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Innere Medizin 20. Februar 2007

Extrem widerstandsfähig

Ansteckungsgefahr mit den überall vorkommenden, ziemlich unempfindlichen Noroviren besteht das ganze Jahr, ein Gipfel ist jedoch in den Wintermonaten zu verzeichnen. Die Diagnosemöglichkeiten sind besser geworden, und seit Mitte 2006 besteht auch für virale Lebensmittelinfektionen Anzeigepflicht.

 Figur

Im September des vergangenen Jahres machten die 27 Nanometer kleinen Partikelchen den größten Rettungseinsatz im Burgenland seit Jahrzehnten notwendig: 111 Schüler mussten wegen Erbrechen, Durchfall und Kreislaufproblemen ins Krankenhaus gebracht werden. Diagnose: Noroviren-Infektion.
Anfang Februar dieses Jahres war rund ein Dutzend Patienten der neurologischen Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt an ebenfalls durch Noroviren verursachtem Brechdurchfall erkrankt, die halbe Abteilung musste isoliert werden. Zwei Wochen später trat die Infektion auch auf der dermatologischen Abteilung im LKH Klagenfurt auf.
Ob das extrem ansteckende Virus, das im Stuhl oder in Erbrochenem ausgeschieden wird, tatsächlich vermehrt auftritt, ist nicht so einfach zu beantworten, gibt Prof. Dr. Günther Wewalka von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE zu bedenken.

Bessere Diagnosemethoden

Die Diagnosemöglichkeiten seien in den letzten Jahren sehr viel aussagekräftiger geworden. Auch seien aufgrund des neuen Epidemiegesetzes vom Sommer 2006 nicht nur bakterielle, sondern auch virale Lebensmittelvergiftungen in Österreich meldepflichtig. In Europa und Nordamerika, wo es Noroviren-Surveillance-Zentren gibt, wurde jedenfalls in den letzten fünf Jahren eine Zunahme an Erkrankungsfällen gemeldet. Die bisher in Österreich registrierten Ausbrüche betrafen hauptsächlich Seniorenresidenzen und gesundheitsversorgende Einrichtungen, es waren unter anderem aber auch Schulen, Firmen und ein Flussschiff betroffen.
Infektionen können das ganze Jahr über auftreten, in den Wintermonaten ist jedoch eine Häufung zu beobachten, weshalb der durch Noroviren verursachte Brechdurchfall in Amerika auch als „winter vomiting disease“ bezeichnet wird.
Erstmals nachgewiesen wurden Noroviren im Jahr 1972. Bereits vier Jahre zuvor waren bei einer Gastroenteritis-Epidemie im US-Bundesstaat Ohio Viren als Verursacher vermutet worden, deshalb wurde der später isolierte Keim zuerst auch – nach der Ortschaft – Norwalk-Virus genannt. Die Krankheitserreger sind weltweit verbreitet, immer in der Umwelt vorhanden und „gegen Umwelteinflüsse recht widerstandsfähig“, wie Wewalka betont. Erst bei Temperaturen von 60 Grad sterben sie ab, in Lebensmitteln, im Wasser, aber auch auf Polstermöbeln oder anderen Gebrauchsgegenständen können sie tagelang überleben. So gibt es einen Bericht über zwei Teppichleger, die zwölf Tage nach Ende eines Norovirenausbruches, nachdem sie den kontaminierten Teppich entfernt hatten, an einer Gastroenteritis erkrankten.
Haupt-Erregerreservoir ist allerdings der Mensch. Er scheidet die Viren in großer Zahl im Stuhl aus. Für eine Ansteckung genügen jedoch schon zehn Viruspartikel. Dann kommt es ziemlich rasch zu heftigem Erbrechen und Durchfall. Auch Bauch-, Kopf- und Muskelschmerzen können auftreten, bei manchen Infizierten steigt die Körpertemperatur. Nach zwölf bis 60 Stunden ist für gewöhnlich alles ausgestanden. In der Regel reicht eine ambulante Behandlung aus.

Die Ausbreitung verhindern

Doch „in Gemeinschaftseinrichtungen wie Krankenhäusern, Pflegestationen, Seniorenresidenzen oder Schulen gelten Noroviren als häufigste Ursache für Ausbrüche von Gastroenteritis“, sagt Prof. Dr. Franz Allerberger, Bereichsleiter Humanmedizin der AGES. Denn durch den häufigen und engen Kontakt zwischen Patienten und Personal können die Erreger in diesen Einrichtungen rasch mitunter schwer beherrschbare Ausbrüche von Brechdurchfällen auslösen. Vor allem bei älteren oder immungeschwächten Menschen kann eine Infektion – wie jede Gastroenteritis – lebensgefährlich werden. Für gewöhnlich erfolgt die Behandlung symptomatisch durch Ausgleich des Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlustes.
Um eine Ausbreitung der Infektion vor allem in Gemeinschaftseinrichtungen zu verhindern, bedarf es freilich gezielter Hygienemaßnahmen. Dazu hat die AGES vor kurzem Leitlinien erarbeitet, in denen unter anderem das schrittweise Vorgehen in der Abklärung einer Gastroenteritis-Häufung, Isolierungsmaßnahmen und die Vorgehensweise zur Unterbrechung der Übertragungskette erläutert werden. „Ein Ziel dieser Leitlinie war es auch, die verschiedenen lokalen Maßnahmenempfehlungen österreichweit zu harmonisieren“, sagt Allerberger.
Eine einfache Maßnahme kann offenbar nicht oft genug wiederholt werden: Gründliches Waschen der Hände mit Seife verringert die Gefahr der Ansteckung und der Kontamination.

Die kostenlose Leitlinie „Vorgehen bei Gastroenteritis-Ausbrüchen durch Norovirus“ kann bei der AGES (Tel.: 050 555-37100) bestellt oder unter www.ages.at heruntergeladen werden.

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