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Innere Medizin 14. Dezember 2006

Aufklärung ist gut, Verbot ist besser

Das Risiko von Herzerkrankungen oder hohem Cholesterin ist in der Bevölkerung wesentlich bekannter als die nicht minder gefährlichen chronischen Lungenerkrankungen. Die aktuelle Diskussion über mögliche Rauchverbote bietet den Lungenfachärzten die große Chance, auf die Wichtigkeit ihres Fachgebietes hinzuweisen und die Lunge ein wenig aus ihrem Schattendasein zu befreien.

„Unser Fachbereich erfuhr in den vergangenen Jahren eine deutliche Umstrukturierung“, berichtet Prim. Doz. Dr. Günther Forche, Krankenhaus der Elisabethinen in Graz und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP). „Die Österreichische Gesellschaft für Lungenerkrankungen und Tuberkulose wurde bereits unter meinem Vorgänger in die Gesellschaft für Pneumologie umbenannt, unser Kongress findet mittlerweile jährlich statt.“
Gleichzeitig wurde die Tagung für Atemphysiologie und Tuberkulose in die ÖGP-Jahrestagung integriert. „Dies macht nicht zuletzt auch aus finanziellen Gründen Sinn und ist für unsere Sponsoren attraktiver“, erklärt Forche im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE.

Welche Anliegen stehen sonst noch auf der Agenda Ihrer Präsidentschaft?
Forche: Ein weiteres Anliegen ist die Umstrukturierung des Diplom-Fortbildungs-Programms. In Zukunft werden alle relevanten Themen unter Einbeziehung des jährlichen Kongresses in einem dreijährigen Zyklus abgehandelt. Unverändert bleibt das Anliegen der Gesellschaft, die wissenschaftliche Forschung in Österreich zu aktivieren.

Welche Schwerpunkte bestimmten den diesjährigen Kongress in Graz?
Forche: Unsere jährliche Tagung wurde heuer von einem Kongress-Organisationskomitee gestaltet: Neben den wissenschaftlich tätigen Kollegen und Instituten waren die Vorstände der Lungenabteilungen und die dort tätigen Fachärzte, aber auch die niedergelassenen und die Ärzte in Ausbildung sowie die assoziierten Berufsgruppen, wie Physiotherapeuten und Krankenpflegepersonal, aber auch Selbsthilfegruppen, vertreten. Die einzelnen Gruppierungen konnten ihre thematischen Hauptanliegen positionieren.
Dieses Jahr lag der Schwerpunkt auf dem Bronchus-Karzinom, auf Infektionen, Schlafapnoe, Umwelteinflüssen und Nikotin sowie dem Bereich der Rehabilitation. Zu all diesen Themen wurde von den Gruppenvertretern und jeweils einem Arbeitskreisleiter der Gesellschaft das Programm erstellt.

Welche Vorteile versprechen Sie sich von dieser Art der Kongressorganisation?
Forche: Mit dieser Meinungsvielfalt, dem Eingehen auf die Wünsche aller Interessensgruppen, ist es möglich, die tatsächlich anstehenden Fragen zu behandeln, ohne einen allzu gro­ßen Schwerpunkt auf die Steckenpferde des jeweils amtierenden Präsidenten zu legen. Damit ist für die Gruppierungen, unabhängig von der Präsidentschaft, eine Kontinuität über viele Jahre gegeben.
Tatsächlich waren die Umfrageergebnisse in Graz ausgezeichnet. Der Kongress wurde sehr gut angenommen, auch die Relation zwischen wissenschaftlich und praktisch orientierten Blöcken bezeichneten die Teilnehmer als ausgewogen. Mit der Etablierung der jährlichen Tagung hat der Lungenfacharzt quasi ein Zuhause gefunden und konnte beim Kongress in Graz je nach Engagement zwei- bis dreimal mehr Fortbildungspunkte erwerben als bisher.

