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Innere Medizin 6. November 2008

Heiligt der Zweck die Mittel?

Studie: Viele Ärzte in den USA verordnen wissentlich nutzlose Medikamente. Nutzlose, aber nicht nebenwirkungslose, denn häufiger als Zuckerpillen werden Vitaminpräparate, Schmerzmittel, Antibiotika und Sedativa verschrieben.

„Angenommen, in klinischen Studien würde sich herausstellen, dass Dextrose wirksamer ist als nicht zu behandeln: Würden Sie Dextrose verschreiben? Zum Beispiel für nicht-diabetische Patienten mit Fibromyalgie?“ Solche und ähnliche Fragen wurden vor einiger Zeit per E-Mail an 1.200 praktizierende Internisten und Rheumatologen in den USA verschickt.

Dr. Jon Tilburt und sein Team von den National Institutes of Health unter Mitarbeit mit Kollegen in Harvard und der University of Chicago wollten damit erheben, welche Einstellungen Mediziner zu Placebos haben und wie häufig sie sie anwenden1. Allerdings verstanden die Studienautoren darunter nicht nur wirkstofffreie Zuckerpillen oder Kochsalzlösungen, sondern sie fassten darunter auch Präparate, die im Zusammenhang mit der konkreten Erkrankung des Patienten keinen Nutzen erwarten ließen. Damit fielen in diese Kategorie auch Vitaminpräparate, rezeptfreie Schmerzmittel, Antibiotika und Sedativa. An Internisten und Rheumatologen richteten sie ihre Fragen deshalb, weil vor allem Letztere häufig mit Patienten mit chronischen Einschränkungen zu tun haben, die medizinisch nicht leicht zu behandeln sind.

Placebo-Behandlungen werden seit Jahren kontrovers diskutiert. Einerseits wird die Placebokontrolle als probates Mittel gesehen, um die Wirksamkeit anderer Präparate zu messen. Andererseits erhält die Kontrollgruppe keine entsprechende Therapie. Zwar gibt die Helsinki-Deklaration der World Medical Association2 Richtlinien, die besagen, dass dies nur zulässig ist, wenn es keine nachgewiesenermaßen wirksame Intervention gibt oder wenn für die Kontrollgruppe keine Gefahr für ernste oder irreversible Schäden besteht. Ein Graubereich ist aber zumindest denkbar.

Scheinmedikamente haben in der Praxis aber die Chance einer positiven Therapie ohne unerwünschte Nebenwirkungen, ohne „chemische Keule“. Wenn aber der Patient, um eine optimale Wirksamkeit zu erreichen, darüber im Unklaren gelassen wird, dass die Behandlung selbst keinen Effekt hat, wirft das Fragen bezüglich des Rechts auf Selbstbestimmung auf.

Überwältigende Häufigkeit

Daher waren die Forscher überrascht, mit welcher Häufigkeit und Selbstverständlichkeit Placebos verschrieben werden – selbst bei der unwahrscheinlichen Annahme, dass die 43 Prozent, die nicht geantwortet hatten, niemals Placebos verwenden würden. Von den 679 Ärzten (57 %), die geantwortet hatten, verschrieb die Hälfte regelmäßig Placebobehandlungen. Sie hielten dies zu 62 % für ethisch akzeptabel.

Die am häufigsten verschriebenen Placebos waren rezeptfreie Analgetika (41 %) oder Vitaminpräparate (38 %). Einige Ärzte berichteten, dass sie Antibiotika (13 %) oder Sedativa (13 %) als Placebos verwendet hatten. Drei Prozent verabreichten Kochsalzinjektionen und zwei Prozent Zuckertabletten.

68 Prozent derer, die Placebos verschrieben, erklärten den Patienten, die Behandlung wäre potenziell von Vorteil, würde aber nicht typischerweise bei der konkreten Indikation eingesetzt. Nur fünf gaben den Patienten gegenüber explizit zu, dass die Therapie im Prinzip wirkungslos sei.

Beunruhigend finden die Autoren nicht, dass Vitamine oder rezeptfreie Schmerzmittel ohne erwartbaren Erfolg verschrieben werden. Die Verwendung von Antibiotika und Sedativa ohne klare Indikation kann hingegen ernste unerwünschte Konsequenzen sowohl für Patienten als auch für die öffentliche Gesundheit haben. n

 

1 www.wma.net/e/policy/pdf/17c.pdf

2 Tilburt, Jon C. et al: Prescribing „placebo treatments“: results of national survey of US internists and rheumatologists. BMJ 2008;337;a1938.

Von Mag. Patricia Herzberger, Ärzte Woche

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