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Innere Medizin 14. Dezember 2006

„Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“

Wie in vielen anderen Bereichen der Medizin liegt auch bei Frauen mit Schlafatemstörungen aus den verschiedensten Gründen eine Unterdiagnostik und Untertherapie vor. Zum einen sind unterschiedliche Symptomexpression und -perzeption bei den Betroffenen selbst dafür verantwortlich. Andererseits zeigt sich, dass Männer bei nächtlichen „Atemaussetzern“ ihrer Partnerin eher nicht besorgt reagieren. Eine stärkere Sensibilisierung wäre hier gefragt.

Seit den ersten wissenschaftlichen Publikationen zum Thema „Schlafapnoe“ als eigenständigem Krankheitsbild Ende der 70-er Jahre hat sich eine Vielzahl von Untersuchungen mit der Prävalenz, den pathophysiologischen Auswirkungen und der Therapie diverser Schlafatemstörungen beschäftigt. Das obstruktive Schlafapnoesyndrom, kurz OSAS, ist die am häufigsten auftretende Form des Krankheitsbildes. Dabei handelt es sich um wiederkehrende Atemstillstände im Schlaf, die sich akustisch durch lautes Schnarchen im Wechsel mit „Apnoen“ bemerkbar machen. Das Krankheitsbild tritt vor allem bei übergewichtigen Patienten auf und ist durch eine Instabilität der Pharynxwand charakterisiert. Durch eine physiologischerweise auftretende weitere Verringerung des Muskeltonus im Schlaf kommt es schließlich zu einem partiellen oder kompletten Verschluss der oberen Atemwege.
Die Atempausen während des Schlafes können in Extremfällen 60 Sekunden und länger dauern und sich in einzelnen Fällen 300- bis 400-mal pro Nacht ereignen. Die hiermit verbundene Hypoxämie und starke Druckschwankungen im Brustkorb bedeuten für den Körper eine sehr hohe Belastung.

Sehr hohe körperliche Belastung

Stresshormone werden ausgeschüttet, Blutdruck und Herzfrequenz steigen an, bis der Atemstillstand schließlich wieder durch tiefes Durchatmen, begleitet von lautem Schnarchen, beendet wird. Folgen sind ein deutlich erhöhtes unabhängiges Risiko für Hypertonie, Myokardinfarkt, Diabetes mellitus und Schlaganfälle.
Epidemiologische Untersuchungen belegen, dass etwa 10 bis 14 Prozent der Männer und 4 bis 7 Prozent der Frauen über dem 40. Lebensjahr von einer Schlafapnoe betroffen sind (Ratio 2:1). Verschiedene Ursachen scheinen für den Geschlechts-spezifischen Unterschied in der Prävalenz der Schlafapnoe verantwortlich zu sein. Zum einen dürften Männer im Vergleich zu Frauen allgemein eine höhere Pharynxkollapsibilität aufweisen. Zum anderen gibt es auch Unterschiede in der Anatomie der oberen Atemwege. Obwohl Männer mit OSAS bei gleichem Körpergewicht einen größeren Nackenumfang aufweisen verglichen mit Frauen, die am OSAS leiden, zeigt der anatomische Atemwegsquerschnitt auf Höhe des Hypopharynx beim männlichen Geschlecht kleinere Dimensionen als bei gleichaltrigen Frauen.
Besonderes Augenmerk sollte auch auf geschlechtsspezifische Altersunterschiede zum Zeitpunkt der Diagnosestellung gelegt werden. In der Regel findet sich die OSAS nur relativ selten bei Frauen unter dem 50. Lebensjahr. Ab dem 50. Lebensjahr kommt es jedoch zu einer deutlichen Zunahme des Risikos für die Entstehung einer Schlafatemstörung beim weiblichen Geschlecht. Diese eher willkürlich gewählte Dichotomie spiegelt in erster Linie eine Umstellung im hormonellen Status der Frau wider. So konnte eine Reihe von Untersuchungen belegen, dass postmenopausale Frauen häufiger an Schlafapnoe leiden als prämenopausale Frauen.

Protektiver Effekt durch weibliche Sexualhormone

In experimentellen Studien wurde den weiblichen Sexualhormonen ein protektiver Effekt in der Entstehung der OSAS zugeschrieben. In diesem Zusammenhang ist auch die Reduktion der Anzahl nächtlicher obstruktiver Apnoen bei bestehender OSAS während der Schwangerschaft zu interpretieren. Im Gegensatz dazu scheinen geschlechtsreife Frauen mit erhöhtem Androgenspiegel, wie beim polyzystischen Ovarialsyndrom, ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer OSAS aufzuweisen.
Hormonelle Unterschiede dürften mitunter auch für geschlechtsspezifische Unterschiede im zentralen Atemantrieb verantwortlich sein. So konnte in aktuellen Studien gezeigt werden, dass übergewichtige Frauen insgesamt höhere Leptinspiegel aufweisen als Männer, woraus eine Stimulierung des Atemantriebs und somit eine geringere Anzahl nächtlicher Apnoen resultieren könnte.
Der klinische Verdacht auf eine Schlafatemstörung sollte in jedem Fall durch eine ambulante Screeninguntersuchung (Polygraphie) erhärtet bzw. durch eine Untersuchung im Schlaflabor (Polysomnographie) bestätigt werden. Bedauerlicherweise dürften jedoch Frauen seltener zu einer solchen Abklärung zugewiesen werden als Männer.

Eher atypische Symptome bei Frauen

Während das Geschlechter-Verhältnis einer OSAS in der Allgemeinbevölkerung bei 2:1 (M:F) liegt, findet sich in den Schlaflabors häufig eine Ratio von bis zu 7:1. Das OSAS ist demnach bei vielen Frauen unterdiagnostiziert. Das liegt offenbar auch an unterschiedlicher Symptomexpression und -perzeption.
Während das Krankheitsbild bei Männern typischerweise mit Schnarchen, beobachteten Apnoen und exzessiver Tagesmüdigkeit einhergeht, dürften Frauen häufiger atypische Symptome zeigen. In einer rezenten Untersuchung konnten wir zeigen, dass Frauen mit OSAS wesentlich häufiger über allgemeine Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Depressionen und unruhige Beine klagen als Männer mit dem gleichen Schweregrad der Erkrankung. Diese Symptome dürften für manche Ärzte das Problem maskieren, wodurch ein Schlafapnoesyndrom nicht diagnostiziert wird.
Männer scheinen außerdem weniger beunruhigt zu sein, wenn sie bei ihrer Partnerin Schlafatemstörungen in der Nacht bemerken. Frauen hingegen sorgen sich mehr und reagieren darauf, wenn ihr Partner in der Nacht solche Symptome aufweist. Aufgrund dieser Ergebnisse wäre eine verstärkte Sensibilisierung gegenüber den manchmal verschleierten Symptomen einer Schlafatemstörung bei Frauen wünschenswert. Schließlich wissen wir auch aus vielen anderen Bereichen der Medizin, dass Frauen bedauerlicherweise oft unterdiagnostiziert bzw. untertherapiert werden.

Dr. Arschang Valipour
I. Interne Lungenabteilung, Otto-Wagner-Spital, Wien,
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