Inwiefern soll die Änderung der Fachbezeichnung auch ein Zeichen nach außen sein?
Forche: Die Lungenheilkunde hat sicher noch Imageprobleme, und es besteht – etwa im Vergleich zur Kardiologie – starker Aufholbedarf. Dies resultiert aus der geschichtlichen Entwicklung, weil das Herz innerhalb der Inneren Medizin sehr früh eigenständig universitär wurde. Die Pneumologie setzte diesen Schritt erst Anfang der 1990-er Jahre in Wien, vor kurzem auch in Graz und Salzburg. So wird auch der „Kampf dem Herztod“ von Patienten und Kollegen viel ernster genommen als unsere COPD. Obwohl diese Erkrankung in zehn Jahren rund eine Million Österreicher betreffen und damit an dritter Stelle der „Killerkrankheiten“ stehen wird, stellen sich Husten und Auswurf für den Bürger bei weitem nicht so dramatisch dar wie der Thoraxschmerz oder ein hoher Cholesterinspiegel.

Warum wissen die Menschen besser über das Cholesterin als über ihre Lunge Bescheid?
Forche: Hier haben es die kardiologischen Kollegen sicher besser verstanden, eine entsprechende Bewusstseinsbildung zu schaffen. Nach den beängstigenden Daten der BOLD-Studie sollten wir aber dringend handeln. Wir müssen daher immer wieder an die Öffentlichkeit gehen und der Lunge jenen Stellenwert einräumen, der ihr gebührt.

Im Umfeld der derzeitigen Diskussion um mögliche Rauchverbote lässt sich die Pneumologie gut positionieren …
Forche: Eigentlich wurde die aktuelle Debatte in Graz gestartet. Auf einem prominent platzierten Info-Stand der EU konnten wir am Nichtrauchertag vergangenen Mai über die Gefahren des Rauchens für die Lunge aufmerksam machen. Diese Aktion stieß auf großes Interesse, und wir konnten auch einige politisch Verantwortliche für eine Notwendigkeit des Rauchverbotes in öffentlichen Gebäuden sensibilisieren.
Passivrauchen in der Gastronomie betrifft nicht nur die Gäste, sondern in weitaus höherem Ausmaß auch das Personal. Nach dem österreichischen Arbeitsschutzgesetz besteht für jeden Dienstnehmer das Recht auf einen rauchfreien Arbeitsplatz (Anm.: §30 ASchG). Dies stellt demnach eine Diskriminierung dieser Angestelltengruppe dar.
Die Thematik wurde vom Gesetzgeber zwar aufgegriffen und weiterverfolgt, es gab jedoch keine Sanktionen des Arbeitsinspektorates, höchstens Abmahnungen. Europaweit ist hingegen bereits ein deutlicher Trend zu beobachten: Nach Italien werden mit 2007 auch England und Frankreich ein Rauchverbot an öffentlichen Plätzen erlassen.

Der Zusammenhang zwischen COPD und dem Rauchverhalten gilt ja mittlerweile als gesichert …
Forche: Das Rauchen steht in der Europäischen Union im Ranking präventiver Gesundheitsmaßnahmen an erster Stelle. Widersprüchlich ist allerdings, dass die EU für die Lungenforschung nicht allzu viel übrig hat: Bei den „Major Diseases“ sind Lungenerkrankungen nicht dabei. Die Lunge hat kein gutes Lobbying.

Ist die vieldiskutierte Feinstaubbelastung noch ein Thema?
Forche: Es ist skurril zu beobachten, wo die Prioritäten gesetzt werden. Der Grenzwert liegt bei einem Partikelmassewert (PM) von 50 Mikrometer pro Kubikmeter Luft. Wenn dieser Wert 30-mal pro Jahr überschritten wird, müssen Maßnahmen wie Fahrverbote gesetzt werden. Wird jedoch zu Hause ein paar Mal geraucht, so steigt dieser Wert bereits auf 150 an, in Restaurants auf 200, in Autos und Diskotheken auf 600 bis zu 1.300.
Ein einzelner Raucher kann die dreifache Menge des Feinstaubgrenzwertes erzeugen. Zudem wird beim Rauchen Ultrafeinstaub freigesetzt, der lungengängig ist und direkt in das Lungengewebe und die Blutgefäße eindringt.
Es verwundert wirklich, dass derartige Erkenntnisse nicht zu weitaus restriktiveren Maßnahmen geführt haben. Alle Strategien, die wir bislang versucht haben – Aufklärung, Werbeverbot, erhöhte Preise –, scheinen nicht zu fruchten. Das Einstiegsalter geht, vor allem bei Frauen, zunehmend nach unten. Hier kann man nicht mehr zusehen und aufklären, hier ist der Gesetzgeber gefordert, Maßnahmen zu setzen. Rauchen ist keine Privatsache mehr, die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo er andere schädigt.

