rotweines ist Hexahydroxystilben – ein Resveratrol-Analogon mit sechs OH-Gruppen. Diese Substanz ist ebenso wie Piceatannol ein selektiver COX-2-Hemmer mit ausgeprägten antitumoralen Eigenschaften.

Leukämiezellen stagnierten ...

Szekeres: „Das Risiko, an einem Kolonkarzinom zu erkranken, wird durch Aspiringebrauch reduziert, wie bereits 1991 im New England Journal of Medicine publiziert wurde. Möglicherweise besteht also ein Zusammenhang zwischen Entzündungsvorgang, COX-Hemmung und Tumorentstehung. All das sind jedoch Vorgänge, welche durch Resveratrol beeinflusst werden. Daher haben wir die Antitumoraktivität dieser Substanzen anhand von leukämischen Zellen untersucht.“ Resveratrol und seine Strukturverwandten konnten in vitro mehrfach das Wachstum menschlicher Leukämiezellen hemmen. Die dafür notwendigen Mengen lagen im Mikromolarbereich – also bei Mengen, die in Wirbeltieren und Menschen medikamentös erreicht werden können. Szekeres und sein Team entdeckten außerdem, dass COX-2-Selektivität, Radikalfängereigenschaft und antitumorale Wirkung voneinander abhängig zu sein scheinen. In niedrigen Dosen konnten antiinflammatorische Wirkungen erzielt werden, in hohen Dosen trat die antitumorale Wirkung verstärkt hervor. Die Radikalfängereigenschaft der Rotweinbestandteile wurde mit bekannten Radikalfängern wie Vitamin E verglichen. Tatsächlich zeigte sich Piceatannol überlegen. Die so genannte „free radical scavenger capacity“ nahm deutlich mit der Anzahl der OH-Gruppen zu.

... Melanome schrumpften

Szekeres dokumentierte die antikarzinogene Eigenschaft im Mausmodell: „Melanome, welche über 20 Tage mit Hexahydroxystilben behandelt wurden, verloren 50 Prozent ihres Ursprungsvolumens. Die Kombination eines gebräuchlichen Chemotherapeutikums, DTIC, mit dem Wirkstoff Hexahydroxystilben brachte den Tumor bei 50 Prozent der Tiere sogar vollständig zum Verschwinden.“ Eine Substanzkombination, die anscheinend erfolgreich Melanome bei Mäusen bekämpfen kann. Eine Komplikation vieler Krebserkrankungen ist die Metastasenbildung. Szekeres dazu: „In einem weiteren Tiermodell untersuchten wir das Gewicht von Lymphknoten nach der chemotherapeutischen Behandlung. Im Verlauf der Behandlung konnte Hexahydroxystilben nicht nur das Volumen des Primärtumors reduzieren, sondern auch das Gewicht der Metastasen in den Lymphknoten.“
Szekeres zusammenfassend: „Hexahydroxystilben hat eine 500 Mal höhere Aktivität gegen COX 2 als gegen COX 1 und ist damit selektiver als etwa Celecoxib. Reseveratrol-Analoga wie Piceatannol sind effektive Radikalfänger mit antitumoraler Wirksamkeit. Wir haben gezeigt, dass Hexahydroxystilben in der Lage ist, das Melanom- und Metastasenwachstum in Mäusen zu hemmen.“
Sollten sich die positiven Ergebnisse der vorklinischen Untersuchungen und Tierversuche bestätigen, könnten laut Szekeres Resveratrol und seine Analoga zukünftig in der Vorbeugung und Behandlung von Entzündungen und menschlichen Tumoren verwendet werden.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 14/2007

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