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Innere Medizin 14. Dezember 2006

Diskussion über Lungenkrebs-Screening

Lungenkrebs ist das am häufigsten zum Tod führende Malignom. Versuche einer gezielten Früherkennung blieben bisher erfolglos. Wenn heute frühe und damit heilbare Stadien erkannt werden, dann durch Zufall. Mit der Low Dose Computertomographie steht erstmals ein potenzielles Screening für Risikopatienten zur Verfügung. Prof. O. C. Burghuber, Vorstand der 1. Internen Lungenabteilung, Otto Wagner Spital Wien, analysiert im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE die rezenten Daten.

Der Lungenkrebs ist mit über 3.200 Toten jährlich die häufigste Krebstodesursache in Österreich. Die schlechte Prognose liegt nicht zuletzt daran, dass weitaus die meisten Fälle viel zu spät erkannt werden. Der Lungenkrebs hat keine typischen Frühsymptome und führt erst spät zu Veränderungen im Labor. Wenn ein verdächtiger Schatten im Röntgenbild auffällt und abgeklärt wird, dann meistens als Zufallsbefund. Ältere Versuche, ein Screening zu etablieren, scheiterten. So stellten sich Röntgenreihenuntersuchungen und die Sputumzytologie in riesigen amerikanischen und ostdeutschen Studien als nicht effizient dar. Was bleibt, ist eine klar definierte Risikopopulation: Raucher und Exraucher über 40 Jahre.
Eine Ende Oktober veröffentlichte internationale Studie ließ mit Daten von über 30.000 Risikopatienten in einer zehnjährigen Beobachtungsphase aufhorchen und hat eine Diskussion über einen möglichen Weg zur Früherkennung des Lungenkrebses losgetreten.

Können Sie die Methoden und Ergebnisse der Arbeit der ‚The International Early Lung Cancer Action Program Investigators’ vorstellen?
Burghuber: Die Grundlage der Arbeit ist die seit Beginn der Neunziger Jahre verfügbare Low Dose Computertomographie, sie ermöglichte erstmals qualitativ hochwertige Schichtbilder mit verhältnismäßig geringer Strahlenbelastung für den Patienten. Mit dieser Technik wurde eine große Studienpopulation aus Rauchern, Exrauchern und passiv exponierten Menschen zwischen 1993 und 2005 untersucht.
Insgesamt nahmen 31.567 asymptomatische Personen in den USA, Europa, Israel und Japan teil. Mit Eintritt in die Studie wurden sie einer Low Dose CT unterzogen. Wenn dabei ein abklärungsbedürftiger Rundherd und in der Folge ein Bronchuskarzinom entdeckt wurde, erfassten die Untersucher die Überlebensrate der Betroffenen. Alle unauffälligen Probanden wurden über zehn Jahre weiter jährlich mit einer Low Dose CT untersucht. Insgesamt konnten 484 Fälle von Lungenkrebs gefunden werden, 85 Prozent davon im klinischen Stadium I. Bei diesem Stadium besteht ein maximal 2 cm großer Rundherd ohne befallene mediastinale oder hiläre Lymphknoten, sowie ohne Fernmetastasen.

Konnte für die detektierten Karzinompatienten ein Vorteil in Bezug auf die Mortalität erzielt werden?
Burghuber: Einen hundertprozentigen Beweis, dass die Low Dose CT das Überleben positiv beeinflusst, kann diese Studie methodisch nicht erbringen, da es keine Kontrollgruppe gibt. Es muss aber festgehalten werden, dass die 10-Jahres-Überlebensrate der in Stadium I erkannten Personen unabhängig von der angeschlossenen Therapie bei erfreulichen 88 Prozent lag. Demgegenüber wird von acht Betroffenen berichtet, bei denen keine Behandlung des Krebsleidens erfolgte. Alle verstarben innerhalb von fünf Jahren ab Diagnosestellung.

Ist ausgehend von diesen Daten eine Empfehlung für ein Screening von Risikopatienten denkbar?
Burghuber: Die Low Dose CT kann Lungenkrebs in frühen und behandelbaren Stadien erkennen. Die Rahmenbedingungen für ein Screening sind komplexer. Erwartungsgemäß war der Anteil entdeckter Karzinome bei den Erstuntersuchungen größer als bei den jährlichen Kontrollen. Verglichen mit der etablierten Screeningmethode Mammographie beim Brustkrebs, waren die ermittelten Detektionsraten der erstmaligen Low Dose CT höher. Ausgehend von den aktuellen Daten müssten, grob geschätzt, 100 asymptomatische Risikopersonen untersucht werden, um einen potenziell tödlich verlaufenden Lungenkrebs aufzudecken.

Jährliche CT-Kontrollen sind mit enormem Aufwand verbunden. Wenn ein Vorsorgeprogramm eine einzelne Low Dose CT für Risikopersonen enthielte, wer sollte wann gescreent werden?
Burghuber: Die wichtigste Risikogruppe sind Raucher und Exraucher ab einer Größenordnung von 20 Pack Years. Ein geeigneter Zeitpunkt für ein Low Dose CT Screening liegt zwischen dem 50. und 55. Lebensjahr. Es muss aber bedacht werden, dass aus solchen Untersuchungen ein enormer Kontroll- und Abklärungsbedarf resultieren wird. Viele Menschen zeigen unklare, aber völlig harmlose Rundschatten. Die Folge könnten eine Over-Diagnosis und ein Over-Treatment sein.
Letztlich wird sich die Frage stellen, ob sich die Gesellschaft dieses Screening leisten will. Aus finanzieller Sicht bleibt festzuhalten, dass ein früh erkanntes und heilbares Bronchuskarzinom weit weniger Kosten verursacht als eine Chemo- oder Strahlentherapie in einem fortgeschrittenen Stadium.

Literatur: The International Early Lung Cancer Action Program Investigators „Survival of Patients with Stage I Lung Cancer detected on CT Screening” NEJM 2006 Vol. 355 No. 17: 1763-71

Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 26/2004

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