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Innere Medizin 13. Februar 2007

Der Zeck mit dem Wandersteck’

Klimatische und sozioökonomische Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, in vermeintlich sicheren Landstrichen das Opfer eines Zeckenstiches zu werden. Experten kritisieren zu niedrige Durchimpfungsraten in Europa.

Das Phänomen des „global warmings“, des Klimawandels hat sich auf den Wissenschaftsseiten der Zeitungsmacher festgefroren. Gefürchtet werden vor allem die großen Katastrophen, die infolge schmelzender Polkappen, ausgedörrter Landstriche und weit reichender Überschwemmungen möglicherweise in den nächsten Jahrzehnten über uns kommen. Was auch immer die derzeitigen Klimabedingungen verursacht, sie zeigen ihre Auswirkungen auch im Kleinen – präziser formuliert: im Zeckenformat. Zunehmende Niederschläge, erhöhte Jahresdurchschnittstemperatur und ausgedehnte Sonnentage beschleunigen nämlich den Entwicklungszyklus der Zecken, wie Prof. Dr. Jochen Süss vom deutschen Friedrich-Loeffler-Institut, Jena, anlässlich einer internationalen Pressekonferenz der International Scientific Working Group on Tick-Borne Encephalitis (ISW-TBE) in Wien zu berichten wusste. „Daher haben wir heute eine erhöhte Populationsdichte und erweiterte Verbreitungsgebiete. Die Zecken ziehen nordwärts und bevölkern Landstriche, wie etwa in Schleswig-Holstein, der Südspitze Norwegens oder in Gebieten des Fernen Ostens, die niemals zuvor durch Zeckenbesiedlung aufgefallen sind.“

Gefährlicher Holzklau

Doch nicht allein der bedenkliche Wetterumschwung macht die Zecken zu Weltenbummlern. Das kontinuierliche Populationswachstum der Blutsauger wird des Weiteren durch sozioökonomische Faktoren getriggert. So lässt etwa der eigentlich erfreuliche umweltbewusste Einsatz von Pestiziden die Sterblichkeit von Kleinsäugern, den wichtigsten Wirtstieren der Zecken, sinken. Für Mahlzeiten ist also gesorgt – ebenso für alternative Wirte. Die Winter sind zwar mild, aber nicht freundlich genug, um die sonnenhungrigen Menschen in den ersten Frühlingstagen nicht in die Fänge der nach Blut dürstenden Zecken zu treiben. Freizeitaktivitäten im Freien boomen: Nordic Walking, Mountain-Biking oder das immer populär werdende Golfen. Aber auch Menschen auf der entgegengesetzten Seite der Einkommensskala sind gefährdet. Der rasante Preisanstieg fossiler Brennstoffe verleitet nicht wenige, auf das Holz im heimischen Wald zurückzugreifen, so Süss. Die Reiselust der Zecken wäre kaum ein Thema, wenn die Insekten nicht das FSME-Virus im Gepäck, genauer in der Speicheldrüse tragen würden. Die steil ansteigende globale Inzidenzkurve von Frühsommer-Meningoenzephalitiden (FSME, engl. tick-borne encephalitis, TBE) im Jahr 2006 scheint Süss’ Darlegungen zu bestätigen. So verzeichnete etwa Tschechien nach einem einzigartigen Jahr 2005 (642 Erkrankungen) mit mehr als 1.017 Fällen 2006 das nächste Rekordjahr. Auch Deutschland folgt dem Trend, dort erreichte man 2006 mit mehr als 535 Patienten ebenfalls einen absoluten Gipfelpunkt. Aber selbst im dank seiner hohen Durchimpfungsrate (88 Prozent aller Österreicher haben zumindest einmal eine FSME-Impfung erhalten) mustergültigen Österreich gab es 2006 insgesamt 84 stationäre Fälle. „Wir konnten in Österreich mithilfe bewusstseinsbildender Kampagnen viel erreichen. Allerdings müssen wir vermehrt die erhöhte Mobilität der europäischen Bevölkerung berücksichtigen. Zu viele Touristen sind völlig ahnungslos, welche Gefährdung von Zecken ausgeht. Daher müssen wir umfassender informieren und die Zahl der geimpften Personen europaweit erhöhen. Österreich exportiert wahrscheinlich mehr Viren als bislang angenommen“, erklärte Prof. Dr. Michael Kunze, Vorstand des Wiener Institutes für Sozialmedizin, die Ziele der ISW-TBE. Tatsächlich kommt es statistisch gesehen allein in der Steiermark zu sechs reisebedingten FSME-Erkrankungen pro Jahr. Dabei hätte man mit der FSME-Schutzimpfung eine schlagkräftige Präventivmaßnahme im Arsenal, erklärte Kunze. Vakzinieren ist die beste Möglichkeit, gegen FSME vorzugehen, bestätigte Dr. Ulf Baumhackl, Vorstand der Neurologischen Abteilung am KH St. Pölten, denn eine kausale Behandlung liegt weiterhin außerhalb ärztlicher Möglichkeiten. Immerhin bleiben bei einem Drittel der Betroffenen Behinderungen zurück, etwa jede hundertste Erkrankung endet gar tödlich. Baumhackl warnte insbesondere vor der Sorglosigkeit im Alter: „Da setzt dann der fatale Glauben ein, dass bisher ohnehin nichts passiert ist.“ Doch gerade bei Senioren verläuft die virale Infektion schwerer und hinterlässt mit größerer Wahrscheinlichkeit neurologische und kognitive Defizite.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 7/2007

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