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Innere Medizin 6. Dezember 2006

Wirbelkörper mit Ballon und Zement aufrichten

40.000 Österreicher erleiden pro Jahr osteoporosebedingte Sinterungsfrakturen. Konservative Methoden reichen als Therapie nicht immer aus.

Seit etwa fünf Jahren wird in Österreich eine in den USA entwickelte Behandlungsmethode bei Wirbelkörpereinbrüchen angewendet: Die Ballon-Kyphoplastie ist ein minimalinvasives Verfahren, wobei über eine Kanüle ein Ballon im gebrochenen Wirbelkörper platziert und anschließend mit einem Kontrastmittel gefüllt wird. Der Wirbelkörper wird vom Ballon aufgerichtet und dann mit Knochenzement aufgefüllt. Durch die Zement­einspritzung wird der Wirbel stabil, die Schmerzen werden damit rasch reduziert. Gleichzeitig werden Fehlstellungen der Wirbelsäule verhindert, erklärten bei der Pressekonferenz vorvergangene Woche Prof. Dr. Seyed Mehdi Mousavi, Leiter der Abteilung für Unfallchirurgie am Wiener Donauspital, und Doz. Dr. Ludwig Erlacher, Vorstand der II. Medizinischen Abteilung am SMZ Süd.
Die Operation, die etwa in Wien an sechs Zentren durchgeführt wird, dauert pro Fraktur rund 45 Minuten und erfolgt unter Lokalanästhesie oder Vollnarkose. Dadurch soll eine sofortige Rückkehr ins Arbeitsleben möglich sein, das Tragen eines Stützkorsetts ist nicht notwendig. „Geeignete Kandidaten für diese Technik sind jene Patienten, die trotz konservativer Therapie Dauerschmerzen haben und im hohen Alter aktiv sind und es bleiben wollen“, erklärte Mousavi gegenüber der ÄRZTE WOCHE.

Bewegungseinschränkung

EU-weit leiden rund zwölf Prozent der Bevölkerung unter osteoporotischen Wirbelkörperfrakturen, 40.000 sind es in Österreich. In der Folge kann es zu starken Verformungen des Oberkörpers kommen, zu einer Verringerung oder vollständiger Aufhebung des Rippen-Becken-Abstandes, einer Einengung des Brustkorbs und zur Kyphosierung, der Ausbildung eines „Witwenbuckels“, wie der Volksmund wenig schmeichelhaft sagt.
Rund die Hälfte der Sinterungsfrakturen verläuft akut und ist mit starken Schmerzen verbunden. Das Einbrechen der Wirbelkörper kann jedoch auch einen schleichenden und fast schmerzlosen Verlauf nehmen – dabei kommt es zu einem fortschreitenden Zusammenbruch der Wirbelsäule, wobei die Körpergröße in einem Jahr um fünf bis zehn Zentimeter abnehmen kann.
Die Erkrankung betrifft meist ältere Menschen mit zusätzlich vorhandenen Abnützungen und Schmerzen der Wirbelsäule. Dadurch werden rund zwei Drittel der Brüche nicht diagnostiziert. Vier bis acht Prozent der Bevölkerung zwischen 50 und 54 Jahren haben bereits mindestens eine Wirbelkörperdeformität. In der Altersgruppe der über 75-Jährigen sind es 22 bis 24 Prozent. Frauen über 60 Jahre haben ein doppelt so hohes Risiko für Wirbelfrakturen wie Männer vergleichbaren Alters. Bei Frauen nach der Menopause über 65 Jahren sind 80 bis 90 Prozent aller Wirbelkörperfrakturen auf eine Osteoporose zurückzuführen.
Eine einzige solche Fraktur erhöht das Risiko für eine weitere um das 3,5-fache, liegen zwei Frakturen vor, erhöht sich diese Gefahr um das Sechsfache und bei drei Brüchen sogar um das Zwölffache. Durch die Korrektur der Wirbelsäulendeformität (Kyphose) entstehen zwar weniger Folgefrakturen. Eine Weiterbehandlung der Osteoporose ist jedoch in jedem Fall erforderlich.

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