Wie sieht es mit der Aufnahme der Lungenfunktion in die Vorsorgeuntersuchung aus?
Forche: Die enorme Zahl an COPD-Kranken, die wir in den nächsten Jahren zu erwarten haben, sollte eine Lungenfunktion im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung rechtfertigen. Schließlich kommen die Betroffenen mit Husten und Auswurf zum Arzt, ohne entsprechende Validierung der Lungenfunktion kann man die Diagnose nicht stellen.
Die Chance liegt in der kleinen Lungenfunktion: Mit dem FEV1 kann man bereits eine Vorinformation erhalten. In der Steiermark wurde schon früh damit begonnen, die Allgemeinmediziner auf diesen Test einzuschulen. Ein großer Prozentsatz der COPD-Patienten lässt sich damit früh erfassen. Ich hoffe daher, dass die Lungenfunktion bald in die Gesundenuntersuchung aufgenommen wird, denn schon im frühen Stadium 2 der COPD sollten Maßnahmen gesetzt werden.

Sind andere Parameter wie die inspiratorische Kapazität hinsichtlich einer COPD nicht aussagekräftiger?
Forche: Wir können mit der kleinen Lungenfunktion eine Vorselektion machen. Finden sich hier geringste Veränderungen, dann wäre die weiterführende Abklärung beim Lungenfacharzt erforderlich.

Welche Anliegen haben Sie an die Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmedizin?
Forche: Ich würde mir wünschen, das Thema Rauchen nicht zu bagatellisieren. Es ist evident, dass Rauchen schädigt. Mittlerweile wurde in der EU auch anerkannt, dass Passivrauchen Tod, Krankheit und Invalidität mit sich bringen kann.
Wenn die allgemeinmedizinische Kollegenschaft eine kleine Lungenfunktion durchführt, lassen sich bereits viele Schädigungen im Frühstadium erkennen und damit auch gut therapieren. Zur weiteren Abklärung ist die Zusammenarbeit mit einem Pneumologen wünschenswert.

Wie kann ärztliche Hilfe für Raucher konkret aussehen?
Forche: Wir können eine Hilfestellung für die Entwöhnung bieten. Hierfür gibt es standardisierte Programme, die auch im Rahmen des DFP von den Mitgliedern der ÖGP an die Kollegen weitervermittelt werden. Diese Kurse kann jeder besuchen.
Wir müssen versuchen, Rauchern einen Anreiz zum Aufhören zu geben. Schließlich haben viele Betroffene ein dissonantes Suchtverhalten. Allerdings erfordert die begleitende Raucherentwöhnung eine entsprechende Ausbildung. Rauchen spielt sich schließlich im Kopf ab. Jeder Raucher hat ein bestimmtes Suchtverhalten: Stress-, Gewohnheits- oder Genussraucher sollen entsprechend ihrer Programmierung ein individuelles Programm erhalten.
Die Sozialversicherung wäre hier sicher gut beraten, eine weitgehende Kostenübernahme anzubieten. Es rechnet sich in jedem Fall. Die Chance, eine Person vom Rauchen abzubringen, liegt bei gut 30 Prozent. Dazu kommen noch weitere zehn Prozent, die aufgrund strikter Rauchverbote in der Gastronomie zum Nichtraucher werden. Die Maßnahmen fruchten, Verbote bringen in diesem Fall viel.

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